Politik Drei Mann gegen Russlands Geheimdienst

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Die kleine Redaktion der Moskauer Internet-Zeitung „The Insider“ hat gemeinsam mit dem britischen Rechercheportal Bellingcat die russischen Agenten identifiziert, die den Giftstoffanschlag auf Sergei Skripal ausgeführt haben sollen.

Bellingcat und „The Insider“ deckten nach eigenen Angaben die Identität der beiden verdächtigen Russen auf, die Moskau als Zivilisten bezeichnet hatte. Bei ihnen handelt es sich demnach um Alexander Jewgeniewitsch Mischkin und Anatoli Tschepiga, die beide Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU sein sollen. Mischkin habe unter dem Decknamen Alexander Petrow agiert. Der zweite Mann bei dem Anschlag im Städtchen Salisbury in England nannte sich Ruslan Boschirow. Er ist als Oberst Anatoli Tschepiga in Diensten des GRU identifiziert worden. Im Moment stehe man im Mittelpunkt. „Alle Welt redet über uns. Das bedeutet auch Schutz“, sagt Roman Dobrochotow, Chefredakteur der Internetzeitung „The Insider“. Noch gebe es keine Probleme. Dabei rollen in Russlands Öffentlichkeit heftige Attacken gegen „The Insider“ und seinen britischen Partner, das Rechercheportal Bellingcat. „Bellingcat und jene, die mit ihm kooperieren, sind Pseudo-Medien“, schimpft Maria Sacharowa, Pressesprecherin des Außenministeriums. Westliche Sicherheitsdienste benützten sie, um Desinformationen zu verbreiten. Die kremlnahe Agentur FAN legt nach: „Das Bloggerprojekt Bellingcat wurde oft mit offenen Fälschungen und Fakes erwischt.“ Und der Duma-Abgeordnete Iwan Sucharjew will eine Anfrage an die Staatsanwaltschaft richten, weil „The Insider“ gemeinsam mit Bellingcat geheime persönliche Daten veröffentlicht und damit gegen das russische Strafrecht verstoßen habe. „Diese Bürger verhehlen nicht, dass sie mit berüchtigten britischen Medien zusammenarbeiten.“ Die Bellingcat-Fahnder wurden 2014 international bekannt. Damals lieferten sie als Erste mithilfe von Fotos und Einträgen aus sozialen Netzen zahlreiche Indizien dafür, dass ein BUK-Flugabwehr-System aus Russland das malaysische Passagierflugzeug mit der Flugnummer MH17 über dem Donezbecken beiderseits der russisch-ukrainischen Grenze abgeschossen hat. Diese Art von Online-Ermittlungen waren neu. Bei den Recherchen im Fall Skripal aber kooperiert Bellingcat mit „The Insider“, einer kleinen investigativen Redaktion in Moskau. Roman Dobrochotow, 35, Journalist und liberaler Oppositionsaktivist, gründete „The Insider“ 2013. Das Team bestehe aus 13 Leuten, erzählt er der RHEINPFALZ. Die juristische Adresse aber befinde sich in Lettland, der Umstand erschwert juristische Angriffe aus Russland. Das Moskauer Gerücht, „The Insider“ werde von der US-Stiftung „National Endownment for Democracy“ finanziert, dementiert Dobrochotow. „Wir bekommen einzelne Stipendien, aber von sehr unterschiedlichen Geldgebern, betreiben außerdem Crowdfunding.“ Und man habe geringe Ausgaben, die meisten Redakteure recherchierten von zu Hause aus, wie die Kollegen von Bellingcat. Anastasija Kirilenko, eine investigative Journalistin, die auf Korruption und Kriminalität in Putins Umgebung spezialisiert ist, bestätigt, „The Insider“ zahle nur 200 Euro für eine exklusiv ermittelte Geschichte, das ist ein Drittel des in Moskau üblichen Honorars. „Aber dafür gibt es keinerlei Zensur, und sie publizieren viele Artikel auch auf Englisch, sodass die westliche Presse ebenfalls aufmerksam wird.“ Low-Budget-Journalismus, dessen Publikum allerdings jetzt auf drei Millionen Leser im Monat hochgeschnellt ist. Auch Mischkin und Tschepiga enttarnte man mit bescheidenen Mitteln. Laut Dobrochotow wurden sie im Wesentlichen von zwei Leuten des „Insiders“ und einem russischsprachigen Bellingcat-Experten ermittelt: drei Mann gegen den Militärgeheimdienst. Bellingcat-Gründer Eliot Higgins sprach gegenüber Londoner Reportern immerhin von „ein paar Freiwilligen“, seines Teams. Gemeinsam durchwühlte man soziale Netze nach Absolventen einschlägiger russischer Militärlehranstalten, kramte in den Datenbasen Moskauer Autoversicherungen. „Wir tauschten uns ständig aus, analysierten alles gemeinsam, es gab keine Hierarchie“, sagt Dobrochotow. „The Insider“ habe entdeckt, dass beide Geheimdienst-Männer als Helden Russlands ausgezeichnet wurden, und in Mischkins Geburtsort mit Augenzeugen gesprochen, die ihn als den Verdächtigen Petrow wiedererkannten.

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