Interview
„Die Krebsrate in Fukushima hat sich deutlich erhöht“
Sie haben kürzlich an der Berliner Charité ein internationales Symposium geleitet, bei dem Ärzte und Wissenschaftler Studien nach zehn Jahren Fukushima vorgestellt haben. Was ist da herausgekommen?
Wir hatten die Hoffnung, dass in den vergangenen zehn Jahren die Folgen der Atomkatastrophe für Mensch und Umwelt umfangreich untersucht worden wären. Wir haben aus allen Bereichen der Wissenschaft Studien gesucht und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass in vielen Bereichen Chancen vertan wurden.
Welche Chancen wurden vertan?
Es gibt einige Studien zur Auswirkung der Radioaktivität auf die Tier- und Pflanzenwelt, etwa bei wilden Affen in Fukushima, Schmetterlingen, Vögeln oder auch von Meerestieren – da zeigt sich zum Beispiel, dass in Regionen mit hoher radioaktiver Belastung Tierpopulationen geschrumpft sind und dass es zu höheren Mutationsraten kommt, ähnlich wie in Tschernobyl. Aber es gibt sehr wenige Studien zu den Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit.
Welche Studien zu den Auswirkungen auf Menschen?
Uns fiel auf, dass es sehr viele Studien zu den psychischen Auswirkungen der Atomkatastrophe gibt, aber sehr wenige zu den somatischen Folgen. Es gibt eine großangelegte Untersuchung von Schilddrüsenkrebs bei Kindern aus der Präfektur Fukushima und darüber hinaus gibt es praktisch nichts.
Warum ausgerechnet Schilddrüsenkrebs?
Aus Tschernobyl ist bekannt, dass Schilddrüsenkrebs sehr frühzeitig auftritt und sehr gut nachweisbar ist. Nach dem Unfall in Fukushima war der Druck sehr groß, vor allem von Ärzten und Elternverbänden, eine solche Erhebung durchzuführen. Die Behörden haben sich darauf eingelassen, aber eigentlich mit dem Ziel, aufzuzeigen, dass es keine statistische Zunahme von Krebs gibt.
Was hat die Studie denn ergeben?
Die Studie der Fukushima Medical University wurde zunächst einmal nicht optimal geführt. Sie umfasst nicht alle Geschädigten, sondern nur unter 18-Jährige aus der Präfektur Fukushima, obwohl auch andere Präfekturen vom radioaktiven Niederschlag betroffen sind. Außerdem werden von den ursprünglich 300.000 Teilnehmern nur noch knapp 218.000 nachverfolgt. Trotzdem sieht man eine erhöhe Krebsrate: Die 16-fache Menge, die man erwarten würde.
Das heißt, es gibt offiziell anerkannte Strahlenopfer?
Die japanischen Behörden versuchen, selbst diese offensichtlichen Erkenntnisse kleinzureden, in dem sie sagen, sie sähen zwar den deutlichen Anstieg, könnten sich das aber nicht erklären. Gleichzeitig sind sie sich sehr sicher, dass es mit der Atomkatastrophe nichts zu tun haben kann. Das ist schon bemerkenswert.
Warum, glauben Sie, war es das Ziel, keine Krebs-Zunahme nachzuweisen?
Die Studie wird von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO mitorganisiert und durchgeführt – eine Institution, die das Ziel hat, die Atomenergie zu fördern. Die wollen natürlich zeigen, dass dort nichts zu erwarten ist. Das erklärt die etwas eigentümliche Interpretation der Ergebnisse. Das ist ein bisschen so, als würde man die OPEC bitten, eine Studie zu den gesundheitlichen Folgen der Ölindustrie zu durchzuführen.
Das UN-Strahlenschutzkomitee (UNSCEAR) hat am 10. März die besagte Schilddrüsenkrebs-Studie öffentlich gemacht und jeglichen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Krebsrate und der Radioaktivität aus dem Atomunfall abgestritten. Was sagen Sie dazu?
Das ist die selbe Leier wie damals in Tschernobyl – wo UNSCEAR ebenfalls eine recht unrühmliche Rolle gespielt hat – und 2013 mit dem ersten Fukushima-Bericht von UNSCEAR. Das Problem bleibt dasselbe: UNSCEAR ist ein Komitee, dessen Mitglieder von den Atombehörden der Staaten mit Atomindustrie ausgewählt werden. So entsteht ein einseitiger „group-think“, der sehr stark von Regierungen und Industrie beeinflusst wird und der die ganz klare Erwartung an das Kommittee formuliert: Es darf nichts publiziert werden, was der zivilen Atomenergie schaden könnte. So wurden auch im Fall von Fukushima die Emissions-Zahlen schöngerechnet, sehr selektive Nahrunsmittelproben ausgesucht, bei den Arbeiter*innen ausschließlich auf die Zahlen von AKW-Betreiber Tepco zurückgegriffen, ohne diese kritisch zu prüfen oder zu verifizieren. Zudem wurden zahlreiche falsche Annahmen gemacht, wie etwa, dass ein Embryo die selbe Strahlenempfindlichkeit hat wie ein Kind. Embryonen sind deutlich strahlenempfindlicher, weshalb man ja auch Schwangere nicht mehr röntgt. Eine weitere falsche Annahme ist, dass Hintergrundstrahlung harmlos sei – ist sie nachgewiesenermaßen natürlich nicht – oder dass Strahlung nur Krebs erzeugt. Die Untersuchungen von Hiroshima und Nagasaki, aber auch von Tschernobyl und zahlreichen anderen Atomunfallsorten zeigen, dass Herz-Kreislauferkrankungen ebenso mit Strahlung korrelieren wie Krebserkrankungen.
Was bedeutet diese Nicht-Anerkennung für die Opfer, die beispielsweise an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind?
Die Bemühungen, die Folgen möglichst nicht zu untersuchen oder als Zufallsbefunde zu deuten, führen leider dazu, dass die Menschen weder Anerkennung bekommen noch die Möglichkeit, Entschädigung einzuklagen.
Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, um den Opfern gerecht zu werden?
Die Menschen werden eher dazu gedrängt, wieder in diese Region zurückzuziehen. Wo normalerweise 1 Millisievert pro Jahr erlaubt wäre, ist es in diesen Gebieten aber die 20-fache Dosis – die Jahresdosis eines AKW-Arbeiters. Das wird jungen Familien, Kindern und Schwangeren zugemutet. Das ist eine Verkennung des Menschenrechts auf Leben in einer gesunden Umwelt. Und da würden wir sagen, muss man ansetzen: dass man die Rechte der Menschen anerkennt.
Premierminister Shinzo Abe hat das Land fast acht Jahre regiert. Könnte sich unter Nachfolger Yoshihide Suga etwas ändern?
Das ist nicht zu erwarten. Suga ist ziemlich nah an der alten Regierungslinie. Dafür ist der Druck aus der Wirtschaft und der Atomlobby zu groß, fürchten wir.
Am 25. März soll der Fackellauf der kommenden Olympischen Spiele in Fukushima starten. Sie kritisieren das. Warum?
Die Organisatoren hatten die perfide Idee, den Fackellauf direkt in der nuklearen Sperrzone zu starten. Das ist für die Sportler*innen, die daran teilnehmen, eine Gefahr und die völlig falsche Symbolik. Eine Olympia-Show in der Sperrzone zu organisieren, ist ein Schlag ins Gesicht derer, die bis heute unter der Atomkatastrophe leiden.
Der Fackellauf führt durch Geisterdörfer?
Das sind potemkinsche Dörfer, durch die diese bizarre Olympia-Show zieht. Die sind schnell dekontaminiert worden und ein paar schöne Attrappen für die Fernsehkameras wurden aufgebaut. Sobald der Fackellauf durch ist, ist dort wieder Sperrzone. Man stelle sich vor, man würde einen olympischen Fackellauf durch das evakuierte Pripjat bei Tschernobyl abhalten – da würden Sie auch nur mit dem Kopf schütteln.
Zurück zu den vertanen Chancen durch ausgebliebene Studien. Sind hier Erkenntnisse unwiederbringlich verloren?
Ja, leider. Es gibt ja nicht nur Schilddrüsenkrebs bei den Kindern in Fukushima, es gibt ja auch Leukämie und andere Krankheiten, doch man kann sie nicht mehr in Verbindung mit der Katastrophe bringen. Wenn man keine Daten erhebt, entgehen einem die Zusammenhänge.