Politik
Die Hauptschlagader des Erdölhandels
Die Meerenge von Hormus ist in die Schlagzeilen geraten. Nun soll eine wie auch immer geformte Marinemission die weltweite Versorgung mit Erdöl sicherstellen. Das Nadelöhr am Persischen Golf war auch früher schon ein heftig umkämpfter Ort.
Die Straße von Hormus ist eng, sehr eng. Weniger als 40 Kilometer Meer trennen den Oman und Iran. Die Schifffahrtsrinnen, in denen die riesigen Öltanker fahren können, sind allenfalls drei Kilometer breit, in jeweils einer Fahrtrichtung. Das „Nadelöhr des Welthandels“, die „Hauptschlagader der Erdölversorgung“, der „neuralgische Punkt der globalen Energieversorgung“ besitzt eine strategische Bedeutung, mit der sich nur wenige Orte auf dieser Welt messen können. Ein Fünftel des weltweiten Nachschubs an Öl kreuzt durch diese Meerenge, ein Drittel des weltweit verschifften Öls und 90 Prozent des aus den Golfstaaten exportierten schwarzen Goldes.
Kriegsschiffe aus Europa
Dabei lassen die felsigen, unfruchtbaren Küsten die Meerenge von Hormus eher wie einen unbedeutenden Landstrich erscheinen. Aber im Laufe der Geschichte war die Meerenge immer ein turbulentes Stück Ozean. Die Ruine eines aus roten Steinen gebauten portugiesischen Forts auf der Insel von Hormus zeugt noch heute von den Versuchen der einstigen europäischen Seemacht im 16. und 17. Jahrhundert, ihren Handelsplatz gegen die unablässigen Angriffe dort ansässiger Stämme zu schützen.
Auch das Entsenden von Kriegsschiffen – wie es ja jetzt wieder diskutiert wird – war bereits früher im Instrumentenkasten der europäischen Politik. So wurde 1819 das britische Kriegsschiff „Eden“ nach Hormus entsandt, um den Seeweg nach Indien zu schützen und die Piraterie dort auszurotten. Doch die kleinen wendigen Schiffe der Küstenbewohner machten den schwerfälligen europäischen Kriegsschiffen das Leben schwer – so ähnlich wie heute die Schnellboote der iranischen Revolutionsgarden, die immer mal wieder überfallartig agieren. Die Briten erkannten damals bald, dass sie an den Küsten Verbündete brauchten – sie bauten ein Netzwerk alliierter Scheichtümern auf, die ihnen bei der Bekämpfung der Piraten halfen. Bis zu ihrem Abzug 1970 sorgten die Briten auf diese Weise für relative Ruhe.
Sturz des Schahs
Doch schon neun Jahre später brach mit dem Sturz des Schahs in Iran und der folgenden islamistischen Revolution ein neuer Unruheherd am Persischen Golf auf. Die USA hatten zu der Zeit das machtpolitische Vakuum, das durch den Zerfall des britischen Empires entstanden war, bereits gefüllt. Schnell war die sogenannte Carter-Doktrin geboren, benannt nach dem damaligen US-Präsidenten. Sie besagt, dass mit einer militärischen Intervention am Golf zu rechnen sei, sollte der für die (damals vor allem westliche) Welt lebenswichtige Ölfluss gefährdet sein.
1987 intervenierte die US-Marine dann direkt im Krieg zwischen Iran und Irak: Sie begleitete kuwaitische Schiffe. Ein Jahr darauf versenkte das US-Militär im „Tankerkrieg“ iranische Kriegsschiffe.
Mit Kampfjet verwechselt
Für das kollektive iranische Bewusstsein bleibt die Meerenge auch tief mit einem anderen Ereignis verwurzelt. 1988 schoss das US-Kriegsschiff „Vincennes“ dort mit Raketen einen Airbus 300 der iranischen Fluggesellschaft Iran Air ab. Keiner der 290 Menschen an Bord des Fluges 655, meist Iraner auf dem Weg von der iranischen Hafenstadt Bander Abbas nach Dubai, überlebte. Die US-Navy behauptete damals, sie habe das große Passagierflugzeug mit einem iranischen F-14 Kampfjet verwechselt. Man habe geglaubt, dieser greife ihr Schiff an.
Erneut flammten die Spannungen rund um Hormus im Dezember 2012 auf. Iran drohte die Meerenge mit militärischen Mitteln zu schließen – als Antwort auf amerikanische und europäische Sanktionen, mit denen Teheran dazu gebracht werden sollte, sein Atomprogramm zu überdenken. Die Wogen um Hormus glätteten sich erst, als im Juli 2015 in Wien der Atomdeal zwischen Iran, den USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich, der EU und Deutschland unterzeichnet wurde. Doch vergangenes Jahr erklärte Donald Trump den von seinem Amtsvorgänger Barack Obama ausgehandelten Vertrag für null und nichtig. Er verhängte neue Sanktionen gegen Iran. Und so wurde es rund um Hormus wieder stürmisch. Die Iraner verfolgen dabei eine einfache Taktik: Wenn unser Ölsektor angegriffen wird, drohen wir, den Welthandel zu stören.
Iran militärisch unterlegen
Auf der arabischen Seite des Golfs herrscht unterdessen keine Einigkeit, wie mit dem großen Nachbarn Iran umgegangen werden sollte. Oman, dessen Enklave das unmittelbare Küstengebiet der Meerenge von Hormus bildet, fährt seit Jahrzehnten eine Politik des Ausgleichs mit Iran, im Gleichklang mit den Emiraten Katar und Kuwait. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate wiederum gehen im Schatten ihrer Schutzmacht USA auf Konfrontationskurs. Sie setzen auf US-Präsident Trump, wenn es darum geht, ihren regionalen Erzrivalen Iran einzudämmen. Denn trotz ihrer milliardenschwerer Waffenkäufe in den USA sind beide Iran militärisch unterlegen.
Teherans wiederholte Drohungen, die Meerenge von Hormus zu schließen, machen beide Länder sichtbar nervös. Sowohl Saudi-Arabien als auch die Emirate suchen Alternativen für den Öltransport. Doch die Straße von Hormus zu umgehen, ist nicht einfach.
Die Emirate haben für 3,3 Milliarden Dollar die Fudschairah-Habshan-Pipeline bauen lassen, mit einer Kapazität von 1,5 Millionen Barrel am Tag. Die 360 Kilometer lange Pipeline erstreckt sich zwischen der Hafenstadt Fudschairah in den Emiraten bis zum Golf von Oman. Sie schneidet damit durch die Halbinsel, dessen Zipfel die arabische Seite der Straße von Hormus ausmacht. Aber die Kapazität reicht nicht aus. 90 Prozent des Öls müssen immer noch durch die Meerenge von Hormus verschifft werden. Dass im Hafen von Fudschairah im Mai mit kleineren Sprengsätzen vier Tanker sabotiert wurden, zeigt, wie verwundbar auch diese Route ist.
Pipeline ans Rote Meer
Eine andere Pipeline ist vor allem für die saudischen Ölexporte gedacht. Sie reicht 1200 Kilometer von den saudischen Ölfeldern im Osten des Landes bis nach Yanbu, einem Hafen am Roten Meer im Westen. Mit einer Kapazität von fünf Millionen Barrel am Tag ist diese Pipeline eine der größten der Welt.
Nach dem erneuten Aufflammen der Spannungen am Persischen Golf hat Saudi-Arabiens Energieminister Khalid Al-Falih bei einem Besuch in Indien, dem drittgrößten Ölimporteur der Welt, diese Woche angekündigt, die Kapazität der Pipeline in zwei Jahren um 40 Prozent erhöhen zu wollen. Im Moment wird aber nur weniger als die Hälfte der schon heute vorhandenen Kapazität ausgenutzt. 90 Prozent der saudischen Ölexporte werden immer noch über die Meerenge von Hormus verschifft.
Doch letztlich sind auch Pipelines verwundbar. Im vergangenen Mai wurde die saudische Ost-West-Pipeline von Drohnen angegriffen. Jemenitische Huthi-Rebellen, die von Iran unterstützt werden, erklärten sich für den Angriff verantwortlich.