Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel Die erste Antibabypille: Von Frauen gefeiert, von der Kirche verteufelt

Muss regelmäßig eingenommen werden: die Pille.
Muss regelmäßig eingenommen werden: die Pille.

Vor 60 Jahren kam in den USA die erste Antibabypille auf den Markt. Ein Jahr später gab es die Pille in Deutschland– zunächst als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden. Wie die katholische Kirche auf das Verhütungsmittel reagiert hat.

Sie ist winzig klein und hat für Millionen von Frauen eine neue Freiheit geschaffen. Wenig hat die Sexualität derart verändert wie die Erfindung der Antibabypille. Durch das Hormonpräparat war Verhütung plötzlich deutlich sicherer, die Familienplanung einfacher, die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf besser möglich. Was damals noch neu war und die Gemüter erhitzte – bei etlichen Medizinern, vor allem aber bei Vertretern der Kirche –, ist heute für viele Frauen zur Normalität geworden.

Zwei Frauenrechtlerinnen in den USA

Im Mai 1960 ließ die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA „Enovid“ als Präparat zur hormonellen Empfängnisverhütung zu. Die Pille war – regelmäßig und zu den vorgegebenen Zeiten eingenommen – von höherer Sicherheit als alle anderen Methoden. Am 18. August 1960 kam sie auf den amerikanischen Markt – als Antibabypille. Seit 1957 war die Pille bereits zugelassen, und zwar als Arzneimittel bei Menstruationsbeschwerden.

Es waren zwei Frauenrechtlerinnen, die in den USA die Forschung zur hormonellen Empfängnisverhütung vorantrieben: die Krankenschwester Margaret Sanger und die Biologin Katharina McCormick. Letztere stellte dem Wissenschaftler Gregory Pincus Geld zur Verfügung, der mit Kollegen das Mittel „Enovid“ entwickelte. Getestet wurde das Hormonpräparat zunächst in Puerto Rico und Haiti.

Über Risiken wenig bekannt

In Deutschland brachte der Berliner Pharmakonzern Schering die erste europäische Pille unter dem Namen „Anvolar“ in die Apotheken – zunächst als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden und nur für verheiratete Frauen mit mehreren Kindern erhältlich. Über Langzeitfolgen oder Risiken dieses Hormonmittels war damals wenig bekannt. Aber es gab schon Kritik von medizinischer Seite.

Das Schreiben des Papstes

Die katholische Kirche wehrte sich hingegen massiv gegen die Einführung des Verhütungsmittels. In seinem Schreiben „Humanae Vitae“ über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens verurteilte der damalige Papst Paul VI. 1968 die Geburtenkontrolle durch künstliche Verhütungsmittel wie Pille oder Kondom als Sünde. Eine Lehrmeinung, die bis heute in der katholischen Kirche besteht.

Das hat den Absatz der Pille jedoch nicht gestoppt. Heute enthält das beliebte Verhütungsmittel deutlich weniger Hormone als die ursprüngliche Antibabypille. Trotzdem birgt es auch – wie jedes wirksame Medikament – Nebenwirkungen.

Inzwischen verhüten immer weniger junge Frauen in Deutschland mit der Pille. Laut einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) ließen sich im vergangenen Jahr 31 Prozent der gesetzlich versicherten Mädchen und jungen Frauen bis 22 Jahren die Pille verschreiben (2010 waren es noch 46 Prozent). „Das kann mit einem stärkeren Bewusstsein dafür zu tun haben, dass die Pille kein Lifestyle-Präparat ist, sondern in den Hormonhaushalt eingreift und auch Nebenwirkungen haben kann“, sagt Eike Eymers, Ärztin im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes.

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