Politik Der Tiger im Käfig

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Mit Steinschleudern und brennenden Autoreifen machen die überwiegend jungen Männer auf palästinensischer Seite der Grenzanlagen des Gazastreifens ihrem Zorn Luft. Israels Luftwaffe lässt schon am Morgen Flugblätter abwerfen. Der Aufruf lautet, den Grenzanlagen fernzubleiben. „Die Hamas missbraucht euch, um von ihrem Versagen abzulenken. Sie bringt euch und eure Familien in Gefahr“, steht auf den Papieren. Die Propagandamaschinerie läuft. Das staatliche israelische Presseamt veröffentlicht Auszüge aus Verhören mit verhafteten palästinensischen Demonstranten. „Iran schickt Geld an die Hamas zur Finanzierung gewaltvoller Aktionen in der Grenzregion“, soll ein 19-jähriger Palästinenser ausgesagt haben. Ein anderer Häftling berichtete angeblich über Hamas-Mitglieder, die sich in Zivil unter die Demonstranten mischen. Dass die Hamas den 70. Jahrestag der Gründung Israels zum Anlass nimmt, sich als führende Kraft des „Widerstands“ zu präsentieren, steht außer Frage. Auch sie rührt die Propagandatrommel. Zum ersten Mal seit seiner Ernennung zum Chef des Hamas-Politbüros lud Ende vergangener Woche Jihia al-Sinwar ausländische Journalisten zu sich. „Ich gehe nicht gern vor die Kamera“, meinte er gleich zu Beginn der streng bewachten Pressekonferenz, vor einem riesigen Foto des Jerusalemer Tempelberges sitzend. Er appellierte an die Korrespondenten, „objektiv der Welt zu berichten“. Al-Sinwar ließ sich detailliert aus über das „Unrecht, das an den (1948) vertriebenen Palästinensern“ getan wurde, die sich „keines Verbrechens schuldig gemacht haben“. Die Lebensumstände in Gaza seien „schwerer als im Gefängnis“. Die Menschen dort seien wie ein „hungriger Tiger, der elf Jahre gefangen gehalten wurde“, meint der Mittfünfziger, der sein halbes Leben in israelischer Haft saß. Elf Jahre – so lange dauert nun die Herrschaft der Hamas in dem Küstenstreifen am östlichen Mittelmeer zwischen Israel und Ägypten. 2007 putschten sich die radikalen Islamisten an die Macht, nachdem der Machtkampf mit der Fatah-Partei von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas blutig eskaliert war. „Dieser Tiger ist jetzt los“, warnte al-Sinwar in seiner Ansprache vor der ausländischen Presse und drohte: „Er wird die Zäune seines Gefängnisses niederreißen.“ Der Hamas-Chef zog den Bogen zur Botschaftseröffnung der USA, betonte die „emotionale Verbindung“ der Palästinenser zu der Heiligen Stadt. „Jerusalem ist das Herz der Palästinenser.“ Seit Tagen befindet sich Israels Sicherheitsapparat in höchster Alarmstufe. „Die Truppen sind instruiert worden, auf mehrere radikale Entwicklungen vorbereitet zu sein“, heißt es in einer Mitteilung der Armee. Möglich seien Schussangriffe und „Sprengsätze, die beim Versuch, den Zaun zu durchbrechen, angebracht werden könnten“. Die Armee schickte mehrere Tausend Soldaten zur Unterstützung des normalen Truppenaufgebots. Mindestens bis Freitag, dem Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan, bleibt erhöhte Alarmstufe bestehen. Ein Sprecher der Hamas signalisierte hingegen, die Proteste bis zum 5. Juni fortzusetzen. Israels größte Sorge ist, dass es Hamas-Kämpfern im Chaos der Demos gelingen könnte, die Grenzanlagen zu durchbrechen, einen israelischen Soldaten in ihre Hände zu bekommen und in den Gazastreifen zu entführen. Vor zwölf Jahren war der damals knapp 20-jährige Gilad Shalit durch einen geheimen Tunnel in den Gazastreifen verschleppt worden, wo er gut fünf Jahre gefangenen blieb, bevor Israel den Soldaten im Handel gegen mehr als 1000 palästinensische Häftlinge freikaufte. Einige der entlassenen Palästinenser waren später erneut an Terroranschlägen beteiligt. „Mit allen Mitteln“ will Lieberman Israel verteidigen und verhindern, dass palästinensische Demonstranten die Grenzanlagen durchbrechen. Dementsprechend wird auch scharf geschossen. Bei dem gerade 20 Jahre alten Palästinenser Moaz fielen die Warnungen auf taube Ohren. In den Augen seiner Freunde ist er schon jetzt ein Held. Vor gut einer Woche wagte er sich „bis auf 20 Meter“ an die Grenzanlagen heran und fing sich eine Kugel in den Unterschenkel. „Ich habe keine Angst vor dem Tod“, sagt der junge Palästinenser, der auch im Krankenhaus seine Sportmütze nicht absetzt. Nur die bevorstehende Operation beunruhige ihn ein wenig. Er verzieht vor Schmerz das Gesicht, als ihn versehentlich jemand am Bein berührt. Völlig klar sei für ihn und für seine Freunde, dass er „wieder an der Grenze demonstrieren“ wird, schließlich gehe es „um mein Land“.

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