Politik Der tiefe Fall des Paul M.

Vielleicht ist es die Straußenlederjacke. 15.000 Dollar hat sie gekostet, gekauft bei Alan Couture, einer Edelboutique in New York. Als Paul Manafort sie erwarb, wollte er wohl einfach zeigen, dass er sich sündhaft teure Jacken leisten konnte, eben als Statussymbol. Er hatte den Olymp der Topverdiener unter den Politikberatern erklommen, reich geworden durch lukrative Geschäfte in der Ukraine. Nun dient ein Foto der Straußenlederjacke als Beweismittel in einem Gerichtsverfahren. Manafort ist am Tiefpunkt angelangt. Erkennbar um Haltung bemüht, sitzt der 69 Jahre alte Mann zwischen mahagonigetäfelten Wänden im Saal 901 des Albert V. Bryan Courthouse, eines modernen Gerichtsgebäudes in Alexandria, 15 Kilometer vom Weißen Haus entfernt. Vor zwei Jahren führte er noch Regie beim Republikaner-Wahlparteitag, der Donald Trump zum Kandidaten fürs Weiße Haus kürte. Ein Profi, Lobbyist und Publicity-Experte, bestens vernetzt, „ein Killer“, wie ihn Trumps alter Freund Tom Barrack voller Bewunderung nannte. In Alexandria wird er so gründlich entzaubert, dass sein Ruf für den Rest seines Lebens ruiniert ist, selbst wenn die zwölf Geschworenen Milde walten lassen sollten. Der tiefe Fall des Paul Manafort, des Primus inter pares, des Ersten unter Gleichen, allein das ist ein Spektakel, das Washington, die Welthauptstadt der Lobbyisten, in seinen Bann zieht. Zudem ist es das erste Mal, dass sich aus Trumps Umkreis einer vor Gericht verantworten muss, gegen den Robert Mueller, der Sonderermittler der Russlandaffäre, ermittelt hat. Seit der Prozess am letzten Tag des Juli begann, sind Leute in den Zeugenstand getreten, die mal Manaforts luxuriösen Lebensstil schilderten, mal die breite Palette seiner Finanztricks. Ein Gärtner namens Mike Regolizio erzählte von den Blumenrabatten, die Manafort vor seiner Villa in den Hamptons, der Sommerfrische der besseren Gesellschaft New Yorks, pflanzen ließ. Rote und weiße Blüten, das Ganze gestaltet in Form des Buchstabens M. Ronald Wall, zuständig für Finanzen im House of Bijan in Beverly Hills, laut Eigenwerbung der teuerste Herrenmodeladen der Welt, spricht von einem „sehr guten Kunden“, der schon mal 33.000 Dollar für ein Jackett Marke „Blue Lizard“ ausgab. Cynthia Laporta, Manaforts Steuerberaterin, räumt ein, dass sie wissentlich falsche Zahlen verwendete, um Steuern zu hinterziehen – aus Angst vor einem Zerwürfnis mit diesem wichtigen Klienten. Was die Zeugen in allen Details zeichnen, ist das Bild eines vom Geld Besessenen, der den schillerndsten Reichen des Landes nacheifern wollte. Milliardären wie Trump, in dessen New Yorker Wolkenkratzer er – noch so ein Statusbeweis – ein Apartment gemietet hatte, auch wenn er nur selten darin wohnte. 60 Millionen Dollar, dokumentieren Muellers Juristen, scheffelte Manafort in seinen besten Jahren, von 2010 bis 2014. In der Zeit empfahl er Viktor Janukowitsch, dem prorussischen Präsidenten der Ukraine, und dessen Partei Strategien für erfolgreiche Wahlkämpfe. Janukowitsch, so die Kläger, war Manaforts „goldene Gans“. In dem Moment, in dem er die Macht in Kiew verlor und nach Russland floh, versiegte die wichtigste Einnahmequelle des Amerikaners. Rick Gates wiederum war Manaforts Mädchen für alles, seine rechte Hand, sein engster Vertrauter. Der Mann fürs Grobe, der sich im Übrigen selbst bereicherte, indem er Rechnungen fingierte, um von den Konten seines Mentors etliche Hunderttausend Dollar auf seine eigenen umzuleiten. Jedenfalls ist es ein Spektakel für sich, dass Gates nun der Hauptzeuge der Anklage ist. Während sich Manafort weigerte, mit Mueller zu kooperieren, bekannte Gates sich schuldig und begann auszupacken. Er hofft auf Strafmilderung, sein Auftritt im Bryan Courthouse lässt an einen peniblen Buchhalter denken. An einen Buchhalter mit Elefantengedächtnis, der auf nahezu jede Frage sofort eine Antwort weiß. Der heute 46-Jährige flog nach Zypern, um im Auftrag seines Chefs Briefkastenfirmen zu gründen. Firmen, die nur dem Zweck dienten, das Geld, das mit Janukowitsch verbandelte ukrainische Oligarchen an Manafort überwiesen, vor dem Fiskus zu verstecken. Firmen mit Namen wie Leviathan Advisors, Lucille LLC, Paranova, Global Highway, Black Sea View Limited. Allein bei zypriotischen Banken besaß Manafort 15 Konten, je eines für jede Offshore-Gesellschaft. Statt sie auf seiner Steuererklärung in den USA anzugeben, wie das Gesetz es verlangt, verschwieg er sie, um sich arm zu rechnen und Steuern zu sparen. Einmal, als ihm seine Steuerlast trotz aller Manipulationen zu hoch erschien, schrieb er eine wütende E-Mail an Gates. „Wie konnte ich nur so überrumpelt werden? Du sagtest mir doch, du hättest alles im Griff. Wir müssen über Optionen reden. Das ist ein Desaster.“ Der Ausweg: Honorare aus Kiew wurden nachträglich zu Darlehen erklärt. Der Trick bestand darin, dass ein Unternehmen aus Manaforts Imperium zum Schein einem anderen Geld lieh. Ab 2015, Manafort verdiente kaum noch etwas, wollte an seinem luxuriösen Lebensstil aber nichts ändern, lief es genau andersherum. Um von US-Banken Kredite zu erhalten, musste er seine Einnahmen nach oben treiben, und Gates hatte das Räderwerk des Betrugs zu organisieren. Der Gehilfe fabrizierte Verträge, in denen Firma A auf die Rückzahlung eines einst gewährten Darlehens von Firma B verzichtet. Dem Direktor der Federal Savings Bank in Chicago reichten die dubiosen Nachweise, um Manafort in prekärer Lage 16 Millionen Dollar zu leihen. Dafür sollte Steve Calk, so heißt der Mann, mit einem Kabinettsposten belohnt werden, und Gates sollte die Fäden ziehen. Während sein Mentor wegen der „Ukraine Connection“ schon in die Wüste geschickt worden war, hatte er sich einen Posten im Übergangsteam des gewählten, aber noch nicht amtierenden Präsidenten Trump gesichert. Calk also sollte ins Pentagon aufrücken. Man müsse Steve Calk als Staatssekretär für die Armee ins Gespräch bringen, schrieb Manafort seinem Adlatus im Spätherbst 2016. Daraus wurde zwar nichts, doch erhellend ist das Kapitel allemal. Ein Blick hinter die Kulissen der Macht, wie ihn das Publikum nur selten geboten bekommt.