Bergkarabach RHEINPFALZ Plus Artikel Der neue Kaukasuskrieg ist ein alter

Die Menschen leiden: Blick in einen Luftschutzbunker in Stepanakert, der Kapitale von Bergkarabach.
Die Menschen leiden: Blick in einen Luftschutzbunker in Stepanakert, der Kapitale von Bergkarabach.

Es geht um 4400 Quadratkilometer Land, um das sich Armenien und Aserbaidschan streiten: Die Kämpfe in Bergkarabach haben aber auch mit Religion und internationalem Machtstreben zu tun. Ein Überblick.

Wo wird da seit wann gekämpft – und warum?
Es geht um das Gebiet von Bergkarabach, eine Enklave in Aserbaidschan. Sie wird traditionell mehrheitlich von Armeniern bewohnt.

Schon seit mehr als einem Jahrhundert ist dies ein Konfliktherd. Unter den Zaren und im russischen Bürgerkrieg nach dem Ersten Weltkrieg gab es im heutigen Aserbaidschan blutige Kämpfe zwischen der islamischen Bevölkerung und der christlich-armenischen Diaspora. 1988 dann, also noch zu Sowjetzeiten, gab es neue Massaker in Karabach, und ein Krieg brach aus. Die damals siegreichen Armenier vertrieben etwa 40.000 Aserbaidschaner und besetzten mit einem breiten Landkorridor insgesamt 22 Prozent des aserbaidschanischen Gebiets. Die wollen die Aserbaidschaner seither zurückhaben. Die Armenier aber befürchten, dass das zu einem Blutbad für ihre 150.000 Landsleute dort führen würde.

Welche Rolle spielt die Religion?
Die Aserbaidschaner sind mehrheitlich schiitische Muslime, die meisten Armenier orientalisch-orthodoxe Christen. Aber Religion ist nur ein Element der jahrhundertelangen ethnisch-kulturellen Auseinandersetzungen zwischen christlichen und orientalischen Völkern im Südkaukasus. So sehen die Armenier ihre Feindschaft mit den Aserbaidschanern vor dem Hintergrund der Massaker durch den osmanisch-türkischen Erzfeind im Ersten Weltkrieg. Dabei stehen die Aserbaidschaner religiös und ethnisch den schiitisch dominierten Iranern viel näher als den mehrheitlich sunnitischen Türken.

Wer hat den aktuellen Krieg angefangen?
Es gibt Anlass zur Annahme, dass Aserbaidschan die Kämpfe Ende August begonnen hat. Aber seit 1994 scheitern alle internationalen Vermittlungsversuche auch an der Unversöhnlichkeit Armeniens.

Kann man den Bildern trauen, die wir sehen?
Die Videos, die Aserbaidschaner und Armenier veröffentlichen, dienen Propagandazwecken, ebenso die Angaben über gegnerische Verluste. Wie in jedem Krieg lügen beide Seiten.

Was treibt die politischen Führer?
Der aserbaidschanische Staatschef Ilham Alijew hat sein Amt 2003 praktisch geerbt. Er gilt wie auch andere postsowjetische Autokraten als korrupt, sein Clan soll einen Großteil der Öl- und Gaswirtschaft des Landes kontrollieren. Durch den Energiepreisverfall steht sein Land unter zunehmendem Druck. Bei Straßenprotesten in Baku wurde im Sommer die Rückeroberung Bergkarabachs gefordert, was ein unmittelbarer Auslöser der Gefechte gewesen sein dürfte.

Der armenische Premier Nikol Paschinjan kam 2018 als Führer einer demokratischen Straßenrevolution an die Macht, startete danach marktwirtschaftliche Reformen – Krieg kann er eigentlich nicht gebrauchen. Aber auch er präsentiert sich jetzt als eiserner Patriot.

Wie leben Armenier und Aserbaidschaner?
Armenien galt lange als Armenhaus des Kaukasus, war auch vom Geld der Diaspora-Armenier in aller Welt abhängig. Vergangenes Jahr wuchs die Wirtschaft immerhin um acht Prozent, vor allem dank der IT-Branche und des Tourismus. Unter Paschinjan wird auch der Schattenwirtschaft der Kampf angesagt, inzwischen beträgt das Durchschnittsmonatsgehalt 333 Dollar. Das entspricht praktisch den 335 Dollar der Nachbarn im rohstoffreichen Aserbaidschan.

Wie stark sind beide Seiten militärisch?
Auf dem Papier ist Aserbaidschan mindestens doppelt so stark wie Armenien. Sein Militärhaushalt beträgt 2,8 Milliarden Dollar gegenüber knapp 1,4 Milliarden auf der Gegenseite, es hat 151.000 Soldaten gegenüber 45.000 auf armenischer Seite. Jedoch kommen dazu 20.000 Karabacher, die zum Äußersten entschlossen sind. Laut internationalen Medien unterstützt die Türkei die Aserbaidschaner tatkräftig: mit Militärberatern, syrischen Söldnern und angeblich auch Hightech-Waffen.

Welche Interessen verfolgen Russland und die Türkei?
Militärisch ist Moskau mit Armenien verbündet, gibt sich aber neutral und mahnt bei beiden Seiten eine Verhandlungslösung an. Umso lautstärker tritt die Türkei als neue Schutzmacht Aserbaidschans auf.

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