Belarus
Der Maulheld aus Minsk
Alexander Lukaschenko liebt deftige Worte: „Richtet dem Präsidenten der Ukraine und anderen Wahnsinnigen aus, dass ihnen die Krim-Brücke wie ein Blümchen vorkommen wird, wenn ihre schmutzigen Händen nur einen Meter unseres Territoriums berühren.“ Und er fuhr fort: Er habe Informationen erhalten, Kiew sei dabei, eine zweite Front gegen Belarus zu errichten. Und der Westen diskutiere die Möglichkeit, einen Atomschlag gegen sein Land zu führen.
Der Minsker Staatschef unterstützt zurzeit nicht nur die russische Propaganda, Lukaschenko verkündet auch, man habe begonnen, eine „gemeinsame Gruppierung“ mit russischen Streitkräften zu bilden. In Kiew mehren sich die Befürchtungen, die belarussische Armee werde bei neuen Vorstößen der Russen aus dem Norden mitmarschieren. Zu Beginn der russischen „Spezialoperation“ hatten russische Truppen aus Belarus Kiew, Tschernihiw und auch das Atomkraftwerk Tschernobyl angegriffen, sich aber nach verlustreichen Kämpfen wieder zurückgezogen.
Held der Worte
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rief jetzt dazu auf, internationale Beobachter an der 1084 Kilometer langen ukrainisch-belarussischen Grenze zu stationieren. „Offensichtlich tritt Belarus in den Krieg ein“, schreibt der kremlnahe Politologe Sergej Markow auf Facebook. „Lukaschenko ist ein Macher, und die belarussische Armee kann sehr hart vorgehen.“
Allerdings gilt Lukaschenko auch in Russland eher als Held der Worte als der Taten. „Unter welchem Vorwand wird der Kartoffelführer diesmal Russland sitzen lassen und seine Armee statt an die Front zum Ernteeinsatz schicken“, spottet der oppositionelle Telegramkanal Stalingulag.
1,5 Milliarden-Dollar-Kredit von Russland
Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes wurden am Montag fast 500 Tonnen Munition per Zug aus einem belarussischen Waffenlager bei Gomel Richtung Krim transportiert. Angeblich will Belarus weitere 13 Güterzüge mit Kriegsmaterial in die russische Region Rostow schicken. Laut dem US-Militärforschungsinstitut ISW planen Moskau und Minsk zurzeit aber eher nicht, gemeinsam eine neue Offensivstreitmacht an der ukrainischen Nordgrenze zu sammeln.
Laut dem Portals republic.ru erhielt Minsk jedoch erst kürzlich einen 1,5 Milliarden-Dollar-Kredit von Russland. „Moskau besitzt sehr seriöse Druckmittel, um Lukaschenko immer abhängiger zu machen“, sagt der belarussische Politologe Andrei Kasakewitsch.
30.000 halbwegs einsatzfähige Wehrpflichtige
Ende September stattete Lukaschenko der prorussischen georgischen Rebellenrepublik Abchasien, die er früher nicht anerkannte, einen offiziellen Besuch ab. Und Belarus gehörte zu den fünf Staaten, die am Mittwoch in der UN-Vollversammlung in New York gegen die Verurteilung der neuen Annexionen Russlands stimmten.
Belarussische Sicherheitsexperten beziffern die Armee Lukaschenkos auf 6000 bis 8000 Mann in Spezialeinheiten und 30.000 halbwegs einsatzfähige Wehrpflichtige. Ein Großteil der Einheiten sei in Alarmbereitschaft versetzt worden, sagt Waleri Sachastschyk, Leiter der Abteilung für nationale Sicherheit der Exilregierung unter Swetlana Tichanowskaja. „Es finden ständig Übungen an den südlichen und westlichen Grenzen statt. Wehrpflichtige werden regelmäßig zur Ausbildung einberufen.“ Andere Beobachter im Exil sagen, die Russen bemühten sich, in Belarus ein neues Invasionskorps von etwa 100.000 Mann aufzustellen. Lukaschenko mache demonstrativ mobil, jedoch sei ungewiss, ob er sich den neuen Feldzug tatsächlich wünscht.
Laut Sachastschyk hat Alexander Lukaschenko starke Bedenken am Einsatz der belarussischen Armee gegen die Ukraine. „Er weiß, dass ihm und seinem Gefolge in diesem Fall große militärische und innenpolitische Gefahren drohen.“ Zudem sei Putins Feldzug gegen die Ukrainer in Belarus sehr unpopulär, sagt Politologe Kasakewitsch. „Lukaschenko versucht nach Kräften, einen Einsatz seiner Truppen in der Ukraine zu vermeiden.“