Kommentar
Der Job-Schock
Erwartbar und dennoch schockierend: Auf diese Formel lässt sich die Lage am Arbeitsmarkt im April bringen. Dabei mag der Schock auch deshalb so tief sitzen, weil der deutsche Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren fast nur positive Schlagzeilen lieferte.
Und jetzt das: ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit, der nur deshalb nicht noch weitaus stärker ausfiel, weil die Unternehmen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt haben oder schicken wollen. Und zwar in einem wahrlich schwindelerregenden Ausmaß. Bis zu zehn Millionen Beschäftigte könnten von Kurzarbeit betroffen sein – eine Größenordnung, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.
Mit der Kurzarbeit wird Zeit gewonnen
Die Frage, die sich nun stellt, ist: Ist das ein kurzzeitiges Ereignis, vergleichbar einer Unwetterfront, die innerhalb weniger Minuten große Verwüstungen anrichtet, sich aber rasch wieder auflöst und der ein rascher Wiederaufbau folgt? Oder ist das, was Arbeitsagentur-Chef Detlef Scheele da verkünden musste, erst der Auftakt für einen lang anhaltenden Sturm, dem viele Unternehmen und Arbeitsplätze zum Opfer fallen werden? Eine seriöse Antwort darauf kann derzeit niemand geben.
Das Instrument der Kurzarbeit, das jetzt massenhaft in Anspruch genommen wird, ist ein offensichtlich effektives Mittel, um Deutschland ein Szenario wie etwa in den USA zu ersparen, wo binnen kurzer Zeit Millionen Menschen ihre Arbeit verloren haben. Stattdessen behalten die Beschäftigten ihre Jobs, wenn auch mit verringertem Einkommen, und die Unternehmen müssen ihre Mitarbeiter nicht entlassen. Das ist vor allem in Zeiten vielerorts fehlender Fachkräfte ein wichtiges Argument. Dieses für beide Seiten vorteilhafte Arrangement funktioniert aber nur solange, wie Hoffnung auf ein baldiges Ende der Krise besteht. Mit Kurzarbeit wird also Zeit gewonnen – aber nicht unbegrenzt.
Eine einzigartige, beispiellose Krise
Nun ist es ja nicht so, als sei alles, was dem deutschen Arbeitsmarkt in den vergangenen Jahren zu Stärke und Stabilität verholfen hat, mit der Corana-Krise verschwunden: ein gutes Ausbildungssystem, das immer wieder dringend benötigte Fachkräfte hervorbringt, ein breit aufgestellter Mittelstand, ein alles in allem vernünftiger Umgang zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. All dem steht jedoch eine Krise gegenüber, die in mancherlei Hinsicht einzigartig ist. Die Corona-Pandemie hat praktisch die gesamte Welt im Griff – und damit auch alle wichtigen Liefer- und Absatzländer der Exportnation Deutschland. Sie hat zudem, wegen der einschneidenden Kontaktbeschränkungen, nicht nur bestimmte Branchen wie die Industrie, sondern im Grunde alle Bereiche unseres Wirtschaftslebens erfasst. Sie ist also im doppelten Sinne universal. Das macht diese Krise so beispiellos, macht alle Voraussagen so schwer.
Wer Angst hat, schränkt seinen Konsum ein
Hinzu kommt der Faktor Angst: Wenn Menschen sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz, um ihre Zukunft machen, dann schränken sie ihren Konsum auf das Nötigste ein. Das bekommt dann das Kleider- oder Schuhgeschäft ebenso zu spüren wie der Autohändler oder das Reisebüro. Und diese Angst wird nicht mit dem Ende der Corona-Krise verschwinden, sie wird noch eine ganze Weile das Denken und Handeln vieler Bürger bestimmen.
Den schockierenden Arbeitsmarktzahlen zum Trotz besteht derzeit kein Grund zur Panik. Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind bisher alles in allem vernünftig und maßvoll mit dieser für alle neuartigen Situation umgegangen. Das ist keine Garantie, aber immerhin eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Wirtschaft und Arbeitsmarkt diese Corona-Infektion überstehen können.