Politik Der Fast-Abweichler

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Der neue sozialdemokratische Heiland, Martin Schulz, hätte am vergangenen Sonntag nicht 100 Prozent der Delegiertenstimmen bekommen. Nicht auf 605 von 605 abgegebenen gültigen Stimmenzetteln hätte „Ja“ oder „Martin Schulz“ gestanden, sondern auf nur 604. Auf dem verbleibenden hätte „Nein“ geprangt. Einer gegen 604. In der Sekunde der Ergebnisverkündung wäre eine mediale Jagd ohnegleichen losgebrochen – auf den „Abweichler“. Und wehe, wehe die Medien hätten den armen Tropf erwischt. Er wäre vor Interview-Anfragen und Bitten um Erklärungen, Statements, Einschätzungen, Kommentare und was es sonst noch alles gibt seines Lebens nicht mehr froh geworden. Jedes Kind in Deutschland hätte ihn hernach auf der Straße gehänselt: „Abweichler! Abweichler! Dädädädädädä!“ Nun sind den Pfälzern separatistische Tendenzen nicht ganz fremd, wie historisch hinreichend belegt ist. Aber pfälzischer Separatismus in der organisierten Sozialdemokratie des Jahres 2017? Undenkbar. Undenkbar? Es war so: Auf dem SPD-Parteitag saß der Pfälzer Volksvertreter Gustav Herzog (Zellertal) ungefähr in der Nähe des Wandelganges, an dem entlang die beiden Großkopferten Sigmar Gabriel und Martin Schulz nach der für die TV-Kameras ausgeklügelten Inszenierung laufen sollten. Hände schütteln (für die Kameras). Lächeln (für die Kameras). Smalltalk (für die Kameras). Die nächste Hand ergreifen (für die Kameras). Irgendwann kam das Duo bei Herzog an. Händeschütteln (für die Kameras). Lächeln (für die Kameras). Smalltalk (für die Kameras). Herzog zu Gabriel: „Sigmar, Du kommst doch auch nach Kaiserslautern?“ – Gabriel: „Klar!“ – Schulz zu Herzog: „Gustav, wie hat der FCK gespielt?“ Das hätte Schulz nicht fragen sollen. Alles, aber nicht das! Denn nach der 0:2-Schlappe gegen Arminia Bielefeld war Herzog, immerhin Mitglied im Fanclub Fraktion der Roten Teufel im Deutschen Bundestag, nicht zu Scherzen aufgelegt. Ob der schmerzenden Frage haderte Herzog mit Schulz. Einen Moment lang überlegte er, dem Erlöser aus Würselen die Stimme zu verweigern. Zerknirscht gestand Herzog ein: „Martin, wir haben gerade verloren…!“ Und dachte sich spöttisch: „Martin, Du hast soeben meine Stimme riskiert …!“ Dazu ist es nicht gekommen. Zum Glück – für Herzog.