Demokratiefest in Neustadt
Der Bundespräsident hat Lust auf ein Selfie
Sie sind nicht nur nach Neustadt gekommen, um von der Bühne aus zu den Menschen auf dem Marktplatz zu sprechen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der neue rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) mischten sich am Samstag beim Neustadter Fest der Demokratie auch unter die Menschen, die in Gruppen, als Vertreter von Vereinen oder auch ganz privat gekommen waren. Das Ehrenamt bilde „das Rückgrat unserer Gesellschaft“, betonte Steinmeier und rief die Menschen auf: „Lassen Sie uns die Demokratie feiern.“
Die Demokratie feiern
Das Fest der Demokratie wird alle zwei Jahre gefeiert und führt hin zum Jubiläum 200 Jahre Hambacher Fest, das 2032 begangen wird. Dass der Bundes- und der Ministerpräsident dafür nach Neustadt gekommen sind, nannte Oberbürgermeister Marc Weigel (FWG) eine „große Ehre“. Dass so viele Menschen an diesem heißen Samstagmittag auf den Marktplatz gekommen sind, sei „ein unglaublich schöner Anblick“, ergänzt Ministerpräsident Schnieder und wertet diesen starken Besuch als Zeichen für eine lebendige Demokratie.
Flankiert von viel Sicherheitspersonal macht sich der Tross mit den prominenten Politikern auf zu einem Rundgang. Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender scheinen das Bad in der Menge nicht als Pflichtaufgabe zu sehen. Beide gehen interessiert auf die Menschen an den Ständen zu, lauschen, was ihnen erzählt wird, gehen auf das Gesagte ein. Es wird viel gelacht, Schultern werden geklopft, es gibt anerkennendes Nicken. Steinmeier setzt also jene Worte in Taten um, die er wenige Minuten zuvor auf der Bühne gesprochen hat. Er erweist den Menschen mit seinem Besuch und seiner Anwesenheit Anerkennung für ihren Einsatz und für ihr Demokratiebekenntnis.
Bürgernaher Profi
Die Besucher in der Neustadter Innenstadt – mehrere Tausend sind gekommen – machen es dem Besucher aus Berlin leicht. Sie empfangen ihn mit warmem Applaus auf dem Marktplatz, und auch unterwegs gibt es nur positive Begegnungen. Keine Beleidigungen oder schräge Bemerkungen. Die sind rund um den Bundespräsidentenbesuch nur in sozialen Medien zu finden.
Am Nachmittag strahlt beispielsweise Karin Henneke immer noch. Die Geschäftsführerin der Neustadter Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft hat den örtlichen Ansatz zur Verknüpfung von Wirtschaft und Demokratie präsentiert. „Er ist sofort darauf angesprungen“, so Henneke. Beide reden minutenlang und lachen anschließend beim Foto um die Wette. An Hennekes Stand erweist sich Steinmeier als bürgernaher Profi. Eine Frau aus Landau bittet die Sicherheitsleute mehrfach, dass sie doch bitte zum Bundespräsidenten darf. Sie überreicht ihm schließlich eine Kette, die mit einer Inschrift gegen rechten Populismus versehen ist. „Genau das hat er in seiner Rede ja gesagt, dass wir das nicht zulassen dürfen, daher wollte ich ihm die Kette unbedingt geben“, sagt sie nach Übergabe und freundlichem Austausch.
Auf seinem Rundgang soll der Bundespräsident festgelegte Stationen ansteuern. Steinmeier und seine Frau bleiben aber bereitwillig stehen, wenn ihnen Fotowünsche zugerufen werden und machen das dann möglich. Einige Male werden sogar Gruppenfotos inklusive Ministerpräsident und Oberbürgermeister arrangiert.
Lautes Hallo beim Kinderschutzbund
An einer Stelle gibt es dann ein besonders lautes Hallo. Der Tross besucht den Kinderschutzbund. Während des Austauschs dreht sich der Bundespräsident um, spricht drei Jugendliche an: „Seid ihr aus Neustadt?“ Spontan entsteht eine Plauderei mit den jungen Frauen, an deren Ende ein Selfie gemacht wird. „Unsere Tante ist beim Kinderschutzbund. Deshalb standen wir da und haben gequatscht. Der Bundespräsident hat uns wohl gehört und dann einfach ein Selfie angeboten“, sagt eine der Jugendlichen strahlend.
Man spürt, dass die Politiker ebenso wie die Bürger solche Begegnungen brauchen. „Ohne Menschen, die anpacken, wäre Demokratie ein leeres Wort“, sagt Schnieder. Steinmeier drückt es so aus: „Menschen wie Sie lassen nicht zu, dass unsere Welt schlecht geredet wird. Sie sind nicht Besserwisser, sondern Bessermacher.“ Dabei gibt es keine Hierarchie. Der Karnevalsverein wird ebenso gelobt wie die Trachtengruppe und das Puppentheater. Der Bundespräsident zeigt sich begeistert, dass die Menschen etwas machen, nicht verzagen.
Ein paar Zeilen dazu hat er auch am Demokratiestand der Stadt Neustadt auf den sogenannten Wunschkarten hinterlassen, die dort ausliegen. Der zuständige Abteilungsleiter Martin Lange organisiert für eine Europafahne noch Autogramme von Steinmeier und Büdenbender. Die Feucht-Fröhlichen Neustadter, die sich stark für die Städtepartnerschaften engagieren, überraschen die Promis mit einem Probierschluck Gewürztraminer – passend vom Hambacher Schlossberg. Als Steinmeier augenzwinkernd anmerkt „Mehr gibt’s nicht?“ springt Oberbürgermeister Weigel in die Bresche: „Die Gläser sind nicht die Standardgröße bei uns.“
Wie wichtig Steinmeier der Bürgerkontakt ist, zeigt sich am Ende. Der Zeitrahmen wird deutlich überzogen. Im Rathausinnenhof gibt es noch ein Gruppenfoto mit den Weinhoheiten, dann müssen er und Büdenbender weg. Für den angerichteten Imbiss ist keine Zeit mehr. Hungrig abzureisen, nimmt der Bundespräsident aber im Kauf. Seine Demokratiebotschaft ist ihm offenbar wichtiger.