LEITARTIKEL
Das Pisa-Zeugnis ist beschämend
Jetzt hat es die deutsche Bildungspolitik schwarz auf weiß: Es liegt eine Sechs auf dem Tisch. Die Pisa-Ergebnisse sind so schlecht wie noch nie. Heute 15-Jährige liegen in Mathe und bei der Lesekompetenz im Vergleich zu vor vier Jahren um ein ganzes Schuljahr zurück.
Fast ein Drittel der Schüler scheitert hierzulande an einfachen Matheaufgaben. Auch beim Lesen ist ein Viertel der Kinder so leistungsschwach, dass sie später Probleme bekommen werden, im Alltag und im Beruf gut zurechtzukommen. Und das in Zeiten, in denen wegen des demografischen Wandels jeder Einzelne gebraucht wird. Das ist eine Katastrophe – aber eine Katastrophe mit Ansage.
Versagen des Bildungssystems
Eine Erklärung für den Absturz sind die Corona-Jahre. In Deutschland war die Zeit der Schulschließungen besonders lang. Das Bildungssystem war schlechter darauf vorbereitet als in anderen Ländern, die Kinder und Jugendlichen mit digitalem Unterricht zu versorgen. Dennoch dürfen sich die Kultusminister nicht darauf zurückzuziehen, das Problem habe im Wesentlichen mit den Folgen der Pandemie zu tun. Das wäre großer Unsinn.
Das Grundproblem des deutschen Bildungssystems ist spätestens seit dem Pisa-Schock aus dem Jahr 2001 bekannt. Alle wissen seitdem: Das Bildungssystem versagt bei denjenigen, die zu Hause nicht so gut gefördert werden können. Nur verändert hat sich viel zu wenig. Das ist beschämend. Jetzt kommt noch obendrauf, dass Deutschland auch bei den leistungsstarken Schülern nachlässt.
Vielfalt ist Herausforderung
Es wäre ein Fehler, die schlechten Ergebnisse nur darauf zu schieben, dass der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund stark gestiegen ist. Natürlich ist die Vielfalt eine Herausforderung für die Schulen. Nur: Darüber zu jammern, ist sinnlos. Es ist der Job von Politik und Bildungssystem, sich auf die neue Situation einzustellen. Wer meint, die Schule könne nicht die Probleme der Gesellschaft lösen, muss sich fragen lassen: Welche Probleme denn sonst? Und: Welche Institution soll es sonst tun?
Das Land braucht funktionierende Schulen wie vielleicht noch nie. Und: Das deutsche Bildungssystem braucht eine Revolution. Geld allein wird die Probleme nicht lösen. Mehr Geld ist immer gut – und niemand sollte die Politik aus der Pflicht entlassen, zusätzliche Mittel für die Schulen zu organisieren. Doch auch zusätzliche Milliarden würden ehrlicherweise zunächst mal nichts am Lehrkräftemangel ändern.
Lehrer brauchen mehr Freiheit
Die Veränderung im Bildungssystem muss damit beginnen, dass wir Geld und Personal konsequent da konzentrieren, wo sie am meisten gebraucht werden: in Brennpunktschulen, in denen viele lernen, die aus armen Familien kommen oder bei denen zu Hause kein Deutsch gesprochen wird. Es braucht multiprofessionelle Teams, in denen Sozialarbeiter und Psychologen die Lehrer unterstützen.
Der Kern der Erneuerung muss aber das Wichtigste in der Schule betreffen: das Lehrer-Schüler-Verhältnis und den Unterricht. Pisa-Chef Andreas Schleicher spricht schon lange darüber: Lehrer müssen echte Bezugspersonen für Kinder und Jugendliche sein. Dafür – und um mehr individuelle Förderung möglich zu machen – müssen wir sie von Bürokratie entlasten.
Zu den Erkenntnissen der Pisa-Studie gehört, dass die deutschen Schüler den Unterricht oft furchtbar langweilig finden. Die Lehrer brauchen mehr Freiheit, auch mal jenseits allzu enger Vorgaben, etwas auszuprobieren. Es braucht eine Schule, die Lehrer nicht einengt, sondern ermutigt, etwas zu verändern. Eine echte Revolution beginnt von unten.