russland RHEINPFALZ Plus Artikel „Corona ist eine mexikanische Biersorte“

Ein Bahnsteig in Moskau wird desinfiziert: Der Bevölkerung sind die Corona-Maßnahmen vor allem lästig.
Ein Bahnsteig in Moskau wird desinfiziert: Der Bevölkerung sind die Corona-Maßnahmen vor allem lästig.

In Russland stellt die Pandemie immer neue erschreckende Rekorde auf. Doch trotz über 1000 Toten pro Tag will sich ein Großteil der Bevölkerung nicht impfen lassen. Über eine sehr russische Art der Schicksalsergebenheit.

Wir sitzen in einem Moskauer Café, mein Bekannter Pascha, ein mit ihm befreundeter Oberarzt und ich. Pascha erkundigt sich, ob es nicht möglich sei, ihm eine Impfung zu bescheinigen, die Spritze aber in den Ausguss zu schießen. „Das geht leider nicht“, sagt der Mediziner und lächelt ausweichend. Paschas Unlust auf die Impfung gegen Covid-19 ist kein Einzelfall. Jelena Spiridonowa, Moskauer Pharmazeutin, erzählt, wie sie sich in ihrer Poliklinik mit Sputnik V impfen ließ. „Das Impfteam bestand aus Medizinstudenten. Sie erzählten mir empört, viele Leute würden Bestechungsgeld anbieten, damit sie den Impfstoff ins Waschbecken spritzen.“ Einer habe umgerechnet 10.000 Rubel geboten, über 120 Euro.

Covid-19 tobt in Russland wie nirgendwo sonst in Europa. Seit Monaten. Am 12. August stieg die tägliche Todesrate erstmals auf mehr als 800 Opfer, vergangenen Freitag auf über 1000. 86 Prozent der Krankenhausplätze für Covid-Patienten sind belegt. Der operative Stab der russischen Regierung zählte bisher offiziell gut 226.000 Tote durch Corona, das staatliche Statistikamt aber meldete allein von Beginn 2020 bis August 2021 über 417.000 Opfer. Laut dem unabhängigen Statistiker Aleksei Rakscha nähert sich die Übersterblichkeit der Marke von 800.000. Am Mittwoch wurden 34.000 Neuinfizierte sowie 1028 Tote binnen 24 Stunden gemeldet, wieder ein neuer Negativrekord.

Verschwörungsmythen blühen

Den meisten Russen sind Maskenpflicht oder Abstandsregeln lästig. „Absolut blödsinnige Formalitäten“, sagt der Publizist Maxim Schewtschenko, nach schwerer Krankheit keineswegs ein Covid-Leugner. Was helfen solche Maßnahmen in Moskaus Metro mit sieben Millionen Fahrgästen täglich? Die Stoßzeit verwandelt die Waggons in Sardinenbüchsen mit bis zu 259 Insassen, jeder ein Corona-Hotspot.

Pascha lag schon mit Covid-19, Fieber und Husten im Bett, lehnt aber Masken wie Impfung ab. „Die beste Art, Corona zu bekämpfen, ist krank und wieder gesund zu werden“, sagt er. Moskaus Bürgermeisters Sergei Sobjanin, ein sehr aktiver Covid-Bekämpfer, sei ein Agent des Weltwirtschaftsforums. Das wolle mit Hilfe der Pandemie den Kapitalismus nachhaltig neu gestalten, sei aber gescheitert, weil China, Russland, Europa und die USA dabei alle auf andere Art und Weise manövrierten. Eine global gängige Verschwörungstheorie namens „The Great Reset“. Paschas Stimme zittert dabei nicht vor Zorn, Pascha plaudert. Er ist Webdesigner, erfolgreich, Mitte 40, sieht aber zehn Jahre jünger aus. Die Pandemie bringt ihn nicht aus der Ruhe. „Corona ist eine mexikanische Biersorte“, sagt er und grinst. Covid-19 ist weder Haupt- noch Hassthema in Russland.

Das eigene Vakzin Sputnik V fällt durch

Auch hier wurde die Infektionskrankheit anfangs rigoros bekämpft. Aber als nach den ersten Ausgangssperren im Frühjahr 2020 die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent anstieg, verzichtete der Kreml auf weitere harte Schutzmaßnahmen, kündigte stattdessen eine große Impfkampagne an. Die Staatsmedien priesen das vaterländische Vakzin Sputnik V als den mit Abstand besten Impfstoff der Welt. Aber er fiel zu Hause durch.

Öffentlichen Angestellten und Belegschaften von Staats- oder Großbetrieben, die sich der Spritze verweigerten, wurde mit Entlassung gedroht. Trotzdem ließ sich in zehn Monaten nur ein Drittel der 154 Millionen Russen impfen. Und das laut offiziellen Angaben. Ella, eine Verlagslektorin aus dem Nordkaukasus, erzählt von einer Verwandten, die ihrem Sohn vor seiner Hochzeitsreise in die Türkei die nötige Impfbescheinigung gekauft habe. „Der Junge soll doch noch Kinder zeugen“, habe sie gesagt. Die vermeintliche Gefahr der Zeugungsunfähigkeit – noch so ein hartnäckiger Mythos. Erst am Montag nahm die Polizei in Elektrostal bei Moskau acht mutmaßliche Betrüger fest, darunter zwei Mediziner, die digital gefälschte Atteste ausstellten.

Russen sind den Tod gewohnt

Laut einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Forschungszentrums waren im Juli 44 Prozent der Russen schon geimpft oder bereit dazu. „Die Leute beeilen sich nicht mit der Impfung“ sagt Lew Gudkow, Chefsoziologe von Lewada. Gudkow begründet das mit Misstrauen gegen die Obrigkeit, außerdem mit fehlenden Alternativen durch ausländische Vakzine. „Seit 30 Jahren hat das Volk keinen Moment erlebt, in dem die Beamten etwas zu seinem Wohl getan hätten und nicht für die eigene Tasche“, erklärt Publizist Schewtschenko. Präsident Putin versichert, er habe sich zweimal Sputnik V spritzen lassen, ließ aber weder Videos noch Fotos davon veröffentlichen. Kein Aufbruchssignal für die unschlüssige Nation.

Ob viele Opfer im Verkehr, durch Alkoholmissbrauch oder Rauschgift – die Russen sind den Tod gewohnt. Vor allem ärmere Landsleute schätzten ein Menschenleben sehr niedrig ein, sagt Soziologe Gudkow, auch das eigene. Und wenn Russen sich kritisch mit der eigenen Mentalität auseinandersetzen, reden sie meist über ihren „Pofigismus“, was man als Scheiß-egal-Haltung übersetzen könnte. Corona ist nur ein Bruchteil jener sich oft häufenden Widrigkeiten, die die Russen Schicksal nennen.

Einmal kamen wir mit Pascha und seiner Frau aus dem Kino, ich setzte gedankenverloren meinen Mundschutz auf, Pascha grinste. „Zieh die Maske aus, der Krieg ist vorbei!“ Aber wenn der Krieg gegen Covid-19 wirklich ist vorbei, dann hat Russland ihn verloren.

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