Popmusik
Chinas wütender Internet-Mob
Die nationalistische Wut des chinesischen Internetmobs kann nur allzu leicht erzürnt werden. Diese Woche hat die öffentliche Entrüstung ein neues Opfer gefunden: die für Südkorea immens wichtige K-Pop-Branche. Als BTS, die derzeit wohl erfolgreichste Band der Welt, einen Award von der „Korea Society“ mit Sitz in New York für ihren Beitrag zur US-südkoreanischen Freundschaft annahm, hielt Rapper RM eine scheinbar harmlose, doch folgenschwere Dankesrede: „Wir werden für immer an die Opfer erinnern, die unsere beiden Nationen erbracht haben.“ Damit spielte er auf den Koreakrieg an, den die USA und Südkorea Seite an Seite bestritten.
Was BTS nicht bedachten: China, wo die Band Millionen Fans hat, kämpfte vor 70 Jahren auf der gegnerischen Seite mit den Streitkräften aus Nordkorea. In der Volksrepublik wird jener Konflikt bis heute offiziell als „Krieg gegen die US-Aggressionen“ betitelt. Dementsprechend tief in ihren nationalem Stolz verletzt zeigten sich die chinesischen Fans. „Sie sollten kein Geld mehr in China machen“, schrieb etwa ein erboster Nutzer auf der Plattform Weibo. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der Zorn über Hashtags, Videoblogs und Zeitungsartikel, gezielt befeuert von den staatlichen Medien mit ihren nationalistischen Tönen.
Firmen stoppen Werbekampagnen
Nur wenige Stunden später sahen sich Samsung, Südkoreas größtes Unternehmen, sowie Hyundai und der Sportwarenhersteller Fila dazu gezwungen, ihre Werbekampagnen mit BTS in China zurückzuziehen – ohne jedoch die Hintergründe für die Entscheidung bekanntzugeben. Gleichzeitig nahm ein chinesischer Streamingdienst die Alben von BTS komplett aus seinem Sortiment. Südkoreas Wirtschaft ist massiv von China abhängig, sowohl für Exporte als auch Importe ist das Reich der Mitte der größte Handelspartner.
Eine Armee aus Fans
BTS gelten unter Jugendlichen weltweit als die derzeit angesagteste Band überhaupt. Ihr jüngstes Video zur Single „Dynamite“ erreichte über 100 Millionen Klicks in nur 24 Stunden – ein Youtube-Rekord. Zudem haben sie bereits Reden vor der UN-Generalversammlung gehalten und in ihrem Heimatland mit mutigen Aussagen über Depressionen und psychische Gesundheit an gesellschaftlichen Tabus gerührt.
Ihre Fans, die sich selbst als „Army“ bezeichnen, haben sich in der Vergangenheit immer wieder politisch engagiert, etwa für die „Black Lives Matter“-Bewegung, der sie eine Million US-Dollar spendeten, oder gegen US-Präsident Donald Trump.
Die südkoreanischen Sänger indes sind nicht wirklich politisch – allein schon aus wirtschaftlichem Kalkül.