Interview
„China hält es für nutzlos, mit dem Westen zu reden“
Der Westen bemüht sich redlich, Chinas militärische Aufrüstung zu begreifen. Wie würden Sie die übergeordnete Strategie der Volksrepublik beschreiben?
Es gibt zwei Hauptkategorien: Das erste Ziel Chinas besteht darin, seine – laut Eigenwahrnehmung – nationalen Interessen verteidigen zu können. Dazu gehört die nationale Vereinigung mit Taiwan sowie die Sicherung von Territorialansprüchen, einschließlich der Landgrenzen zu Indien und den maritimen Ansprüchen im Südchinesischen Meer. Daneben besteht für China auch ein neues Bedürfnis, nämlich seine wachsenden Auslandsinteressen schützen zu können: etwa wirtschaftliche Investitionen oder die wachsende Anzahl an Staatsbürgern, die im Ausland Geschäfte machen oder studieren.
Haben sich die militärischen Ambitionen verändert, seit Xi Jinping die Macht übernommen hat und das Land zu neuer Größe führen möchte?
In Bezug auf die gerade erwähnte erste Kategorie ist die Denkweise mehr oder weniger gleich geblieben. China sieht die größte Herausforderung für seine Sicherheitsinteressen in anderen Großmächten, die sich einmischen könnten. Aber was sich geändert hat, ist das Tempo der militärischen Modernisierung. In den letzten Jahren konnte China aufgrund des schnellen Wirtschaftswachstums mehr in den Militärsektor investieren. Nachdem Xi Jinping an die Macht gekommen war, rief er dazu auf, den „Traum von einem starken Militär“ zu verwirklichen.
Inwiefern beschleunigt der Westen – insbesondere die USA – mit seiner deutlich aggressiveren Chinapolitik die Militarisierung Pekings?
Wenn China eine größere Bedrohung durch die USA wahrnimmt, dann wächst die Dringlichkeit Pekings, seine militärische Macht auszubauen, um dieser wahrgenommenen Bedrohung entgegenzuwirken. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: China behielt bislang eine eher zurückhaltende Nuklearstrategie bei. Das Nukleararsenal war jahrzehntelang viel kleiner als das der Vereinigten Staaten, weil Chinas allgemeine Sicherheitsbeziehung zu den USA während dieser Zeit zwar nicht gut, aber relativ stabil war. China sah keine unmittelbare nukleare Bedrohung durch die USA.
Doch jetzt baut China seine Nuklearstreitkräfte schneller auf als je zuvor.
Chinas Führer Xi Jinping selbst hat dem chinesischen Militär befohlen, die Entwicklung strategischer Abschreckungsfähigkeiten zu beschleunigen. Das ist ein deutliches Signal von oberster Ebene. Und dahinter stehen mehrere Faktoren. Ursprünglich war Chinas Ziel immer, eine überlebensfähige und sichere Zweitschlagfähigkeit aufzubauen, damit die USA nicht in Betracht ziehen würden, China zuerst mit Atomwaffen anzugreifen. Es braucht also nur ausreichend Atomwaffen, um einen amerikanischen Erstschlag zu überleben, und dann genügend funktionierende Atomwaffen zu haben, um eine Vergeltung gegen das US-Festland zu starten. Mittlerweile argumentieren viele chinesische Strategen jedoch, dass China seine Nuklearmacht aufbauen muss, weil die USA eine viel stärkere Feindseligkeit gegenüber China demonstrierten. Wenn man es analytisch betrachtet, ergibt das keinen Sinn. Denn egal wie feindselig Ihr Gegner ist: Solange Sie über eine sichere Zweitschlagfähigkeit verfügen, können Sie ihn davon abhalten, zuerst Atomwaffen einzusetzen.
Inwieweit sollte das die USA beunruhigen?
Die Vereinigten Staaten machen sich nicht unbedingt Sorgen, dass China Atomwaffen in einem militärischen Konflikt zuerst einsetzen wird. Aber sie sorgen sich um die Ungewissheit dahinter, warum Chinas Militär seine Nuklearstreitkräfte aufbaut: Einige Kritiker argumentieren, dass China in Zukunft seine traditionell bescheidene Nuklearhaltung ändern und sein Arsenal zunehmend als Mittel von Druckausübung statt Abschreckung einsetzen könnte. Um die Perspektive zu wahren: Die USA haben nach wie vor etwa zwölfmal so viele Atomsprengköpfe wie China. In anderen Bereichen hingegen, zum Beispiel bei den Seestreitkräften, holt China rasant auf.
Ist es nurmehr eine Frage der Zeit, bis das chinesische Militär die USA als Nummer eins überholt?
Ich kann mein Verständnis darüber darlegen, wie die Chinesen denken: Letztlich entscheidet die wirtschaftliche Macht über die militärische Macht. Wenn Chinas Wirtschaft also die US-Wirtschaft in Zukunft überholen kann, wird Chinas Militär früher oder später ebenfalls dominieren. Und nach Einschätzung westlicher Wissenschaftler wird die chinesische Wirtschaft bereits 2028 an den USA vorbeiziehen. Das stimmt die Regierung zuversichtlich, dass die Zeit auf ihrer Seite ist. Deshalb setzt die chinesische Führung auch so stark auf wirtschaftliche Entwicklung, denn die bestimmt alles andere.
In Europa argumentiert insbesondere die Linke, dass China ja nur einen einzigen Militärstützpunkt im Ausland habe und nicht als Bedrohung dämonisiert werden dürfe. Ist das naiv?
Kein Land entwickelt militärische Macht mit dem ausdrücklichen Ziel, andere Länder zu erobern. Alle Staaten, auch China, wollen nur ihre vermeintlichen nationalen Interessen verteidigen. Peking sieht eine mögliche US-Militärintervention als größte Bedrohung an. Aus diesem Grund glaubt die Regierung auch, eine Militärmacht aufbauen zu müssen, die ausreichend stark ist im Vergleich zu Washington und all seinen Verbündeten in der Region. Das Ziel ist zwar Selbstverteidigung. Dennoch kann Chinas Ansatz von anderen Ländern als ehrgeizig angesehen werden, da Peking eine Art militärische Überlegenheit in der Region aufbauen muss, um dieses defensive Ziel zu erreichen.
Und was passiert, wenn China dieses Ziel erreicht hat?
Dann wird Chinas militärische Überlegenheit die USA und ihre Verbündeten de facto davon abhalten einzugreifen, wenn China seine nationalen Interessen durchsetzt. Nehmen wir das Beispiel Taiwan: Die Forderung nach nationaler Vereinigung mit Taiwan ist ein wichtiges Ziel der aktuellen politischen Führung. Ich glaube jedoch nicht, dass man einen verfrühten Konflikt anzetteln möchte. Solange nach wie vor Zweifel bestehen, ob die USA intervenieren können, ist Chinas Militär noch nicht stark genug.
Halten Sie einen militärischen Konflikt zwischen den USA und China für ein realistisches Szenario?
Ich glaube nicht, dass China die Absicht hat, einen Konflikt zu provozieren. Die Priorität der Staatsführung ist klar: Es braucht Zeit, um eine umfassende nationale Macht aufzubauen. Und wenn Chinas Macht stark genug ist, kann es seine vermeintlichen Interessen verteidigen, ohne weiter kämpfen zu müssen.
Könnten bilaterale Abrüstungsverhandlungen dabei helfen, das Wettrüsten zwischen den zwei Weltmächten einzudämmen?
Ich bin da sehr pessimistisch. Beide Seiten können nicht einmal mehr in grundlegenden Sachfragen eine Einigung erzielen, zum Beispiel über Xinjiang. Der Westen glaubt aufrichtig, dass sich dort eine schreckliche humanitäre Krise (durch die Unterdrückung der Uiguren, Anmerkung der Red.) ereignet. In China hingegen glauben die meisten Experten, dass diese vollständig von westlichen Medien erfunden wird und dass die Regierungsmaßnahmen in der Region gegen keine rechtlichen oder moralischen Standards verstoßen. Stattdessen glauben sie, dass der Westen China absichtlich dämonisiert – etwa in Bezug auf Hongkong, Xinjiang oder Taiwan – und zwar nicht, weil man sich um Demokratie oder Menschenrechte schert, sondern aus Sorge, dass China den Westen im internationalen System als dominierende Macht ablösen könnte. Wenn sich die beiden Seiten in solchen Sachfragen nicht mal mehr einigen können: Wie können sie dann eine gemeinsame Lösung zur Abrüstung entwickeln?
Welchen Weg wird China stattdessen im Umgang mit dem Westen wählen?
Der Trend ist besorgniserregend: China hält es für nutzlos, mit dem Westen zu reden und im Dialog zu überzeugen. Vielmehr ist die Staatsführung davon überzeugt, dass sie die Meinung der westlichen Länder nur dadurch ändern kann, indem sie ihre Macht aufbaut. Denn Macht ist das Einzige, was der Westen respektiert. Dies bedeutet auch, dass es keinen innerchinesischen Konsens über Abrüstungskontrollen gibt, die Chinas militärische Entwicklung beschränken würden.
Zur Person
Tong Zhao wurde in der zentralchinesischen Provinz Henan geboren. Sein Masterstudium der internationalen Beziehungen absolvierte er an der renommierten Tsinghua-Universität, bevor er für seinen Doktor ans Georgia Institute of Technology ging. Derzeit forscht der Militärexperte am „Carnegie–Tsinghua Center for Global Policy“ zu Abrüstung und Atomwaffenpolitik.