Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Bodycams für Polizei: Erkenntnis aus Studie ist überraschend

In Rheinland-Pfalz hat die Polizei mittlerweile 250 Bodycams angeschafft. Foto: dpa
In Rheinland-Pfalz hat die Polizei mittlerweile 250 Bodycams angeschafft.

Die Polizei setzt vermehrt auf Bodycams, um Beamte im Einsatz zu schützen. Erstmals hat nun eine wissenschaftliche Studie die Wirksamkeit der am Körper getragenen Aufzeichnungsgeräte belegt. Eine weitere Erkenntnis überrascht.

Die Hessen haben es vorgemacht. 2013 startete im Frankfurter Innenstadtrevier ein Pilotprojekt, Polizisten gingen mit einer am Körper getragenen Kamera im Kneipenviertel auf Streife. Schnell wurde aus dem Probebetrieb die Regel. Rheinland-Pfalz zog nach mit Versuchen in Koblenz und Mainz, die flächendeckende Einführung der Bodycam folgte vor anderthalb Jahren. 250 Stück wurden angeschafft. Kaum ein Bundesland will mittlerweile auf die Geräte verzichten, auch die Bundespolizei hat sie im Gebrauch. Auslöser war die Diskussion um steigende Gewalt gegen Beamte. Bodycams sollen in brenzligen Einsatzsituationen abschreckend auf aggressive Personen wirken und somit tätliche Übergriffe verhüten. Auch Beweise für etwaige Strafverfahren können durch die Aufnahmen gesichert werden. Die Auswertungen der Pilotprojekte stellten auch positive Effekte fest, was der Verbreitung der Technik Vorschub leistete. Wirklich wissenschaftlich umfassend erforscht waren die Zusammenhänge allerdings bislang nicht.

Nicht nur Verhalten des Gegenüber beeinflusst

Nun liegt der Abschlussbericht einer Studie der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen vor. Und es zeigt sich, dass Bodycams nicht nur das Verhalten des polizeilichen Gegenübers beeinflussen. Von Mai 2017 bis Januar 2018 wurde der Einsatz im Streifendienst in sechs Pilotwachen der Polizei erforscht. Umfangreiche Daten wurden ausgewertet, Beamte interviewt, Videoaufnahmen gesichtet. Ein entscheidender Punkt: Die Kameras wurden nach dem Zufallsprinzip in der einen Hälfte der Dienstschichten mitgeführt, in der anderen nicht, um die Ergebnisse abgleichen zu können. „Das ist in Deutschland die erste Studie mit einem solchen Design“, sagt Professor Stefan Kersting. Vorherige Erfahrungsberichte seien hingegen mit großer Skepsis zu betrachten. Die Forscher haben herausgefunden: In polizeilichen Einsatzsituationen können Bodycams tatsächlich deeskalierend wirken. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob die etwa von einer Streife kontrolliere Person unter Alkohol- oder Drogeneinfluss steht oder nicht. Das entspricht den Erwartungen eines abschreckenden Effekts, wenn das Verhalten einer Person gegenüber den Beamten aufgezeichnet werden kann. Ein Befund aus den Daten jedoch überrascht. In den Schichten mit Bodycam wurden häufiger Angriffe auf die Streifenbeamten registriert als in denen ohne Kameraeinsatz. Das deckt sich mit früheren Ergebnissen aus Großbritannien und den USA. Forscher der Universität Cambridge stellten in einer groß angelegten Studie fest, dass Bodycams unter Umständen sogar zu einem Anstieg von Körperverletzungen gegen Beamte führen können. Aus welchem Grund, blieb dabei offen.

Zurückhaltung begünstigt Eskalation

Stefan Kersting hat eine Erklärung anzubieten: „Es gibt einen signifikanten Anteil von Beamten, die ihr eigenes Verhalten beim Bodycam-Einsatz anpassen“, sagt er. Insbesondere auf Frauen treffe das zu. Polizisten unter Kamerabeobachtung würden unangemessen zurückhaltend einschreiten und eine formalere Sprache verwenden. Umständliches Amtsdeutsch statt einer je nach Lage eher hilfreichen klaren Ansage also – aus Sorge vor einer späteren negativen Bewertung. Das begünstige eine Eskalation und tätliche Angriffe. Die Empfehlung der Forscher: Solche Effekte müssten beim Einsatz der Bodycam berücksichtigt werden. Es sollte eine Kultur geschaffen werden, die Einsatzkräfte ermutige, ihr Verhalten ausschließlich an den Erfordernissen des Polizeieinsatzes auszurichten. Dann könnten die Kameras die gewünschte Schutzwirkung entfalten. Krings: „Es reicht nicht, einfach eine Dienststelle mit den Geräten auszustatten.“

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