Künftiger US-Außenminister RHEINPFALZ Plus Artikel Blinken will Entscheidungen Trumps rückgängig machen

Hat einen Großteil seiner Kindheit und Jugend in Paris verbracht: Antony Blinken.
Hat einen Großteil seiner Kindheit und Jugend in Paris verbracht: Antony Blinken.

Der wohl künftige US-Außenminister Antony Blinken hält nichts von Alleingängen der USA. Und er vertritt eine Linie, die den Mächtigen in Peking überhaupt nicht gefallen dürfte.

Wie Antony Blinken die Welt sieht, hat er zuletzt im Juli in einem Fernsehinterview skizziert. Es ging um das Verhältnis zu China, für jede amerikanische Regierung auf der Liste außenpolitischer Prioritäten ganz oben angesiedelt. Als Erstes, sagte Blinken, müsse man herauskommen aus dem strategischen Loch das Donald Trump gegraben habe. Der Präsident habe Amerikas Allianzen geschwächt und China damit in die Hände gespielt. Er habe Peking grünes Licht gegeben, sodass es Menschenrechte mit Füßen treten konnte. Würden die USA nun auf eigene Faust versuchen, Änderungen anzumahnen, kämen sie wahrscheinlich nicht weit. „Handeln wir dagegen gemeinsam mit anderen Demokratien, wären das 50 bis 60 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Dies zu ignorieren, würde China viel schwerer fallen.“

Blinken ist einer jener Strategen in Washington, die den Wert multilateraler Kooperation nicht nur zu schätzen wissen, sondern dies auch laut und deutlich kundtun. Im Kabinett Trumps war die Denkschule seit dem Tag nicht mehr vertreten, seit James Mattis, der Verteidigungsminister, der sich ohne Abstriche zu internationalen Bündnissen bekannte, seinen Hut nehmen musste. Insofern steht der neue Außenminister, dessen bevorstehende Ernennung am Montag publik wurde, bevor der President-elect Joe Biden sie offiziell machte, für eine 180-Grad-Wende.

Blinken hat das Ohr des künftigen Präsidenten

Er erfüllt das wichtigste Kriterium, das ein US-Außenminister erfüllen muss, will er etwas bewirken: Er hat das Ohr des künftigen Präsidenten. Mit wem immer Blinken verhandelt, seine Gesprächspartner können sich darauf verlassen, dass er die Rückendeckung seines Chefs hat. Von Rex Tillerson, dem ersten Chefdiplomaten Trumps, ließ sich das schon nach kurzer Zeit im Amt nicht mehr sagen. Weshalb vor allem Autokraten in Asien oder der arabischen Welt bald auf den informellen Kanal setzten, auf Trumps einflussreichen Schwiegersohn Jared Kushner.

Blinken dürfte Tillersons Schicksal erspart bleiben, so viel scheint sicher. Er gehört schon so lange zum Kreis der engsten Vertrauten um Biden, dass manche Kolumnisten ihn als dessen Alter Ego beschreiben. Beide sind Pragmatiker. Beide bekennen sich zur Rolle, die Amerika als Ordnungsmacht spielen muss, soll kein globales Vakuum entstehen. Beide betonen zugleich die Grenzen amerikanischer Macht. Im Sommer, bei einem Forum der Denkfabrik Hudson Institute, hat Blinken deutlich gemacht, dass man die krassesten Alleingänge Trumps unverzüglich zu korrigieren gedenkt, den Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen ebenso wie den aus der Weltgesundheitsorganisation. „Für die großen Probleme, mit denen wir es zu tun haben, sei es der Klimawandel, seien es Pandemien, sei es die Verbreitung schlimmer Waffen, gibt es keine unilateralen Lösungen“, sagte er.

Fan der Beatles

Schon mit seiner Biografie steht der 58-Jährige für den Blick über den nationalen Tellerrand. Große Teile seiner Kindheit und Jugend verbrachte er in Paris, wo sein Stiefvater Samuel Pisar als Rechtsanwalt arbeitete. Pisar hatte die Konzentrationslager Majdanek, Auschwitz und Dachau durchlitten, er war der Einzige aus seiner Familie, der den Holocaust überlebte. An seinem Pariser Gymnasium soll Blinken, ein Fan der Beatles, gelernt haben, einerseits sein Land mit guten Argumenten zu verteidigen und andererseits Kritik an seinem Land zu respektieren. Von 1994 bis 1998 war er einer der Redenschreiber Bill Clintons, bis 2001 dann als persönlicher Assistent des Präsidenten zuständig für die transatlantischen Beziehungen. Danach holte ihn Biden in sein Team. Als Biden 2009 sein Amt als Vizepräsident antrat, wurde er dessen Sicherheitsberater.

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