Politik BlickpunKt: Das Ende des Steinkohlebergbaus in Deutschland: Die Letzten ihrer Art

An die Arbeit: Bergleute verlassen auf Prosper Haniel den Förderkorb. Auf der Zeche sind noch knapp 1700 Menschen beschäftigt.
An die Arbeit: Bergleute verlassen auf Prosper Haniel den Förderkorb. Auf der Zeche sind noch knapp 1700 Menschen beschäftigt.

Auf den ersten Blick sieht das Ding aus wie eine dieser Bahnen, mit denen sich Rummelplatz-Besucher auf schwindelerregende Fahrt begeben. Stabile Kabine inklusive Dach, enge Platzverhältnisse, nur der Sicherheitsbügel fehlt. Den braucht es auch nicht, denn die Dieselkatze bewegt sich in eher gemächlichem Tempo, ohne Auf und Ab. Eine halbe Stunde lang schwebt, besser: ruckelt und zuckelt die Bahn durch das scheinbar endlose Stollensystem. Ab und zu huscht rechts ein Bergmann vorbei, wie ein Skeleton-Pilot bäuchlings auf einem Förderband ausgestreckt, das ihn nach getaner Arbeit Richtung Förderkorb transportiert. Der dreistöckige Korb wird ihn aus gut 1200 Meter Tiefe wieder „über Tage“ bringen. Quietschend und kreischend nähert sich die Dieselkatze ihrem Ziel auf der siebten Sohle im mit einer Teufe von 1253 Metern derzeit weltweit tiefsten Steinkohlebergwerk. Vom kräftigen Luftzug, der einem dank der Bewetterung mit 30.000 Kubikmeter Frischluft pro Minute beim Ausstieg aus dem Förderkorb empfing, ist jetzt kaum noch etwas zu spüren. Stattdessen herrschen Temperaturen um die 30 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit. Schweißperlen bilden sich unterm Helm, der ebenso obligatorisch ist wie die Stirnlampe, das Selbstrettungsset und Bekleidung ohne synthetische Fasern – wegen der Gefahr von Funkenbildung. Die letzten Meter bis zum Streb, wo die Kohle abgebaut wird, geht’s zu Fuß, über Bretter, Rohre und durch Pfützen. Klaus Pütz, der eben noch die Dieselkatze gesteuert hat, passt auf, dass keiner zurückbleibt. 49 Jahre ist Pütz alt, 33 davon hat er als Bergmann gearbeitet. Zuerst im Bergwerk Walsum bei Duisburg, das 2008 stillgelegt wurde, seitdem hier, auf Prosper Haniel. Ja, zwei-, dreimal habe er es mit Arbeit über Tage versucht. Aber das sei nichts von Dauer, nichts für ihn gewesen. Pütz, das spürt man, ist Bergmann mit Leib und Seele. „Entweder du liebst es, Bergmann zu sein, oder du hasst es, dazwischen gibt es nichts“, sagt er. Die anderen Kumpel nicken zustimmend. Und versuchen zu erklären, was diesen Beruf ausmacht, der für sie viel mehr ist als ein Job. Sie sprechen vom „Wir-Gefühl“ und davon, dass in dieser Welt unter Tage, in der trotz aller Sicherheits- und Schutzmaßnahmen nach wie vor vielfältige Gefahren lauern, sich jeder jederzeit auf den anderen verlassen können muss. Dass es wohl auch deshalb hier unten keine Rolle spielt, wo einer herkommt, welche Hautfarbe er hat. Der Streb ist erreicht, jetzt geht es nur noch gebückt oder auf Knien rutschend weiter. Presslufthämmer, gar Pickel und Schaufel, haben beim Abbau längst ausgedient. Stattdessen kommt ein stählerner Hobel zum Einsatz. Im Moment aber ruht der Abbau. Irgendwo ist das Gestein brüchig geworden, muss stabilisiert werden, bevor die Maschine wieder in Gang gesetzt werden kann und zwischen zwei Strecken auf gut 300 Metern Länge schichtweise Kohle herausholt. Am Boden feuchtes, rutschiges Gestein, an der Decke massive eiserne Schilde, die den Berg darüber daran hindern, zusammenzubrechen. Bis Jahresende wird im Baufeld Haniel Ost die letzte deutsche Steinkohle aus der Erde geholt; wenn das Kapazitätsziel erreicht ist, wird der Hobel abgeschaltet. Endgültig. Dann endet nicht nur die über 150-jährige Geschichte des Bergwerks Prosper Haniel in Bottrop-Kirchhellen, sondern auch die Ära des Steinkohlebergbaus in Deutschland. Und damit ein einmaliges Stück Industriegeschichte. In erdgeschichtlichen Zeiträumen war es kaum ein Wimpernschlag. Gut 200 Jahre wurde in Deutschland – genauer, in den Kohleländern Saarland und Nordrhein-Westfalen – im industriellen Maßstab Steinkohle abgebaut. Ein Nichts im Vergleich zu den rund 300 Millionen Jahren, die das „schwarze Gold“ unter der Erde liegt. Für die Steinkohlereviere, für ganz Deutschland wie auch für große Teile Europas aber war dieser Zeitraum prägend. Ohne Steinkohle hätte es die Industrialisierung in der Form, wie sie seit dem 19. Jahrhundert stattfand, nicht gegeben. Hunderttausende fanden auf den Zechen an der Saar und im Ruhrgebiet, der ehemals größten Bergbauregion Europas, Arbeit. Eine Arbeit, die vielen zu bescheidenem Wohlstand verhalf, die auch Menschen mit eher einfacher Qualifikation einen lange Zeit krisensicheren und gut bezahlten Job bot. Aber auch eine Arbeit, die Leid verursachte, ihre Opfer forderte. Sei es bei Grubenunglücken, sei es durch die Bergmannskrankheit Silikose, die berüchtigte Staublunge. 1957 wurden in Deutschland in 173 Bergwerken rund 150 Millionen Tonnen Steinkohle abgebaut, die Branche gab 600.000 Menschen Arbeit – absolutes Nachkriegshoch. Aber schon wenig später zeigten sich erste Krisenzeichen, wurde vermehrt auf Halde produziert. Deutsche Steinkohle war im internationalen Vergleich wegen des kostspieligen Abbaus in großer Tiefe schlicht zu teuer. Deshalb wurde der Bergbau lange Zeit mit jährlichen Milliardenbeträgen subventioniert, in der Summe mit rund 200 Milliarden Euro. Auch in diesem Jahr steuern nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums der Bund (939 Millionen) und das Land Nordrhein-Westfalen (161 Millionen) noch einmal rund 1,1 Milliarden Euro an Steinkohle-Subventionen bei. Diese Fördergelder und damit der Steinkohlebergbau an sich wurden im Laufe der Jahre immer stärker in Frage gestellt – zumal auch die negativen Folgen für Gesundheit, Umwelt und Klima zunehmend ins Bewusstsein rückten. 2007 verständigten sich der Bund, die Kohleländer Saarland und Nordrhein-Westfalen, die RAG (vormals Ruhrkohle AG) und die IG BCE darauf, den Steinkohlebergbau Ende 2018 auslaufen zu lassen. Freilich wird weiter Steinkohle gebraucht, etwa in Kraftwerken oder in der Stahlindustrie. Über 90 Prozent dieser Kohle wird aber inzwischen importiert. Der Bergbau hat tiefe Spuren hinterlassen – in der Mentalität und Sprache der Menschen, in Kultur und Brauchtum. Und natürlich in der Natur, ganze Landschaften wurden durch den Bergbau geformt. Diese Spuren werden noch lange sichtbar sein. Auch, weil sich ein Bergwerk nicht einfach stilllegen lässt wie eine x-beliebige Fabrik. Wenn auf Prosper Haniel die letzte Kohle gefördert ist, wenn beim offiziellen Abschied am 21. Dezember alle Reden gehalten sein werden, beginnt das große Aufräumen nach dem Motto „(Fast) alles muss raus“. Maschinen, Kabel, Rohre, Bänder, alles muss demontiert und ans Tageslicht befördert werden. Was bleibt, ist das Wasser, das einen Großteil der sogenannten Ewigkeitskosten verursacht. Um diese Kosten, die etwa für die Grubenwasserhaltung und die Reinigung von Grundwasser anfallen, zu finanzieren, wurde 2007 die RAG-Stiftung gegründet, aus der künftig jährlich 220 Millionen Euro zur Begleichung der Ewigkeitskosten fließen sollen. Aber noch arbeiten sie hier unten, knapp 1700 Mitarbeiter sind auf Prosper Haniel beschäftigt. Bundesweit hat die RAG noch 4800 Mitarbeiter – 1968, bei ihrer Gründung, waren es 200.000. Neu eingestellt wurde schon lange nicht mehr, die letzten Auszubildenden haben vor einigen Monaten ihre Lehre abgeschlossen. Von denen, die jetzt noch da sind, werden die meisten Ende des Jahres in den Vorruhestand gehen. Zu ihnen zählt auch Klaus Pütz. Ob er sich endgültig aus dem Berufsleben verabschiedet, weiß Pütz noch nicht. Er könne sich vorstellen, noch ein paar Jahre zu arbeiten, vielleicht im sozialen Bereich – ein Berufsweg, den viele ehemalige Bergleute eingeschlagen haben. Aber erst einmal malochen sie weiter, konzentriert, durchaus auch stolz. Resignation, gar Wut kommt bei ihnen nicht auf beim Gedanken an das nahe Ende. Schließlich steht dieses schon lange fest, keiner muss befürchten, finanziell und sozial „ins Bergfreie“ zu fallen. Das war ganz anders damals, im Februar 2008, als am Nordschacht des Bergwerks Saar die Bergleute den Förderkorb verließen. In ihren Gesichtern spiegelten sich Wut und Angst. Ein paar Tage zuvor war ihnen quasi aus heiterem Himmel der Boden unter den Füßen weggezogen worden: Am 23. Februar hatte ein schweres Grubenbeben Gebäude und Menschen erschüttert. Schon Stunden später wurde ein vorläufiger Förderstopp verhängt. Das Beben beschleunigte das Aus für den Saar-Bergbau, gut vier Jahre später war endgültig Schluss. (siehe „Die Folgen des Bergbaus …“ auf dieser Seite) Im Schein der Grubenlampen geht es zurück. Klaus Pütz klettert in den Führerstand der Dieselkatze, wirft den Motor an, die Zeit drängt, der Förderkorb wartet nicht. Mit zwölf Metern pro Sekunde saust der Korb nach oben. Beim Hinausgehen nochmals ein Blick auf die Statue der Heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute, und ein letztes „Glückauf!“

Weithin sichtbar: der Förderturm von Prosper Haniel.
Weithin sichtbar: der Förderturm von Prosper Haniel.
Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute.
Die Heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute.
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