Frankreich / Korsika
Ausschreitungen nach Angriff auf Nationalhelden
Es sind teils schockierende Handy-Aufnahmen: Bilder von brennenden Gebäuden in Bastia, von jungen Männern in Corte, die Flaschen auf Polizisten werfen und von Schulen in Ajaccio, die von dutzenden Jugendlichen blockiert werden. Seit Tagen wird die französische Mittelmeerinsel Korsika von heftigen Unruhen erschüttert. Einen Monat vor der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl und während in der Ukraine ein brutaler Krieg tobt, machen die Korsen ihrer Wut auf den Zentralstaat Luft. Am heutigen Mittwoch wird der Innenminister Gérald Darmanin für einen zweitägigen Besuch auf der sogenannten „Insel der Schönheit“ erwartet, um die Lage zu beruhigen.
Allein im Fitnessraum
Auslöser war ein gewaltsamer Angriff auf den korsischen Nationalisten Yvan Colonna Anfang März in einem Gefängnis im südfranzösischen Arles durch einen Mithäftling, einen ehemaligen Dschihadisten in Afghanistan. Beide hatten sich offenbar alleine in einem Fitnessraum befunden. Erst nach acht Minuten griff das Wachpersonal ein.
Colonna liegt seitdem im Koma. Wegen der Ermordung des Präfekten Claude Érignac 1998 war er 2007 zu lebenslanger Haft verurteilt worden, er hat aber stets seine Unschuld beteuert. Auf Korsika wird der heute 61-Jährige, der der militanten „Korsischen Nationalen Befreiungsfront“ FLNC nahestand, als Nationalheld verehrt.
Seit Langem war gefordert worden, Colonna dem Wunsch seiner Familie entsprechend in ein korsisches Gefängnis zu verlegen. Doch da er als besonders gefährlicher Häftling mit hoher Fluchtgefahr galt, wurde er in Arles in einem Hochsicherheitstrakt festgehalten – wo es offensichtlich Nachlässigkeiten gab, wie seine Anhänger der Regierung nun vorwerfen.
Nur kurz beruhigt
„Mörder-Staat“ skandierten tausende bei einer Demonstration am Wochenende. Dabei flogen selbstgemachte Handgranaten und Molotow-Cocktails. Laut Medienberichten wurden insgesamt 93 Menschen verletzt, unter ihnen 70 Sicherheitskräfte.
Erst jetzt willigte Premierminister Jean Castex ein, Colonna sowie zwei weitere korsische Mitglieder des „Érignac-Kommandos“ in Haftanstalten auf ihrer Heimatinsel zu bringen. Die Situation hat dieses Zugeständnis aber nur kurzzeitig beruhigt. Zu bedeutsam ist die Figur Yvan Colonnas für viele Korsen. „Er verkörpert im kollektiven Bewusstsein eine Art Robin Hood, einen sozialen Banditen, der das System herausfordert“, sagt der Politikwissenschaftler Thierry Dominici. Für die nachwachsende korsische Generation stehe Yvan Colonna für einen alle „vereinigenden Nationalismus“.
Tatsächlich führen vor allem die jungen Korsen, die oft nach dem Mord am Präfekten Érignac geboren wurden, die derzeitigen Ausschreitungen an. Oft gehören sie nationalistischen Studentengewerkschaften an, die die Unabhängigkeit ihrer Insel fordern. Thierry Dominici zufolge lehnen viele von ihnen den gewaltfreien, moderaten Nationalismus ab, den der Präsident des korsischen Exekutivrats Gilles Simeoni, ein Befürworter von mehr Autonomie für die Insel, verkörpert.
Oft fühlten sie sich vom französischen Staat vernachlässigt und missachtet, der Forderungen wie die Einführung der korsischen Sprache in offiziellen Dokumenten ablehnt. Hinzu kommen steigende Lebenskosten und eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Mehrere Studentenvereinigungen haben angekündigt, ihre Proteste und Blockaden fortsetzen zu wollen.