Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Aufstände in den vernachlässigten Vororten französischer Großstädte

Gewaltausbruch in einem Pariser Vorort im Jahr 2005.
Gewaltausbruch in einem Pariser Vorort im Jahr 2005.

In Frankreich wird eine neue Explosion der Gewalt befürchtet. Die aktuellen Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt haben ihren Ursprung in den Banlieues. Auch der Fall von Adama Traoré. Seine Schwester klagt an: „Mein Bruder starb, weil er schwarz war.“

Kein französischer Polizist schiebt gerne Dienst in den Banlieues der großen Städte. Die vernachlässigten Vororte sind ein Symbol für all das, was in Frankreich bei der Migrationspolitik falsch gelaufen ist. Immer wieder kommt es zu Unruhen und Aufständen. Arbeitslosigkeit und Gewalt prägen den Alltag.

Diese Ausgangslage führt bisweilen dazu, dass auch die Polizisten nicht gerade zimperlich sind bei ihren Einsätzen. Die Bewohner der Banlieues werfen den Ordnungskräften oft Gewalt und Willkür vor. So auch im Fall Adama Traoré. Der Sohn von Einwanderern aus Mali starb 2016 in Polizeigewahrsam. Ein aktuelles Gutachten entlastet die Polizisten und führt Drogenkonsum sowie eine Herz-Vorerkrankung an. Ein Gutachten im Auftrag von Traorés Familie geht davon aus, dass der 24-Jährige erstickt ist – aufgrund äußerer Gewalteinwirkung.

Die Gutachten im Fall Traoré und die Demonstrationen in den USA nach dem Tod von George Floyd heizen nun den Protest und die Debatte über Rassismus und Polizeigewalt in Frankreich wieder an. Die Stimmung ist aufgeheizt, denn während der Corona-Ausgangssperren kam es in den Banlieues immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Neueste Zahlen scheinen den übermäßigen Gewalteinsatz zu bestätigen. Am Montag wurde publik, dass die Anzahl der innerpolizeilichen Ermittlungen gegen Einsatzkräfte im Jahr 2019 um fast ein Viertel auf 1460 Fälle gestiegen ist. Grund dafür seien auch die Demonstrationen der Gelbwesten, die oft von Randale begleitet wurden, heißt es in einem Bericht der Inspection générale de la Police nationale.

In Frankreich wird befürchtet, dass es zu ähnlich schweren Unruhen kommen könnte wie im Jahr 2005. Damals gab es in den Banlieues Straßenschlachten, der Ausnahmezustand musste ausgerufen werden. Auslöser war der Unfalltod zweier Jugendlicher mit Migrationshintergrund, sie kamen auf der Flucht vor der Polizei im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois ums Leben. Die islamistischen Terroranschläge der vergangenen Jahre haben das Misstrauen zwischen Migranten und Polizisten weiter vertieft. Die Täter waren oft Kinder von Einwanderern, einige kamen aus den berüchtigten Vorstädten.

Nicht nur der unverhältnismäßige Einsatz der französischen Polizei vor allem gegen junge Männer mit afrikanischen Wurzeln wird angeprangert. Das Problem liege viel tiefer, nämlich in den offensichtlich rassistischen Strukturen bei den Einsatzkräften, so der Vorwurf. Rassismus in der Polizei streiten selbst die Polizeigewerkschaften nicht ab. Sie sprechen aber von „Einzelfällen“.

Zur Wortführerin der Demonstrationen ist Assa Traoré geworden, die wortgewandte Schwester von Adama. „Mein Bruder starb, weil er schwarz war“, ist die junge Lehrerin überzeugt und kämpft gegen Rassismus.

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