Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Arbeitsmarkt in Rheinland-Pfalz: „Keine Anzeichen für wirkliche Krise“

Pflegekräfte werden bundesweit dringend gesucht. Foto: dpa
Pflegekräfte werden bundesweit dringend gesucht.

Am Donnerstag legt die Bundesagentur für Arbeit (BA) die Arbeitsmarktzahlen für August vor. Ralf Joas sprach mit der Chefin der BA-Regionaldirektion Rheinland-Pfalz/Saarland, Heidrun Schulz, über die Lage am Arbeitsmarkt und die Folgen der sich abkühlenden Konjunktur.

Frau Schulz, auf einen kurzen Nenner gebracht: Wie präsentiert sich der Arbeitsmarkt in Deutschland und speziell in Rheinland-Pfalz momentan?
Für Rheinland-Pfalz haben wir ein sehr gutes Niveau erreicht, auf dem wir derzeit verweilen. Auch bundesweit hatten wir in den vergangenen Jahren eine auffällig gute Entwicklung. Beim Vergleich von Rheinland-Pfalz mit anderen Regionen ist festzustellen, dass wir hierzulande eine Struktur haben, die dazu beiträgt, dass es an irgendeiner Stelle des Arbeitsmarkts immer gut läuft. Und in den vergangenen Jahren war es so, dass sich der Arbeitsmarkt über fast alle Bereiche positiv entwickelt hat.

Was macht diese spezielle Struktur in Rheinland-Pfalz aus?
Wir haben im Land einen guten Mix aus Dienstleistung und Industrie. Aber auch innerhalb der großen Sektoren gibt es eine große Bandbreite. Das sorgt für eine recht hohe Stabilität und Sicherheit auf dem Arbeitsmarkt.

Sie werden heute die regionalen Arbeitsmarktzahlen für August präsentieren. Ist mit spürbaren Ausschlägen zu rechnen?
Auf jeden Fall erwarte ich, dass die Anzahl der Arbeitslosen nach den Ferien wieder zurückgeht – wenn auch wahrscheinlich nur leicht. Ich rechne damit, dass die Anzahl der Arbeitslosen nach dem Sommer wieder unter die 100.000er-Marke fallen wird. Aber wir sehen auch, dass sich nicht mehr alle Kriterien am Arbeitsmarkt verbessern. Einzelne Kriterien deuten darauf hin, dass es schwieriger wird.

Welche Kriterien sind das?
Zum einen werden uns weniger freie Stellen gemeldet. Wir haben auch mehr Nachfragen beim Thema Kurzarbeit. Zudem gibt es in der Arbeitnehmerüberlassung seit mehreren Monaten deutlich weniger Beschäftigung. Das ist ein Frühindikator für künftige Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt.

Steuern wir denn auf eine Krise am Arbeitsmarkt zu?
Es bleibt nicht so positiv, wie es in der jüngeren Vergangenheit war, aber Anzeichen für eine wirkliche Krise kann ich nicht erkennen.

Wie verträgt sich Ihre eher zuversichtliche Einschätzung mit Meldungen über zum Teil massiven Arbeitsplatzabbau bei großen Unternehmen wie der BASF oder auch bei Banken?
Entwicklung der Weltwirtschaft, Digitalisierung und technologischer Fortschritt, wie er im Umfeld der Antriebssysteme stattfindet, führen in einzelnen Branchen zu unterschiedlichem Anpassungsdruck. Wir sehen, dass aus diesen Gründen zum Beispiel im Finanzsektor schon länger Beschäftigung abgebaut wird. In der Industrie – auch in der Automobilindustrie – erkennen wir unterschiedliche Entwicklungen und im Handwerk werden Fachkräfte sehr gesucht.

Sie haben die Automobilindustrie angesprochen. Was beobachten Sie da?
Dort muss man zwischen Personenkraftwagen und Nutzfahrzeugen unterscheiden. Es gibt Anzeichen, dass sich die Beschäftigung in beiden Bereichen sehr unterschiedlich entwickeln wird. Sowohl bei Lastkraftwagen wie auch bei landwirtschaftlichen Fahrzeugen herrscht im Moment Stabilität in der Beschäftigung. Schwieriger wird es im Pkw-Sektor, aber auch dort unterscheidet sich die Lage je nach Zulieferer. Autositze zum Beispiel werden immer gebraucht, bei den Antriebskomponenten stellt sich das anders dar.

Sie haben eben die Kurzarbeit angesprochen. Kurzarbeit ist gemeinhin ein Frühindikator dafür, in welche Richtung es am Arbeitsmarkt geht. Was passiert da im Moment?
Die Agenturen melden uns, dass es mehr Nachfragen zum Thema Kurzarbeit gibt, zum Beispiel, wie Kurzarbeit überhaupt funktioniert. Letzteres ist ja ein Zeichen, dass manche Betriebe mit diesem Thema gar keine Erfahrung mehr haben. Laut den letzten Hochrechnungen gab es in Rheinland-Pfalz 51 Betriebe mit insgesamt 1000 Mitarbeitern, die in Kurzarbeit waren. Der Höchststand bei der Kurzarbeit lag schon mal bei 2400 Betrieben mit 47.000 Mitarbeitern. Es gibt also keine Anzeichen dafür, dass wir uns nahe an krisenhaften Entwicklungen befinden. Im Übrigen ist es gut, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie Zeiten mit schwacher Auftragslage genutzt werden können, um die Beschäftigten qualifizieren zu können.

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass sich die nachlassende Konjunktur bisher kaum am Arbeitsmarkt auswirkt? Das war früher ja durchaus anders.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen versuchen die Unternehmen, ihr Personal zu halten, weil es so schwierig ist, neue qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Hinzu kommt eine hohe Beschäftigungssicherheit im Dienstleistungsbereich, wo die Nachfrage nach Arbeitskräften ebenfalls nicht befriedigt werden kann. Dazu gehört zum Beispiel alles, was mit Gesundheit und Pflege zu tun hat.

Teilen Sie denn die Warnungen der Wirtschaft, dass sich der Fachkräftemangel zum größten Hemmnis für künftiges Wachstum entwickelt?
Einen flächendeckenden Mangel an Fachkräften sehe ich nach wie vor nicht. Aber in einzelnen Bereichen gibt es den: Sehr deutlich, wie gesagt, in der Pflege, aber auch in manchen Handwerksberufen. Ich verweise da immer auf den Gas- und Wasserinstallateur. Das ist das ein Beruf mit Zukunft, der sich wohl kaum ersetzen lässt. Dennoch ist es schon seit längerer Zeit extrem schwierig, dort Nachwuchs und Fachkräfte zu finden.

Wie schätzen Sie die Aussichten für die kommenden Monate ein?
Das ist ungeheuer schwer vorherzusagen. Die Art des Brexit wird sicher eine Rolle spielen – welche genau, ist sehr schwierig zu sagen. Natürlich wirkt sich die Lage der Weltwirtschaft in einem exportabhängigen Land wie Rheinland-Pfalz aus. Deshalb freue ich mich, dass inzwischen neben dem Export auch die Binnennachfrage zur Stabilität beiträgt. Und bei der Binnennachfrage sehe ich noch keine Eintrübungen. Es wäre jedenfalls für Rheinland-Pfalz weit verfrüht, irgendwelche Krisenzeichen an die Wand zu malen.

Heidrun Schulz, Chefin der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. Foto: BA
Heidrun Schulz, Chefin der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit.
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