Ukraine-Krieg RHEINPFALZ Plus Artikel Anschlag auf hohen russischen Militär mit E-Roller

Ermittler arbeiten an der Stelle, an der Igor Kirillow und sein Adjutant getötet wurden.
Ermittler arbeiten an der Stelle, an der Igor Kirillow und sein Adjutant getötet wurden.

In Moskau kam ein russischer Generalleutnant bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben. Offenbar ist Igor Kirillow das bisher ranghöchste Opfer ukrainischer Geheimdienste.

Es war ein Anschlag mit Ansage. Am Montag beschuldigte der ukrainische Geheimdienst SBU in einer Telegram-Mitteilung den russischen Generalleutnant Igor Kirillow, seit Februar 2022 in über 4800 Fällen den Einsatz verbotener chemischer Waffen gegen ukrainische Streitkräfte befohlen zu haben. Man ermittle weiter, um noch mehr Verstöße gegen das Völkerrecht durch die russischen Streitkräfte zu dokumentieren.

Igor Kirillow aber war am nächsten Morgen tot. Als der 54-jährige Generalleutnant am Dienstag gegen 6.10 Uhr Ortszeit seine Wohnung in Moskau verließ, explodierte nach Angaben des russischen Ermittlungskomitees ein Sprengsatz in einem vor dem Haus abgestellten Elektroroller. Kirillow und sein Adjutant starben. Und ukrainische Nachrichtenportale wie rbc.ua, pravda.com.ua oder die Agentur UNIAN zitierten fast wortgleich geheimdienstliche Quellen: Hinter dieser Operation stehe in der Tat der SBU. Die Quellen bezeichneten Kirillow als „Kriegsverbrecher“ und „absolut legales Ziel“.

Video von der Tat

Laut dem behördennahen russischen Telegramkanal Baza befand sich der Sprengsatz am Lenker des Rollers in etwa einem Meter Höhe. Ein Video, das aus dem Heckfenster eines Carsharing-Autos aufgenommen wurde, zeigt, wie beide Opfer auf das Trottoir treten und in einem Lichtblitz verschwinden. Offenbar haben die Täter selbst die Kamera installiert und das Video später in Umlauf gebracht. Sie dürften den Generalleutnant mehrere Tage, wenn nicht Wochen beschattet haben.

Der Kommandeur der chemischen Streitkräfte Russlands ist der bisher ranghöchste russische Militär, der während des Ukraine-Konflikts im eigenen Land umkam. Die russische Öffentlichkeit aber wird jetzt vor allem an seine „informativen Kühnheiten“ erinnert. Laut der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ war Kirillow maßgeblich an der Entlarvung von 400 (angeblichen) chemischen Verbrechen der ukrainischen Truppen beteiligt; er habe angeblich die Existenz von 45 Biolaboren der Amerikaner in Nachbarländern Russlands wie der Ukraine enthüllt.

Bange Frage: Wer ist der Nächste?

Am Dienstag war Kirillow laut dem Telegramkanal 112 auf dem Weg zu einem seiner Briefings im Verteidigungsministerium, wo er antiwestliche und antiukrainische „Wahrheiten“ verkündet habe. Vergangenen Sommer zitierte ihn beispielsweise die Staatsagentur RIA Nowosti mit der Nachricht, die USA hätten neue Spezialdrohnen entwickelt, um mit Malariaerregern verseuchte Kampfmücken ins feindliche Gebiet zu befördern. „Er ging mit offenem Visier voran“, bekundete Außenamtssprecherin Maria Sacharowa, „für die Heimat und für die Wahrheit“. Laut dem Telegramkanal SHOT hat die Polizei die Person ermittelt, die das Car-Sharing-Auto gemietet hatte, sie soll bald verhört werden.

Bereits vergangene Woche meldeten erst ukrainische, dann auch russische Portale, in einem Moskauer Park sei Michail Schatskij, ein führender Raketeningenieur des Konstruktionsbüros MARS, erschossen worden. Er habe Marschflugkörper und Drohnen entwickelt. „Der Wissenschaftler Schatskij, der General Kirillow… Wer ist der nächste?“ titelte nun pravda.ru – und versicherte ihren Lesern, die ukrainischen Geheimdienste handelten nie ohne Zustimmung ihrer CIA-Berater aus den USA.

Vergeltung geschworen

Kremlnahe Politiker drohen jetzt mit Vergeltung. Die Beteiligten würden bestraft, egal „wo sie sich befinden“, erklärte Andrej Kartapolow, Vorsitzender des Verteidigungskomitees der Duma. Das dürfte er sich auch im eigenen Interesse wünschen: Ein Anrufer warnte am Dienstag, er habe in Kartapolows Auto eine Bombe platziert.

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