Ukraine
Angst vor russischer Invasion: Ein Notrucksack für die Flucht
Anna Lenchowska und ihr Mann Valera haben zum Essen in ihr Apartment am rechten Dneprufer geladen. Es wird gelacht, getrunken und lange spekuliert, was das Coronavirus wohl für die Urlaubspläne in diesem Jahr bedeutet. Dann versiegt das Gespräch im Plauderton. Das Ehepaar erzählt von seinem Notrucksack für die Flucht. „Wir machen uns Sorgen, weil wir für Menschenrechtsorganisationen arbeiten. Aber sie würden sich wohl erst um wichtigere Leute als uns kümmern“, sagt Lenchowska. Im Moment stehe der Kauf einer Powerbank auf der To-do-Liste für den Ernstfall, um bei Stromausfall die Smartphones aufladen zu können.
Das Kiewer Ehepaar hat Ende Dezember damit begonnen, einen Bunker in ihrem Viertel zu suchen. Laut Angaben der Stadtverwaltung von Kiew gibt es derzeit 5000 Luftschutzräume in der knapp drei Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt der Ukraine. Allerdings zählt der zuständige Vize von Bürgermeister Vitali Klitschko, Andrij Kryschenko, auf Nachfrage auch gewöhnliche Keller zu den Schutzräumen. Diese werden oft von Lokalen oder Geschäften als zusätzliche Ladenfläche genutzt. „Wir sind dabei, in Fällen, in denen es uns für die Sicherheit der Bürger wichtig erscheint, mit den Eigentümern zu sprechen“, teilt der Vize-Bürgermeister mit. Er versichert, alle Anlagen seien leicht zu finden.
Schießen und Erste Hilfe
Anna Lenchowska und ihr Mann berichten dagegen von einer langen Internetrecherche nach ihrem Bunker. Sie freuten sich, als sich ein Schutzraum dann im Nachbargebäude fand. Die Kriegsangst käme seit den ersten Warnungen der Amerikaner vor einer drohenden russischen Invasion der Ukraine Mitte Dezember in Wellen, berichtet das Paar. Ihre Furcht wurzele in der Erfahrung, dass sich die Ereignisse in der Ukraine gerne überschlagen und aus den Volten selten etwas Gutes erwächst. Zu Beginn der Proteste auf dem Maidan gegen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch im Herbst 2013 habe niemand Krieg für denkbar gehalten, meint Anna Lenchowska. „Wir sind Katastrophen so gewöhnt, dass wir immer das Schlimmste befürchten.“
Experten sind sich sicher, dass eine Invasion der Ukraine mit vielen zivilen Opfern ein furchtbares Szenario wäre. Die Ukraine verfügt über viel kritische Infrastruktur wie Chemieanlagen oder Atomkraftwerke. Das größte Kernkraftwerk Europas steht mit sechs Blöcken in Saporischschja rund 200 Kilometer von der derzeitigen Frontlinie entfernt. Vergangene Woche legte ein Hackerangriff Internetseiten von Ministerien lahm. Die Angst geht um. Planungen für den Alptraum einer Schlacht um die Millionenstadt Kiew erscheinen sinnlos. Und dass die Ukrainer ihre Hauptstadt kampflos aufgeben würden, ist nicht ausgemacht.
Gesetz für den nationalen Widerstand
Dmytro Kostiukewitsch hat andere Pläne. Der 41-jährige IT-Entwickler öffnet ein Fotoalbum auf seinem Smartphone. Es zeigt Bilder von Männern in Camouflage. Sie knien in einer verschneiten Landschaft irgendwo außerhalb der Hauptstadt mit Gewehren im Anschlag vor einer verlassenen Fabrik. Schießen, Erste Hilfe und Sicherheit im Umgang mit Minen seien wesentliche Elemente seines Trainingsprogramms, berichtet Kostiukewitsch.
Der Entwickler ist Ausbilder der „Ukrainischen Legion“. So nennt sich ein Freiwilligenverband, der nach eigenen Angaben 3000 Mitglieder hat und jedes Wochenende Zivilisten an verschiedenen Orten in der Hauptstadt für den Ernstfall trainiert. Ein Gesetz „über die Organisation des nationalen Widerstands“ trat am 1. Januar in Kraft. Es erlaubt die Verteidigung mit eigenen Waffen für den Fall eines Krieges mit Russland und legalisiert das Üben mit ihnen.
Laut offiziellen Angaben besitzen 1,3 von etwa 40 Millionen Ukrainern einen Waffenschein. Kostiukewitsch befürwortet, dass sie nach einem Kollaps der Armee mit ihren Sport- und Jagdwaffen gegen die Russen kämpfen. Auch hochrangige Politiker wie Andrij Sahorodnjuk, bis März 2020 Verteidigungsminister der Ukraine, prophezeien Russland im Fall einer Invasion einen langen Guerillakrieg, den es nicht gewinnen könne.
Reservisten aktiviert
Erst einmal ginge es der „Ukrainischen Legion“ um ein zusätzliches Angebot an Reservisten, ihre Fähigkeiten aufzufrischen, betont der Trainer. Kostiukewitsch verweist auf eine mögliche Einberufung von Reservisten in den kommenden Wochen. Dann würden auch Jahrgänge zu den Waffen gerufen, deren militärische Ausbildung schon lange zurückliegt. Ein Reservist ohne ausreichende Vorbereitung sei im Krieg schnell ein toter Reservist, sagt der Ausbilder. Dann kommt er wieder auf Umfragen ukrainischer Meinungsforscher zu sprechen. Ihnen zufolge soll die Hälfte der Ukrainer bereit sein, sich einer Invasion entgegenzustellen, ein Drittel mit der Waffe in der Hand.
Jewgeni Leschan stapft durch den Schnee am Maidan-Platz im Zentrum von Kiew. Er trägt einen leuchtend gelben Anorak über seiner olivgrünen Uniform der „Territorialen Verteidigungskräfte“. Sie sind bereits das, was die „Ukrainische Legion“ nicht ist: eine offizielle Freiwilligenreserve der ukrainischen Armee. Bürgermeister Vitali Klitschko hat die Reservisten in Kiew bereits aufgefordert, sich auf einen russischen Angriff auf Kiew vorzubereiten. Seine Einheit würde im Ernstfall zunächst Aufgaben wie die Sicherung der Flughäfen von Kiew übernehmen, um die Sicherheitskräfte zu entlasten, sagt Leschan. Sollte es nötig sein, würden die „Territorialen Verteidigungskräfte“ aber auch in der Hauptstadt kämpfen.
Zu den „Territorialen Verteidigungskräften“ gehören etwa 10.000 Männer und Frauen, viele von ihnen Veteranen des Krieges im Osten. Leschan kämpfte von 2014 bis 2015 in der Region um die Hafenstadt Mariupol gegen die pro-russischen Separatisten. In jenem ersten Jahr des Krieges in der Ukraine sei die Armee völlig überrumpelt worden, sagt er. Zum Teil hätten die Einwohner damals die Separatisten mit Jagdgewehren vertrieben, erinnert er sich. „Damals hat die Armee den Gedanke akzeptieren gelernt, dass Zivilisten an der Verteidigung mitwirken sollten, wenn die Ukraine eine Chance haben will.“
Begrenzte Verteidigungskräfte
Die Konfliktexpertin Orysia Lutsewitsch vom Ukraine Forum der Denkfabrik Chatham House mit Sitz in London hält die Mobilisierung von Zivilisten angesichts der russischen Stärke für nachvollziehbar. Laut Schätzungen der ukrainischen Armee proben derzeit 100.000 Zivilisten im ganzen Land für den Ernstfall. „Die Ukraine ist nicht in der Nato, und ihre Ressourcen sind begrenzt“, sagt sie. Auch nach den Gesprächen zwischen dem Westen und Russland sei es klug, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Russland beteuert zwar, keinen Angriff auf die Ukraine vorzubereiten. Ein Abzug von rund 100.000 russischen Soldaten von der Grenze deutet sich aber nicht an. Der Preis für die derzeit forcierte Teilnahme von Zivilisten an der Landesverteidigung könne die schleichende Militarisierung der Gesellschaft sein, bedauert Lutsewitsch. Und Korpsgeist verträgt sich nicht gut mit Demokratie.
Anna Lenchowska serviert zum Nachtisch ihren selbst gebackenen Stollen. Das Dessert vertreibt ihre Sorgen nicht. „Wenn bewaffnete Gruppen auf unserer Seite aktiv bleiben, wenn der Staat schon nicht mehr existiert, an welche Regeln halten sie sich dann?“, fragt sie. In den Separatistengebieten leite sich das Recht von der Waffe in der Hand ab, hoffentlich werde das niemals in Kiew der Fall sein, meint sie. „Wir haben auf dem Maidan für den Rechtsstaat gekämpft und das wäre das Gegenteil davon“, sagt sie. Auf der anderen Seite, was nützten ukrainische Gesetze noch unter einer Besatzung?
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