Deutschlands erste Polizeirabbiner RHEINPFALZ Plus Artikel An Schabbat telefonisch nicht erreichbar

Einer der beiden Polizeirabbiner in Deutschland: Shneur Trebnik.
Einer der beiden Polizeirabbiner in Deutschland: Shneur Trebnik.

Sie sollen Vertrauenspersonen sein und Wissen über das jüdische Leben im Land vermitteln: In Baden-Württemberg versehen seit Anfang des Jahres zwei Polizeirabbiner ihren Dienst – ein Novum in Deutschland.

Shneur Trebnik ist das, was man einen umtriebigen Menschen nennt, immer bereit, neue Herausforderungen anzunehmen. Statt in seinem Büro im Gemeindezentrum in der Ulmer Synagoge seinen Tag zu verbringen, ist der Rabbiner lieber unterwegs – zu den Menschen. Seit Anfang dieses Jahres hat er einen neuen Auftrag: Der 45-Jährige ist jüdischer Polizeiseelsorger. Es klingt schon ein wenig Stolz in seiner Stimme mit, wenn er berichtet, dass es diese Funktion bislang nur in Israel und in den USA gegeben hat. In Deutschland sind der Ulmer und sein Kollege Moshe Flomenmann aus Lörrach die ersten Rabbiner in dieser Funktion.

Die Anregung, analog zu den kirchlichen Polizeiseelsorgern je einen badischen und einen württembergischen Polizeirabbiner einzusetzen, kam vom baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragten Michael Blume. Eine Idee, die die Landesregierung und die israelitischen Religionsgemeinschaften (IRG) in Baden und Württemberg aufgriffen.

„Jüdische Gemeinden gehören zum Alltag“

Für Trebnik ist die Zusammenarbeit mit der Polizei kein Neuland. „Seit vielen Jahren stehe ich mit der Polizei vor Ort in Kontakt, vor allem, seit die Sicherheitslage immer bedenklicher wird“, sagt der Rabbiner, der auch ausgebildeter Rettungssanitäter ist. In seiner neuen Funktion will er Ansprechpartner für Polizeibeamte sein, und er hofft, Verständnis für das Judentum schaffen und Vorurteile ausräumen zu können. „Polizisten bewachen Synagogen und jüdische Einrichtungen, sie sollen wissen, warum sie da stehen und was sie bewachen“, sagt er. Dabei ist dem Rabbiner ein Aspekt ganz wichtig: Die jüdischen Gemeinden in Deutschland seien nicht nur Mahnmal und Gedenkort. Sie seien nicht hier aufgrund der Vergangenheit und des Holocausts. Jüdisches Leben gebe es in Deutschland seit 1700 Jahren. „Jüdische Gemeinden gehören zum ganz normalen Alltag in Deutschland.“ Das will er vermitteln.

Im März hat die Ausbildung neuer Polizeibeamter begonnen, dabei bringen sich die zwei Rabbiner ein. Inhaltlich geht es um Ethik, Zivilcourage und darum, Wissen über jüdisches Leben zu vermitteln.

Verwirrung nach dem Anschlag von Halle

Da kommt der Anschlag auf die Synagoge in Halle im Jahr 2019 in Erinnerung. Dort hatten sich Gläubige an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, versammelt. Der Polizei war dies anscheinend, so die Kritik, nicht klar. Denn es gab keinen besonderen Schutz. Trebnik will das nicht bewerten, aber sein Anliegen ist es, dass die Polizeibeamten vor Ort wissen: „Das ist ein Feiertag, da sind viele Menschen in der Synagoge. Wissen sollte man auch, dass nicht nur an Festtagen, sondern auch am Schabbat, am Samstag also, Jüdinnen und Juden kein Telefon benutzen und keine Nachrichten hören.“

Das hat nach dem Anschlag in Halle bei der Ulmer Polizei für Verwirrung gesorgt, erzählt der Rabbiner. Man habe versucht, ihn zu erreichen, um ihn zu informieren. Aber telefonisch war dies ja nicht möglich.

Keine Geldbörse, kein Ausweis

Die Polizeianwärter erfahren im Unterricht auch, dass ein gläubiger Jude am Schabbat auf der Straße nichts mit sich trägt: kein Handy, keine Geldbörse, keinen Hausschlüssel, keinen Ausweis. Wissen, das bei der Personenkontrolle eines Juden nützlich sein kann.

Das Projekt Polizeirabbiner ist zunächst auf zwei Jahre angelegt. Für Trebnik, der sich in der Notfallseelsorge und der Deutschen Traumastiftung engagiert, ein guter Zeitraum, um zu sehen, wie viel Aufwand das Amt mit sich bringt und wie das alles mit seiner Aufgabe als Ortsrabbiner zu vereinbaren ist. „So etwas gab es in Deutschland noch nie, wir müssen sehen, wie wir diesen Auftrag entwickeln, welche Erwartungen es gibt und wie wir sie umsetzen können.“

Von Tel Aviv nach Ulm

Für Trebnik ist es spannend, Neuland zu betreten. Genau dies tat er auch im Jahr 2000, als er aus einem Vorort der israelischen Metropole Tel Aviv nach Deutschland aufbrach. Nach Studienjahren in New York, Melbourne und Wien berief ihn die IRG Württemberg als Rabbiner nach Ulm. Trebnik gehört der Bewegung Chabad Lubawitsch an. Chabad Lubawitsch ist die größte jüdische Organisation weltweit. Sie hat eine konservativ-orthodoxe Ausrichtung. Ein Segen für die Juden, weil sie Traditionen pflegt, loben die einen. Eine machtbewusste orthodoxe Bewegung, die Einfluss auf jüdische Gemeinden nimmt, sagen die Kritiker. Hauptziel der Bewegung ist es laut Trebnik, Juden – egal wo auf der Welt – die Möglichkeit zu geben, ihr Judentum zu praktizieren.

Beschimpfungen auf der Straße

In Ulm sollte der junge Rabbiner – es ist seine erste Stelle - die von den Nazis zerstörte jüdische Gemeinde wieder aufbauen. Im eigenen Wohnzimmer habe er mit einer Handvoll Leuten angefangen, zwei Jahre später habe man einen festen Raum gemietet. 2012 wurde die Synagoge in Ulm eingeweiht. Durch den Zuzug von Juden vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion wuchs die Gemeinde auf heute etwa 500 Mitglieder an. Die Lebendigkeit der Gemeinde macht Trebnik von einer anderen Zahl abhängig: 70 bis 80 Gläubige kämen am Samstag in die Synagoge, mehr als 200 an Festtagen, und beim Online-Kinderprogramm hätten mehr als 70 Kinder teilgenommen. Trebnik ist zufrieden. Er fühlt sich als Ulmer und ist stadtbekannt.

Doch in den vergangenen Wochen war der Rabbiner immer mal wieder verbalen antisemitischen Angriffen ausgesetzt. Und das habe lange vor dem derzeitigen Nahost-Konflikt begonnen, sagt er. Macht ihm das Angst? „Ich fühle mich sicher, aber es ist unangenehm. Niemand will doch auf der Straße beschimpft werden.“

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