USA RHEINPFALZ Plus Artikel Amerikas Hauptstadt im Ausnahmezustand

Hochsicherheitsbereich: eine Einheit der Nationalgarde am Samstag vor dem Kapitol.
Hochsicherheitsbereich: eine Einheit der Nationalgarde am Samstag vor dem Kapitol.

Am Mittwoch wird Joe Biden ins Amt des US-Präsidenten eingeführt. Aber von Vorfreude, von Feierlaune ist in der Hauptstadt der USA keine Spur. Stattdessen gleicht Washington – vor allem rund um das Kapitol – einer Festung.

Im Zimmer S 132 sieht es aus, als wären die Vandalen eben erst eingefallen. Immer noch, mehrere Tage nachdem Hunderte Anhänger Donald Trumps das Parlament stürmten. Auf dem marineblauen Teppich liegt kreuz und quer jede Menge bedrucktes Papier, herausgerissen aus Aktenordnern und Schreibtischschubladen. Das Polster eines Ledersessels ist aufgeschlitzt, selbst den Schredder hat jemand durchsucht und den Inhalt auf den Boden gekippt. Eine Forensikerin in weißer Schutzkleidung ist gerade dabei, Fingerabdrücke zu sichern. Nichts darf angerührt, nichts verändert werden im Chaos von Zimmer S 132. Spurensuche an einem Tatort.

Hier unten, im Parterre des Senatsgebäudes, schlugen die ersten Angreifer die Scheiben von Fenstern und Türen ein, nachdem sie auf der Westseite des Kapitols eine Mauer erklommen hatten, wie geübte Bergsteiger an einer Kletterwand.

Fensterhöhlen sind mit Holz vernagelt, an einer zerbrochenen Scheibe klebt noch der Aufkleber, den die Eindringlinge dort hinterließen. „Make Liberals Cry Again!“ Man möge die Liberalen – gemeint sind die Demokraten – erneut zum Weinen bringen, es ist eine Parole aus dem Wahlkampf Donald Trumps.

Eine Etage höher steckt in der Bürotür des gerade nicht anwesenden Republikaners Mitch McConnell ein Blatt Papier. „Empfehlungen“ der Capitol Police. Die Parlamentspolizei bittet darum, an den Tagen rund um die Amtseinführung des neuen Präsidenten die Kamine nicht zu benutzen. „Ein Verzicht reduziert die Einwirkung von Rauch für die Beamten, die auf dem Dach stationiert sind.“ Als ob es keine anderen Sorgen gäbe.

Biden will an Vereidigung im Freien festhalten

Die größte Sorge ist die, dass Joe Biden etwas zustoßen könnte, wenn er am kommenden Mittwoch die Hand auf die Bibel legt, seinen Amtseid leistet und in einer Rede skizziert, was er sich vorgenommen hat für die nächsten vier Jahre im Oval Office. Ein Drohnenangriff, ein Scharfschütze irgendwo im Versteck, ein Mob, der noch einmal sämtliche Sperren durchbricht: An Bedrohungsszenarien mangelt es nicht.

Michael Beschloss, einer der bekanntesten Historiker der USA, spezialisiert auf Präsidenten, hat Biden geraten, auf den Auftritt im Freien, auf der Westseite des Kapitols, zu verzichten und sich lieber im Inneren eines streng bewachten Gebäudes in sein Amt einführen zu lassen. Barry McCaffrey, ein pensionierter Armeegeneral, gerade sehr präsent in den Medien, sieht es ähnlich. Wenn jemand behaupte, es sei ein Zeichen von Schwäche, würde Biden die Zeremonie in geschlossene Räume verlegen, könne er nur widersprechen. „Ich habe schon viele Gefechte erlebte. Ich bin noch am Leben, weil ich sofort reagiert habe, wenn Gefahr aufzog.“

Es sieht nicht danach aus, als würde der dann 46. Präsident der Vereinigten Staaten auf den Rat hören. Er habe keine Angst davor, sich unter freiem Himmel vereidigen zu lassen, entgegnet Biden. Der Satz allein macht schon deutlich, in was für einer Ausnahmesituation sich das Land befindet.

Eigentlich soll der Inauguration Day am 20. Januar ja ein Freudentag sein. Ein Tag, an dem Amerika, falls eine Partei die andere im Weißen Haus ablöst, den friedlichen Machtwechsel feiert, stolz darauf, dass dies so geordnet und selbstverständlich gelingt, dass sich andere Weltgegenden ein Beispiel daran nehmen können.

Normalerweise ist Washington nicht nur am Inauguration Day, sondern schon in den Tagen zuvor voller ausgelassener Menschen, von denen viele von weit her anreisen, um eine beschwingt patriotische Party zu feiern. Diesmal ist alles anders. Washington, zumindest das Zentrum, gleicht einer Geisterstadt. Und Muriel Bowser, die Bürgermeisterin, fordert ihre Landsleute in Kalifornien, Texas oder Wisconsin ausdrücklich auf, der Hauptstadt fernzubleiben.

20. 000 Soldaten stehen bereit

Es ist die Festung Washington, in der Biden seinen Schwur leistet. Über 20.000 Nationalgardisten stehen am Mittwoch bereit für den Fall, dass Anhänger Trumps ihr nächstes Störmanöver starten. Schon jetzt bewachen Männer im Tarnfleck die zweieinhalb Meter hohen Eisenzäune, die neuerdings einen geschlossenen Ring ums Kapitol bilden. Sie tragen Sturmgewehre und kugelsichere Westen. Es wirkt, als warte man auf die Offensive einer feindlichen Armee. Die Straßen rings ums Parlament sind weiträumig abgeriegelt. Innerhalb der kurzerhand abgesteckten Bannmeile herrscht eine fast gespenstische Stille, abgesehen von der einen oder anderen Polizeisirene.

Es gibt Experten, die prophezeien, dass sich am Inauguration Day mit ziemlicher Sicherheit nicht wiederholt, was am 6. Januar geschah. Andererseits kommen mit jedem Tag neue Details über die Erstürmung des Kapitols ans Licht, und sie tragen nicht dazu bei, die Nerven zu beruhigen in einer ohnehin schon akut verunsicherten Stadt. Je mehr die Ermittler des FBI erfahren, je mehr sie an Erkenntnissen öffentlich machen, umso klarer wird, dass es eben kein spontaner Protest war – oder eben nicht nur.

Mob mit Plan?

Es war nicht nur ein Haufen von Randalierern, der spontan losmarschierte. Dass sie gezielte Entführungen von Abgeordneten oder gar Morde vorhatten, dafür hat das FBI bisher keine stichhaltigen Beweise, wie das Justizministerium am Wochenende mitteilte. Aber zu den Eindringlingen gehörten auch Leute, die sich gründlich vorbereitet hatten und offenbar genau wussten, was sie taten. Einige gingen so gezielt und methodisch vor, dass es auf militärische Erfahrung schließen lässt. Eric Munchel, ein 30-Jähriger aus Nashville, inzwischen festgenommen, hatte Kabelbinder dabei, wie sie benutzt werden, um Festgenommenen die Hände auf dem Rücken zu fesseln.

Dann wäre da noch der Verdacht, dass Beamte der Capitol Police mit den Eindringlingen kooperierten, statt sich ihnen in den Weg zu stellen. Drei wurden vom Dienst suspendiert, gegen 17 laufen Ermittlungen. Und möglicherweise waren Insider aus dem Kongress heraus daran beteiligt, den Angriff zu planen. Zumindest einer der Anführer des Überfalls hat angegeben, sich mit drei republikanischen Abgeordneten abgesprochen zu haben.

Mit Abstand: Wegen der Corona-Pandemie können deutlich weniger Zuschauer als sonst auf der Terrasse des Kapitols die Inauguratio
Mit Abstand: Wegen der Corona-Pandemie können deutlich weniger Zuschauer als sonst auf der Terrasse des Kapitols die Inauguration verfolgen.
Sicherheitsstufe 1 ist noch nicht, aber die Polizei sucht ständig das Gebiet rund ums Kapitol ab.
Sicherheitsstufe 1 ist noch nicht, aber die Polizei sucht ständig das Gebiet rund ums Kapitol ab.
Mit einem Zaun ist das Kapitolsgelände weiträumi abgesperrt.
Mit einem Zaun ist das Kapitolsgelände weiträumi abgesperrt.
Hier an der Pennsylvania Avenue sollen wenigstens einige Zuschauer dem neuen Präsidenten zujubeln können – wiederum mit Abstand.
Hier an der Pennsylvania Avenue sollen wenigstens einige Zuschauer dem neuen Präsidenten zujubeln können – wiederum mit Abstand.
Deutlich weniger Touristen als sonst sind in der US-Hauptstadt.
Deutlich weniger Touristen als sonst sind in der US-Hauptstadt.
Zeit zum Ausruhen: Mitten im Parlament liegen Soldaten, die zum Schutz des Kapitols abkommandiert sind.
Zeit zum Ausruhen: Mitten im Parlament liegen Soldaten, die zum Schutz des Kapitols abkommandiert sind.
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