Zum Jahreswechsel RHEINPFALZ Plus Artikel Amerikas gute und böse Engel

Der Sieger: Joe Biden wird der 46. US-Präsident seit 1789.
Der Sieger: Joe Biden wird der 46. US-Präsident seit 1789.

„You’re fired“ – „Du bist gefeuert“. Plakate mit dem Spruch, der Donald Trump zur TV-Marke machte, werden triumphal in die Höhe gereckt. Tanzende Menschenmengen füllen die Straßen großer US-Metropolen, auch der Hauptstadt Washington. Es ist der 7. November 2020. Am vierten Tag nach der US-Wahl steht endlich fest: Trump ist abgewählt.

Rund um die Welt, wohl nicht zuletzt auch im Berliner Politikbetrieb, gibt es Stoßseufzer der Erleichterung. In Deutschland ist es etwa 17.30 Uhr, die Sonne ist gerade untergegangen, als die Wähler des Trump-Herausforderers Joe Biden triumphieren: Mit dessen Sieg in Pennsylvania ist der frühere Vizepräsident Barack Obamas am Ziel. Gut 82.000 Stimmen machen in Pennsylvania den Unterschied.

Um zu verstehen, was dieser Moment bedeutet, lohnt ein Rückblick auf die Zeit vor Trump. Sommer 2015: Flüchtlingstrecks streben über den Balkan aus dem Nahen Osten in die EU. Der Umgang mit dieser Krise – die deutsche Regierung hält die Grenzen offen – polarisiert. In Deutschland, aber auch in anderen Demokratien positionieren sich kleine Parteien, die mit der Angst vor Zuwanderern zunehmend erfolgreich Politik machen.

Am 23. Juni 2016 das erste Fanal: In Großbritannien stimmen beim Brexit-Referendum 52 Prozent für den Austritt aus der EU, welche ein historisches Experiment zur Überwindung von Nationalismus und Grenzziehung ist. Den Brexiteers gelingt es, vor allem die Anhängerschaft einer der großen britischen Parteien – der konservativen – zu überzeugen, gegen die EU zu stimmen. In der Folge kapern die Brexiteers die Tory-Partei.

Die folgende US-Wahl 2016 ist ein Abziehbild dieser Ereignisse. Ein Populist zieht mit xenophoben Positionen, Flegeleien und Machogehabe alle Aufmerksamkeit auf sich. Manche traditionellen Konservativen in Amerika teilen seine Positionen, andere mögen seinen unverblümten Stil. Noch andere finden ihn peinlich. Aber als Donald Trump der Kandidat der Republikaner wird, wählen sie ihn, weil sie eben Konservative sind. In der Folge entpuppt sich Trump, der dank unerwarteter, knapper Siege (in Staaten wie Pennsylvania!) zum US-Staatschef gewählt wird, als politische Naturgewalt. Wie Blitze in einer umtosten Gewitternacht schlägt seine Präsidentschaft gleißend ins Dachgebälk der Demokratie ein.

74,2 Millionen Trump-Wähler

Vier Jahre danach: Die Kluft zwischen Trump-Hassern und -Fans ist tiefer denn je. Die US-Wahl 2020 findet mitten in der Corona-Pandemie statt, die wirtschaftlichen Folgen sind verheerend. Die Debatte über Rassismus und zur Zukunft der Demokratie tobt, und so ist die Wahl vor allem ein Referendum über Trump. Es ist „ein Kampf um die Seele Amerikas“, sagt Biden immer wieder. Diese Seele ist seit Anbeginn der Republik zerrissen, es geht darum, dass „unsere besseren Engel“ obsiegen, wie der US-Autor Jon Meacham 2018 in einem Bestseller-Geschichtsbuch geschrieben hat.

Am Ende entscheidet sich am 3. November deutlich mehr als die Hälfte für den Anti-Trump. Biden tritt als netter, ja, guter Mensch auf, der mit anderen fühlt, während Trump immer nur bombastisch sich selbst inszeniert. Der nach der Niederlage nicht aufhört, die Realität zu seinen Gunsten (ver-)biegen zu wollen. Mit einer Twitter-Welle aus Lügen, mit der ihm so eigenen Unverschämtheit.

Gleichwohl gehört zur Wahrheit, dass so viele Trump wählten wie noch keinen anderen US-Präsidentschaftskandidaten – außer Biden, der am Ende mehr als sieben Millionen Stimmen vorn liegt. 74,2 Millionen Trump-Wähler sind es, gegenüber 81,3 Millionen für Biden. Der Trumpismus ist abgewählt. Die US-Demokratie hat eine Immunreaktion gezeigt, die man ihr kaum noch zutrauen wollte. Aber Grund zur Entwarnung besteht keineswegs.

Anhänger einer Politik der Zerstörung von Institutionen und sogenannter „klarer Kante“ gibt es nämlich auf beiden Seiten. Bei Black-Lives-Matter-Demos gibt es marodierende Spontis. Nazis stilisieren sich aufseiten der Rechten als Verteidiger der Verfassung. Wie angeschlagen Amerika ist (und zwar nicht erst seit Trump), das zeigt eine Studie der Uni Cambridge, die im Oktober erschienen ist: Demnach glaubt die Mehrheit der jungen US-Amerikaner nicht mehr zwingend daran, dass es besser ist, in einer Demokratie zu leben.

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