Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Amerikas Abzug und der neue Nahe Osten

US-Präsident Joe Biden hat seine Entscheidung, den Abzug aus Afghanistan zu vollziehen, so verteidigt: Amerika habe anderswo and
US-Präsident Joe Biden hat seine Entscheidung, den Abzug aus Afghanistan zu vollziehen, so verteidigt: Amerika habe anderswo andere Aufgaben.

Der Abzug der USA aus Afghanistan ist auch ein Rückzug aus dem Nahen und Mittleren Osten. Die dortigen Alliierten der Amerikaner fürchten, dass sie gegen Islamisten und andere regionale Gegner allein klarkommen müssen.

Was jetzt in Afghanistan passiert ist, ist Teil einer geplanten geopolitischen Umorientierung der USA. Präsident Joe Biden will sich auf die amerikanische Innenpolitik und den weltpolitischen Machtkampf mit China sowie mit Russland konzentrieren. Für die gesamte Region zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Persischen Golf heißt dies: Biden hat vor, von Israel bis Iran künftig eine weniger aktive Rolle zu spielen. Er wird dort weniger Zeit und Geld einsetzen, als alle seine Vorgänger seit Harry Truman. Die in den 1930er Jahren und im Zweiten Weltkrieg geschmiedete Allianz der USA mit Saudi-Arabien hatte die ölreiche Region zu einem zentralen Schwerpunkt Washingtoner Politik gemacht. Das scheint nun erstmal vorbei. Und es hat natürlich handfeste Auswirkungen.

Biden wird zwar nicht alle Truppen aus der Region zurückziehen. Amerikanische Kampfflugzeuge, Kriegsschiffe und tausende Soldaten werden bis auf weiteres am Golf stationiert bleiben. Doch das US-Engagement wird heruntergefahren.

Russland füllt das Vakuum

In Syrien haben die USA bereits Russland das Feld überlassen. In Libyen hält sich Washington ebenfalls zurück, setzt dort auf die Europäer, die als unmittelbare Nachbarn ja auch ein vitales Interesse an der Lage in Nordafrika haben. Im Irak endet – wie schon in Afghanistan – der amerikanische Kampftruppen-Einsatz, übrigens auch auf Wunsch der dortigen Regierung. Manche Politiker am Golf befürchten aber, damit werde der vollständige Abzug der USA aus dem Zweistromland vorbereitet. Der Nutznießer wäre die Regionalmacht Iran, die jetzt schon enormen Einfluss auf den westlichen Nachbarn ausübt und in Syrien und im Libanon indirekt mitregiert.

Der neue Großkonflikt im Nahen Osten – der Machtkampf zwischen dem schiitischen Iran und seinen mehrheitlich sunnitischen Gegnern in der Region – wird dadurch gefährlicher. Ein Krieg beispielsweise mit Saudi-Arabien ist zwar nicht unausweichlich. Aber schon jetzt – siehe Jemen – gibt es Stellvertreterkriege, in die Riad und Teheran verwickelt sind. Und Länder, die sich bisher auf die USA verlassen haben, suchen sich neue Bündnispartner – und wenn es alte Feinde sind.

Ägypten und Irak rücken zusammen

Israel ist und bleibt Amerikas wichtigster Alliierter in Nahost. Aber auch dort mehren sich die Stimmen, man könne sich in der Ära Joe Biden nicht mehr auf Washington verlassen. Jerusalem baut seine neuen Beziehungen mit den arabischen Staaten weiter aus. Der ägyptische Staatschef Abdel Fattah al-Sisi besuchte im Juni als erster Präsident seines Landes seit 30 Jahren den Irak. Die Vereinigten Arabischen Emirate schickten am Mittwoch zum ersten Mal seit Jahren einen hohen Regierungsvertreter in die Türkei. Doch ob diese neuen Allianzen halten, muss sich erst noch zeigen.

Unterdessen sinkt möglicherweise die Hemmschwelle für militärische Erstschläge des Iran oder anderer Staaten, weil mit den USA nicht mehr gerechnet werden kann. Und was passiert, wenn beispielsweise die schiitische Hisbollah im Libanon die Macht übernähme? Oder der „Islamische Staat“ dies wieder in Teilen des Irak schaffte? Präsident Biden hat den israelischen Premier Naftali Bennett für kommende Woche nach Washington eingeladen. Sie haben viel zu besprechen.

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