Interview
Graf Lambsdorff: „Amerika bleibt stark“
Graf Lambsdorff, zuerst eine Frage zu Europa: Sie beschreiben in Ihrem Buch einen European Way of Life, der in Gefahr sei. Worin besteht der?
Unsere europäische Lebensart gründet auf der Freiheit, wir sind demokratisch und marktwirtschaftlich organisiert. Insofern sind wir eng verbunden mit anderen Ländern wie Australien, Kanada oder den USA, die das selbe Fundament haben. Aber in Europa wird auch großer Wert auf sozialen Ausgleich gelegt, auf Umwelt- und Klimaschutz und auf eine öffentlich geförderte Kultur. Mir ist es wichtig, dass wir so leben können, wie wir wollen, und das auch in Zukunft können. Daher das Bild mit den Elefanten: Ich möchte nicht, dass unser European Way of Life zum Gras wird, das die Elefanten zertrampeln.
Wir sind mitten in einer Pandemie und diskutieren dabei auch darüber, ob Länder, die nicht freiheitlich ticken, sondern autokratisch sind, im Vorteil sind. Haben die Chinesen das Coronavirus besser im Griff?
Vielleicht, aber wollten wir deswegen wirklich in einem solchen System leben? Wenn Menschen krank werden und sterben und der Staat hält Informationen zurück, wie das am Anfang der Pandemie ja passiert ist, ist das mit unserer Vorstellung von Menschenwürde nicht vereinbar.
Sollte man nicht auch den Zahlen misstrauen, die aus China kommen? Angeblich gab es gar kein Corona mehr, und dann mussten doch wieder Millionenstädte abgeriegelt werden.
Bei einzelnen aktuellen Zahlen aus dem Propagandaapparat ist Misstrauen angesagt. Das ändert aber nichts am Gesamttrend, dem enormen Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte, das China zu einem Elefanten gemacht hat.
Fünf Sechstel der Weltbevölkerung leben nicht in Europa oder in freiheitlichen Demokratien. Sind wir Deutschen ignorant gegenüber dem „Rest der Welt“, der ja die riesige Mehrheit darstellt?
Wir müssen die anderen besser verstehen, um selber leben zu können, wie wir wollen. Ich will zum Beispiel erklären, warum für die Chinesen das Jahr 1905 wichtiger ist als 1945, warum viele im arabischen Raum uns mit großem Misstrauen begegnen und warum Russland sich so verhält, wie es sich verhält. In Berlin glauben viele, Deutschland sei der Mittelpunkt der Welt. Aber das stimmt einfach nicht.
Es heißt oft, die globale Vernetzung – wirtschaftlich, technologisch – fördere die Kooperation. Sie schreiben aber von Elefanten, die kämpfen. Sind diese Kalten Kriege denn unausweichlich?
Ich habe den Begriff bewusst gewählt. Gemeint ist: hier Demokratie und Freiheit, dort Diktatur und Unterdrückung. China ist kein neutrales Land, es hat geopolitische Machtinteressen und ein kommunistisches System der Unfreiheit.
Sie fordern eine andere Außenpolitik, dazu zählt auch eine bessere Ausstattung des diplomatischen Dienstes.
Ja, weil ich glaube, dass die Menschen in Deutschland nicht wollen, dass wir Frankreich oder den USA militärisch nacheifern. Aber es gibt große Unterstützung für Diplomatie, für Friedenssicherung, für Krisenvorbeugung. Und da pfeift Deutschland auf dem letzten Loch. Warum gehen wir nicht in die Rolle einer Zivilmacht mit Courage? In Berlin fehlt bisher der politische Wille dazu. Die Haushaltsausstattung des Auswärtigen Amtes liegt bei knapp sechs Milliarden Euro. Das sind nicht einmal 0,2 Prozent unserer Wirtschaftsleistung, und selbst diese Finanzierung soll nach den Plänen der großen Koalition absinken.
Die neue US-Regierung sucht den Schulterschluss mit Blick auf China. Haben wir da nicht einen Riesenfehler gemacht, das Investitionsschutzabkommen der EU mit Peking abzuschließen, bevor Joe Biden überhaupt im Amt war?
In der Tat. Und die Amerikaner sind natürlich enttäuscht. Das betrifft aber auch andere Staaten wie Japan, eine pazifische Demokratie, die unser Partner ist. Wir müssen den globalen Westen neu denken.
In Deutschland fragen sich aber doch viele Menschen, wie stark sind die USA überhaupt noch?
Die US-Demokratie ist stärker, als es erscheinen mag. Ja, die Ereignisse vom 6. Januar waren furchtbar. Aber der Föderalismus und die Gewaltenteilung haben sich als extrem stark erwiesen, und zwar unter Beteiligung von Politikern beider großer Parteien. Die USA können und werden weiterhin eine Führungsrolle spielen.
„Wenn Elefanten kämpfen“ ist im Propyläen Verlag erschienen, 306 Seiten, 24 Euro.
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