Politik Alles bleibt in der Familie

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Die Familie steht über allem. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz in vielen arabischstämmigen Clans. Aber manchmal machen Familienmitglieder auch Fehler. Durch einen solchen Fauxpas ist Ermittlern in Berlin jetzt möglicherweise die Aufdeckung eines Geldwäsche-Netzwerks gelungen, vielleicht sogar noch mehr.

Auffällig wurde ein junger Mann im Stadtteil Neukölln, der bisher vor allem von Sozialleistungen lebte, als er offenbar in großem Stil Eigentumswohnungen kaufte. Der Erwerb begann ziemlich genau ein Jahr, nachdem im Oktober 2014 in einer Sparkassen-Filiale rund 100 Schließfächer aufgebrochen und ein Geldautomat gesprengt worden waren. Die damalige Beute von „mindestens“ 9,16 Millionen Euro wurde nie gefunden. Allerdings verletzte sich bei der Explosion einer der Täter, der inzwischen rechtskräftig verurteilt in Haft sitzt. „Wir haben uns natürlich gefragt“, sagte gestern der Leitende Oberstaatsanwalt Jörg Raupach, „wie das Geld in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt wurde.“ Jetzt glauben die Ermittler die Antwort gefunden zu haben: Der Immobilien-Käufer ist ein Bruder des inhaftierten Bankräubers. Doch bis die Berliner Staatsanwaltschaft in der vergangenen Woche an 13 verschiedenen Orten in Berlin und Brandenburg Wohnungen, Büros und Häuser durchsuchte und 77 Immobilien vorläufig beschlagnahmte, bedurfte es intensivster Ermittlungen, die noch längst nicht abgeschlossen sind. So fanden sich zu vielen Käufen „passende Bareinzahlungen“, aber auch Transfers und Überweisungen, immer wieder verschlungene Kontobewegungen. „Das war wie ein großes Puzzle“, sagte Staatsanwalt Bernhard Mix. „Eine Heidenarbeit, die einem kein Computer abnimmt.“ Jetzt gibt es dafür „umfangreiche Beweismittel“ gegen 16 beschuldigte Personen, die alle der in Berlin berüchtigten Familie R. und ihrem Umfeld zugerechnet werden. Gegen Männer dieses arabischen Clans laufen und liefen unter anderem Ermittlungen wegen Tötungsdelikten, Raubes, Nötigung, Hehlerei und Drogenhandels. Gerüchten zufolge werden Söhne im Clan erst dann als Männer anerkannt, wenn sie mindestens einmal im Gefängnis gesessen haben. Manches Gerücht wurde zur Gewissheit: Die Spuren spektakulärer Raubüberfälle der letzten Jahre führen immer wieder zu kriminellen Clans. Auch im Fall der aus dem Bode-Museum im vergangenen Jahr gestohlenen 100-Kilogramm-Goldmünze im Wert von 3,7 Millionen Euro sind die Hauptverdächtigen drei heranwachsende Männer der Familie R.. In einem der Autos des Clans sollen Goldstaubspuren sichergestellt worden sein. Details zu diesem Fall wollte die Staatsanwaltschaft mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen gestern weder bestätigen noch dementieren. Es wird jedenfalls nicht ausgeschlossen, dass auch die drei jungen Männer zu den 16 Beschuldigten gehören. Auch der Überfall auf Europas größtes Pokerturnier in einem Hotel am Potsdamer Platz im Frühjahr 2010 und der große Uhrenraub im Kaufhaus des Westens (KaDeWe) im Dezember 2014 gingen auf das Konto von Angehörigen Neuköllner Großfamilien. Die Behörden der Hauptstadt gehen von zehn Clans aus, von denen etliche Väter, Söhne, Brüder, Cousins und Onkel immer wieder auffällig sind. Die Familie R. ist seit Anfang der 90er Jahre nicht nur Drogenfahndern ein Begriff. Mitglieder des weit verzweigten Clans sind auch wegen schwerer Gewalttaten, Hehlerei und Bandendiebstahl polizeibekannt oder verurteilt worden. Rund 1000 Menschen werden in Berlin zum Umfeld der Großfamilien gerechnet, die ursprünglich aus Libanon, den Palästinensergebieten und aus arabischen Gemeinden der Südtürkei stammen. Viele von ihnen haben keine Pässe, sondern nur UN-Identitätskarten für Flüchtlinge oder gelten als staatenlos. Die Familien sind überwiegend in den 80er Jahren während des Bürgerkriegs in Libanon nach Deutschland gekommen, außer nach West-Berlin vor allem nach Essen und Bremen. Sie wurden als Flüchtlinge geduldet, durften aber nicht arbeiten, sondern lebten von Sozialleistungen und verdienten sich anfangs mit Kleinstkriminalität ein Zubrot. Ermittlungen zeigen immer wieder, dass Mitglieder der Clans inzwischen schon längst am großen kriminellen Rad drehen: Drogengeschäfte, Schutzgelderpressung, Prostitution, Auftragsmorde. Eine Abschiebung der Straftäter in ihre Herkunftsländer ist mindestens so schwierig wie die Feststellung des Verwandtschaftsgrads und der exakten Schreibweise der Namen. Den Nachnamen der R.’s gibt es in drei Schreibvarianten. Unter den Großfamilien kommt es regelmäßig zu Streitigkeiten und Revierkämpfen. „Es gibt ein starke Neigung“, sagte ein Ermittler, „die Dinge unter sich zu regeln, lieber werden bezahlte Vermittler eingesetzt als dass die Polizei informiert wird.“ Zeugen gibt es selten: Innerhalb der Familie gilt ein Ehrenkodex, und Aussagewillige, die außerhalb des Clans stehen, werden dem Vernehmen nach oft brutal eingeschüchtert oder mit Geld bestochen. Von Nachbarn alarmierte Beamte haben schon eine blutverschmierte Frau am Boden liegen sehen, mussten aber wieder abziehen, weil der Patriarch erklärte, das sei seine Familie, da habe sich die Polizei nicht einzumischen. Zwar gehören längst nicht alle Männer der Clans dem Bandenmilieu an; manche haben sich im Laufe der letzten drei Jahrzehnte auch von ihren „Brüdern“ losgesagt. Doch spricht die Berliner Innenbehörde von einer „vergleichsweisen hohen Kriminalitätsbelastung“ durch Großfamilien. Auch wenn nicht jeder Coup von der gesamten Familie begangen wird, so ist doch auffällig, dass die Beute in jedem der vier spektakulären Fälle – ob die vermutlich erst zerteilte, dann eingeschmolzene Goldmünze, die Sparkassen-Millionen, das Poker-Bargeld oder Schmuck und Uhren aus dem Nobelkaufhaus – bis heute verschwunden, aber möglicherweise gut angelegt ist. Ob die 77 beschlagnahmten Immobilien dauerhaft eingezogen bleiben, müssen Gerichte noch entscheiden. Durch die Neuregelung des Paragrafen 73 im Strafgesetzbuch (Einziehung von Taterträgen) im vergangenen Jahr sei das Vorgehen gegen Geldwäsche jetzt einfacher geworden, sagte Oberstaatsanwalt Raupach. Vor allem bei den sichergestellten Eigentumswohnungen, Baugrundstücken und Pachtland sei die Zuordnung einfacher als etwa bei Luxusautos oder anderen Wertgegenständen. Die Häuser und Wohnungen seien unter Zwangsverwaltung des Staates gestellt worden, erläuterte Raupach. „Die Mieter behalten ihre Rechte und merken im günstigsten Fall gar nichts davon.“

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