Politik Abheben zur Bauchlandung

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Im Stadttheater Ingolstadt ist das Parterre nur locker bestuhlt. Großen Andrang hat man auch für die Ränge oben nicht erwartet: Die Empore ist gleich ganz gesperrt. Rauschend volle Bierzelte hat Markus Söder in diesem Wahlkampf bespielt, landauf, landab, einen ganzen Sommer lang. Jetzt bläst er in Ingolstadt zum Endspurt, und jetzt kommen ganze 450 Leute. Dabei hat die CSU für diesen Abend ein Schauspiel der seltenen Art angekündigt. Söder wird nicht allein auftreten, sondern neben oder, Trommelwirbel!, gemeinsam mit ihm ein Mann, von dem auch die Partei in diesen Wochen nicht immer weiß, welche Rolle er spielt: CSU-Chef Horst Seehofer. Er stammt aus Ingolstadt. Er macht Wahlkampf daheim. „Heute nur als Beiprogramm“, wie er sagen wird, „zu Dir, lieber Markus.“ Aber die Massen? Sie lockt dieses Theater offenbar nicht an. Überhaupt wird das alles ein merkwürdig gedämpfter Abend. Aber warum? Markus Söder kann Wahlkampf. Eigentlich. Und das seit 29 Jahren – wenn auch, wie Kritiker und Freunde einhellig sagen, vorwiegend in eigener Sache. Damals wurde er, Sohn eines Maurers, mit 22 Jahren CSU-Vorsitzender in einem Nürnberger Stadtteil; fünf Jahre später holte er sich das Direktmandat für den Landtag und war dort der jüngste Abgeordnete. Er wurde Landesvorsitzender der Jungen Union, als Generalsekretär der CSU Mann fürs Grobe und andere Kampagnen, mit 40 Jahren Minister. Und wenn’s bei einem gewissen Gerhard Schröder einmal den Moment gab, in welchem er am Zaun des Bundeskanzleramts rüttelte und rief: „Ich will da rein!“, so bemerkt die „Süddeutsche Zeitung“ über Markus Söder recht maliziös: „Seine ganze Karriere war ein einziges Rütteln und Brüllen.“ Seit sieben Monaten ist Söder tatsächlich drin. Genau da, wo er hinwollte: als Ministerpräsident in der Bayerischen Staatskanzlei. Und jetzt läuft’s nicht mehr. Wohltaten hat er verheißen in Fülle und seine Verwaltung unter Druck gesetzt, damit Familiengeld und Landespflegegeld und Eigenheimzulage auf jeden Fall rechtzeitig zur Landtagswahl ausgezahlt wurden. Eine Bayerische Grenzpolizei hat er eingerichtet, 50.000 digitale Klassenzimmer, viele tausend Kita-Plätze, Flugtaxis und Öffentlichen Nahverkehr in Menge versprochen; ein eigenes Raumfahrtprogramm, „Bavaria One“, hat er gestartet; Kreuze in den Landesbehörden aufhängen lassen, weil er dachte, das gefiele dem christlichen Bayern. Fast jeden Tag hat er irgendwo ein neues Hilfs- oder Förderprojekt angekündigt. Und was ist? Seine Beliebtheitswerte sind um 14 Punkte abgestürzt, und bei der „Sonntagsfrage“ ist seine CSU von 43 auf knapp 35 Prozent gefallen während Söders Amtszeit, die ein einziger Wahlkampf war. Leute, die ihn seit langem kennen, sagen, bei Gegenwind lege sich ein Söder nicht flach, sondern richte sich erst recht auf. Doch jetzt, im Ingolstädter Stadttheater, merkt man: Die Rastlosigkeit der vergangenen Monate geht auch an so einem Brocken von Mann nicht spurlos vorüber. Söder hält eine Wahlkampfrede von der Stange mit Sätzen, die man schon tausendmal gehört hat und die ihm selber – manchmal scheint es so – schon langweilig vorkommen. Aber vielleicht liegt der bisher mangelnde Zuspruch zur CSU ja auch gar nicht an Söder, sondern an dem „Beiprogramm“, das während Söders Ingolstädter Rede zunächst noch im Publikum sitzt, in der ersten Reihe. Parteichef Horst Seehofer hat die Seinen genervt bis aufs Blut: mit dem Zickzackkurs um seine Lieblings-Erbfeindin Angela Merkel, mit dem Gezerfe um den „Masterplan“ zur Einwanderung, wo er an einem von 63 Unterpunkten ums Haar die ganze Bundesregierung hätte scheitern lassen; mit seinem Rücktritt und dem Rücktritt vom Rücktritt Anfang Juli; mit immer wieder irritierenden Auftritten in Berlin; mit der Ankündigung, auch nach einer Wahlniederlage als CSU-Chef weitermachen zu wollen, denn – so wollte er es verstanden wissen – ihn treffe ja keine Schuld. Die Wahlkampfstrategie werde in Bayern gemacht, sagte Seehofer, von Söder also, nicht von ihm, dem Parteichef. Söder wiederum beschwerte sich andauernd, er könne keinen Wahlkampf „Bayern pur“ treiben, weil permanent „Berlin“ dazwischenfunke, und in dem Fall hat er wohl eine Mehrheit der CSU auf seiner Seite. Sie wollen Seehofer loswerden. Vorerst aber, im Stadttheater, geht das Schauspiel „Wir ziehen beide an einem Strang“ über die Bühne, und dass die Regie diesmal so zahlreiche und so gut ausgestattete Presseplätze aufgebaut hat, ist ein klares Zeichen: Hier ist „Inszenierung“ der Vater des Gedankens – aber so richtig begeistert ist keiner der beiden Hauptdarsteller. Klar, es fliegen so viele „lieber Markus“ und „lieber Horst Seehofer“ hin und her wie noch nie; Seehofer lobt Söders „fulminante Rede“. Nachher, im Männerklo, fragen wackere CSU-ler von der Basis sich gegenseitig: „Warum haben die zwei so was nicht früher und nicht öfter gemacht?“ Auch Markus Söder allein hat sich oder zumindest seine Strategie in der letzten Zeit sichtlich gewandelt. Mit Provokationen und Polarisierung ist er groß geworden; mit skrupellosem Ellbogeneinsatz, mit Intrigen und Opportunismus hat er sich an die Spitze – und Horst Seehofer aus dem Amt gedrängt. An Werten, sagen sie selbst in der CSU, kenne dieser Söder nur einen: das eigene Ego. Doch auch wenn die Partei derzeit hinter ihrem Spitzenkandidaten steht – selbst ein Wahlergebnis von weniger als 40 Prozent, also eine Pleite für die „Staatspartei“, wird ihm wohl nicht gefährlich: Die CSU ist derzeit einfach müde. Ausgelaugt vom jahrelangen Zweikampf ihres Spitzenpersonals soll sie genau für diese beiden Wahlkampf treiben, und „alles gut“ wird sie so schnell nicht wieder sagen. In dieser Situation hat Söder sich neu erfunden: In den letzten Kampagnentagen hat er, auch körperlich noch raumgreifender als früher, sein altes Rabaukenimage abgestreift und das noch faltenfreie Hemd des sorgenden, in sich ruhenden Landesvaters übergestreift. Für politische „Stabilität“ wirbt Söder nun, angesichts von Umfragen, nach denen im Bayerischen Landtag künftig sieben statt wie bisher vier Parteien vertreten sein könnten. Die Politik zerfasere, zersplittere – damit erschreckt Söder seine Landsleute derzeit. Man spürt förmlich die Angst der CSU davor, dass und wie ihr die angestammte Kontrolle über das Land entgleitet. Schon allein davor, mit drei oder vier Parteien, die gerne mit an die Macht kämen, über eine Koalition reden zu müssen, graut der CSU. Vom gemeinsamen Regieren noch gar nicht zu reden. Mehrfach malt Söder in Ingolstadt den Schrecken solcher „Berliner Verhältnisse“ an die Wand. Er wolle „kein Bayern mit Koalitionsausschuss, wo man jeden Tag hin- und zurückdiskutiert“, das würde selbst im besten Fall „nur zu Zeitverzögerung und zur Verwässerung der starken bayerischen Demokratie führen.“ Ein koalitionsregiertes Bayern, sagt Söder tatsächlich, könnte „vom demokratischen Musterland zum Problemfall der deutschen Demokratie werden“. Dem Parteichef bleibt das Schlusswort. Das im heimatlichen Ingolstadt jedenfalls. „Keine Experimente!“, auch Horst Seehofer rät das den Wählern. Und eines will er ihnen mitgeben. Zur Begründung des neuen bayerischen Raumfahrtprogramms habe Söder ja mal gesagt, er wüsste schon einige, die er damit auf den Mond schießen könnte. Aber, so Horst Seehofer: „Ich war damit nicht gemeint. Das, meine Damen und Herren, kann ich ihnen versichern.“ Befreites Lachen im Saal.

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