Ahrtal
Wie aus Starkregen die tödliche Flut wird
Mit ihrer Aufklärungsarbeit begannen die Mitglieder des Untersuchungsausschusses „Flutkatastrophe“ des rheinland-pfälzischen Landtags am Montag in Schuld. Das war die erste Gemeinde, die die Wasser- und Schlammlawine an jenem verhängnisvollen 14. Juli überrollte. Ganze Häuser walzte sie in den späten Nachmittagsstunden nieder.
Geblieben ist ein großer matschiger Platz am Ufer der Ahr. Dort eröffnete der Ausschussvorsitzende Martin Haller (SPD) die Sitzung mit den elf Mitgliedern des Ausschusses und ihren elf Stellvertretern. Hinzu kamen Vertreter der Regierung und Mitarbeiter des Landtags. Zahlreiche Journalisten begleiteten den Ausschuss an diesem Tag. Die zwei Busse, eskortiert von Polizeiautos, fielen auf, aber die meisten Menschen reagierten freundlich auf die Besucher, erzählten am Rand der Sitzung von jener Nacht, davon, wie sie sich gerettet haben. So viel Leid. Immer noch.
Der Boden war nicht mehr aufnahmefähig
Der Leiter des Landesamtes für Geologie und Bergbau, Georg Wieber, erläuterte, der Boden im Ahrtal sei feinkörnig. Er sei so beschaffen, dass er einen Landregen bis zu einer Sättigungsgrenze von etwa 230 Millimeter aufnehmen könne. Ein Starkregen, wie er in jenen Juli-Tagen niederging, wäre sogar auf trockenem Boden schnell abgelaufen, aber er war bereits gesättigt vom Dauerregen in den Tagen zuvor. Das hat laut Wieber ein nachträgliches Gutachten des Landesamtes für Umwelt ergeben. Stephan Wefelscheid (Freie Wähler) wollte wissen, seit wann es bekannt ist, dass der Boden so wenig aufnehmen könne. Daran werde geforscht – seit fünf Jahren, sagt Wieber.
Auf der anderen Seite des Matschplatzes zeigt Wieber auf eine Felswand. Dies sei ein Prallhang, gegen den das Wasser mit Wucht geschlagen habe. Lockeres Geröll sei dabei fortgetragen worden, auch der Hangfuß. An der Oberkante steht ein Gebäude – das Hotel Schäfer. Ohne weitere Sicherungsmaßnahmen wird es nicht stehen bleiben können.
70 Lkw-Ladungen an Erdreich wurden durch den Ort getragen
Im Ahrtal seien die Geologen auf viele dieser Prallhänge gestoßen, auch auf Muren, das sind Trockentäler, die bei Starkregen zu beachtlichen Flüssen werden. Einen solchen zeigte Wieber in Hönningen. 70 Lkw-Ladungen erodiertes Material seien dabei in den Ort getragen worden.
An einer anderen Stelle, die Wieber für die Exkursion des Untersuchungsausschusses ausgesucht hat, verengt sich das Ahrtal auf 50 Meter. Ein ehemaliger Steinbruch ist kaum mehr als solcher zu erkennen, zwei Brücken sind nicht mehr vorhanden. Der Tunnel in Altenahr, durch den normalerweise Autos fahren, verwandelte sich in jener Nacht in ein Kanalrohr randvoll mit Wasser. Auf der anderen Seite zerstörte es Häuser und die Kläranlage. Wie schnell sich das Wasser durchs Tall ergossen hat, wann es an welcher Stelle war und ob dies so vorhergesagt wurde, ist nicht das Fachgebiet Wiebels. Meteorologen und Hydrologen werden in den nächsten Sitzungen des Untersuchungsausschusses am 14. und am 28. Januar als Zeugen geladen.
Die Suche nach der politischen Verantwortung
Für die Mitglieder des Untersuchungsausschusses ging es am Montag jedoch nicht nur darum, die Beschaffenheit von Landschaft, Gestein und Böden im Ahrtal kennenzulernen. Sie brachten sich mit der Fahrt auf einen gemeinsamen Stand des Wissens und der Eindrücke. Denn sie haben sich zur Aufgabe gemacht, nach der politischen Verantwortung zu suchen. Dabei geht es nicht um die Flut und deren Zerstörungskraft, sondern darum, dass nicht rechtzeitig gewarnt wurde, dass die Menschen nicht evakuiert wurden. 134 Männer, Frauen und Kinder hat die Flut in der Nacht zum 15, Juli in den Tod gerissen, zwei werden noch immer vermisst, mehr als 700 wurden schwer verletzt.
Eine besondere Tragödie spielte sich in den Räumen der Lebenshilfe in Sinzig ab. Zwölf beeinträchtigte Bewohnerinnen und Bewohner kamen in jener Nacht ums Leben, weil sie nicht mehr rechtzeitig aus dem Erdgeschoss evakuiert werden konnten.
Abgeordnete verharren vor der Gedenktafel
Geologisch ist das Gelände kaum auffällig, die Abgeordneten kamen dennoch. Manche verharrten vor dem Blumenbeet mit der Gedenktafel. Das Geschehen in der Lebenshilfe in jener Nacht ist ein Grund für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Koblenz unter anderem gegen den früheren Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU).
Der Untersuchungsausschuss wird aber auch wissen wollen, warum Innenminister Roger Lewentz (SPD) gegen 19.30 Uhr zu einem Kurzbesuch zusammen mit Pföhler in der Einsatzzentrale in Bad Neuenahr war und auch, was die damalige Klimaschutzministerin und jetzige Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) über die Warnungen des Landesamts für Umwelt wusste.