Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Warum haben Sie den Lockdown nicht verhindert, Herr Placzek?

Hofft, dass es rasch einen Impfstoff gibt: Detlef Placzek, Leiter der regionalen Corona-Task-Forces.
Hofft, dass es rasch einen Impfstoff gibt: Detlef Placzek, Leiter der regionalen Corona-Task-Forces.

Er leitet seit fast vier Wochen die regionalen Corona-Task-Forces, mit denen die Landesregierung die Pandemie in den Griff kriegen wollte: Detlef Placzek, Chef des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung. Inzwischen ist er in fast allen Landkreisen und kreisfreien Städten aktiv. Was ihm nach dem Lockdown wichtig ist.

Herr Placzek, warum hatten die Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Sars-CoV-2 so wenig Erfolg oder anders gefragt: Warum haben Sie den Lockdown nicht verhindert?
Maßnahmen brauchen einerseits Zeit, bis sie greifen. Andererseits war das Geschehen am Anfang auf Hotspots eingrenzbar – etwa auf eine Hochzeit in Hauenstein. Zwischenzeitlich tauchen überall Einzelfälle auf. Es ist wie ein Tumor, der gestrahlt hat und nun gibt es lauter Metastasen. Sie sind in allen gesellschaftlichen Bereichen. Am 1. Oktober gab es die erste Task-Force in Neuwied. Damals lag die landesweite Inzidenz bei 12,7 Infizierten pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Mittlerweile überschreiten wir bis auf drei Kommunen überall den Wert 50. Das Instrument Task-Force war für so ein Geschehen nicht gedacht und wird deshalb auch zunächst abgelöst.

Gibt es Erkenntnisse, warum sich das Geschehen so schnell in die Breite entwickeln konnte?
Nun, ich bin kein Epidemiologe. Aber nach allen Gesprächen, die ich geführt habe, gab es zunächst die Hotspots, von dort ging es weiter in alle gesellschaftlichen Bereiche, etwa in die Familien, in die Nachbarschaft, in die Gastronomie, in den Sport oder in die Betriebe. Das kriegen wir jetzt mit dem Instrument der Task-Force alleine nicht mehr in den Griff.

Wie haben Sie es rein zeitlich geschafft, 35 regionale Task-Forces zu leiten?
Damit bin nicht nur ich gemeint, in den Task-Forces waren ständige Vertreter des Landes. Als Leiter führte ich die Geschäfte und sah mich als Moderator. Wenn jemand vor Ort von der Landesverordnung abweicht, benötigt er das Einvernehmen des Landes. Das wurde in der Task-Force hergestellt. Die Allgemeinverfügung muss der jeweilige Landrat oder Oberbürgermeister erlassen. Es begann immer damit, dass das Gesundheitsamt die Situation geschildert hat, wir haben sie gemeinsam analysiert und überlegt, was vor Ort passt. In Mainz beispielsweise gab es ein großes Infektionsgeschehen in Kneipen und es gab die Partypeople. In anderen Regionen hatten wir Familienfeiern als Hotspots. Solange es nur in einzelnen Kommunen rot war, war es sinnvoll, unterschiedlich darauf zu reagieren. Wo wir manchmal auf Gegenwind gestoßen sind, war die Durchsetzung von Maßnahmen im Sportbereich.

Im Sport hatten Sie größere Schwierigkeiten, dass Einschränkungen akzeptiert wurden?
Ja, in diesem Bereich waren viele nicht so einsichtig. Wenn wir beispielsweise in einem Kreis Maßnahmen ergriffen haben und Vereine dann Heimspiele umgedreht haben, um doch zu spielen, wurde das Ziel nicht erreicht.

Dann sind Sie dort mit der Kleinräumigkeit an Ihre Grenzen gestoßen?
Das war beim Sport der Fall und bei den Familienfeiern. Letztere wurden durch die Änderung der Landesverordnung auf 25 Personen begrenzt. Im Sportbereich wollten wir mit den einzelnen Kommunen einheitliche Regeln finden, aber das war schwierig. Ein anderes negatives Beispiel: Wenn Sie die Geierlay-Brücke im Hunsrück betreten, dann haben Sie von der einen Seite eine Maskenpflicht, von der anderen nicht. Überwiegend gelungen ist uns dagegen, die Maskenpflicht an Schulen umzusetzen.

Der Warn- und Aktionsplan des Landes sah bereits bei einem Inzidenzwert von 20 Neuinfektionen die Warnstufe Gelb vor. Hätte nicht schon da mehr passieren müssen?
Das ist unterschiedlich gehandhabt worden. Wir sind nach dem Corona Warn- und Aktionsplan ab einer Inzidenz von 35 eingeschaltet worden.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) sagt nun, in 75 Prozent der Fälle sei nicht bekannt, wo sich die Menschen infiziert hätten. Vorher wurden private Feiern als maßgebliche Verursacher benannt, jetzt werden Theater und Restaurants geschlossen. Das passt doch nicht zusammen, oder?
Bezogen auf diese Hotspots hat man Schwierigkeiten mit der Logik. Wenn man aber zur Kenntnis nimmt, dass wir keine Hotspots mehr haben und dass sich das Infektionsgeschehen durch alle gesellschaftlichen Bereiche durchzieht, dann muss man auch Maßnahmen ergreifen, die überall einen Stopp setzen. Die 75 Prozent entsprechen den Berechnungen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Sie werden auch durch die Informationen bestätigt, die ich von den Gesundheitsämtern habe.

Welche Lehren ziehen Sie aus der unkontrollierten Ausbreitung in den vergangenen Wochen. Wie soll es im Dezember weitergehen?
Wenn Sie mich fragen, dann gehen wir als Task-Force einen Monat in den Standby-Betrieb, schauen, dass wir geringere Inzidenzen bekommen. Dann hoffe ich, dass wir in Ruhe einzelne Ausbruchsgeschehen nachverfolgen können ohne dass es wieder so schnell eine rote Färbung gibt. Und ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, ich hoffe schnell, schnell, schnell auf einen Impfstoff.

Zur Sache: Die Corona-Lage in der Pfalz

688 Neuinfektionen binnen 24 Stunden registrierte das Landesuntersuchungsamt für Rheinland-Pfalz am Donnerstag – das ist der zweithöchste Wert seit Ausbruch der Pandemie. In der Pfalz sind sieben Landkreise und sechs kreisfreien Städte weiter in der Alarmstufe „Rot“ (7-Tage-Inzidenz: mehr als 50 Neuinfektionen binnen einer Woche in den vergangenen sieben Tagen). Der Donnersbergkreis steht mit einer 7-Tage-Inzidenz von 49,1 kurz davor, als Risikogebiet ausgewiesen zu werden. Neustadt bleibt in der Pfalz die Kommune, die aktuell am wenigsten mit Corona-Infektionen belastet ist.

Einkaufssonntag abgesagt

Die Stadt Kaiserslautern hat am Donnerstag nach einer Sitzung des Krisenstabs den Weihnachtsmarkt und den für den 29. November geplanten verkaufsoffenen Sonntag abgesagt. Sie zog damit Konsequenzen aus den neuen Corona-Beschränkungen. Auch Koblenz und Grünstadt sagten ihre Weihnachtsmärkte ab. Ludwigshafen hat den für 6. November geplanten Start des „Winterzaubers“ in der City, der als Ersatz für den Weihnachtsmarkt gedacht war, zunächst einmal nur verschoben.

Testzentren: Neue Strategie

Die vier für Reiserückkehrer im August eingerichteten Corona-Teststationen des Landes – eine dieser Einrichtungen gibt es in Landau – sind nur noch bis Sonntag geöffnet. Eine neue Verordnung des Bundes sehe die Einrichtung örtlicher Testzentren vor, teilte das Mainzer Gesundheitsministerium mit: „Hierzu laufen die Vorbereitungen für die flächendeckende Einrichtung von Testzentren in Rheinland-Pfalz.“ ros/rdz/ier/lrs

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