Rheinland-Pfalz Trauriges Mädchen an traurigen Ecken
Ihre Kleidung verändert sich, der Gesichtsausdruck aber (fast) nicht: Das traurige Mädchen sieht immer traurig aus. „La Mayençaise triste“ oder „Maria“ wird sie genannt, meist aber nur „Das traurige Mädchen“. Sie ist das Motiv eines – illegalen – Graffitis, das seit einigen Jahren in der Mainzer Neustadt an Orten auftaucht, deren Trostlosigkeit mit dieser Sprüherei besonders ins Auge fällt und die gleichzeitig zur interessanten Kunstkulisse werden. Die Neustadt, das ist das alternative, studentische, künstlerische, multiethnische Mainz – zumindest dort, wo der Stadtteil noch nicht von wohlhabenden Hipstern in schicken und teuren Lokalen übernommen wurde. Das traurige Mädchen, das inzwischen auch in anderen Städten aufgetaucht ist, hat eine beachtliche Fangemeinde in Mainz. Die Buchhandlung „Cardabela“ in der Frauenlobstraße in der Neustadt verkauft Postkarten mit dem Motiv. Darauf vermerkt ist auch die Urheberin der illegalen Kunst, Maria M. Fantasma. Ein Pseudonym, natürlich. Fans hat das Mädchen, wen wundert es, auch im Internet. Auf Seiten wie „Streetart Stories“ und „Dosenkunst“ wird der Figur literarisches Leben eingehaucht, andere versuchen sich an einer Kartierung. Eine Freundin, die in der Neustadt arbeitet und mit unglaublich offenen Augen durch die Stadt geht, hat mich vor längerer Zeit auf das traurige Mädchen aufmerksam gemacht. Bei einem gezielten Streifzug musste ich zunächst noch suchen, inzwischen ist mein Blick geschärft. Aber immer noch ist meine Freundin unschlagbar darin, Neustadt-Graffitis für alle Lebenslagen zu finden. „Ich freue mich, dass es regnet, denn würde ich mich nicht freuen, würde es dennoch regnen.“ Oder, wenig ansprechend gestaltet, aber vielleicht aus dem Textbausteinkasten für politische Reden: „Redet nicht von Sachzwängen, es heißt Prioritätensetzung.“ Natürlich sind auch solche Graffitis Sachbeschädigung. Werden die Verursacher erwischt, drohen ihnen Strafen. Aber sie stechen dennoch heraus aus dem, was sonst nächtens gesprüht wird. In der Verbreitung von hässlichen und dümmlichen Schmierereien auf weißen Hauswänden, auf Rollläden oder Türen dürfte die Neustadt auch führend sein. Besonders häufig fallen Hinterlassenschaften der eingefleischten Fanszene des Fußballbundesligisten Mainz 05 unangenehm ins Auge: „USM“, das steht für „Ultras Mainz“. Eine vorher ansehnliche Fassade wirkt dadurch erst traurig. Das ist der Unterschied zum traurigen Mädchen. Die Kolumne Karin Dauscher, Jahrgang 1966, ist Korrespondentin im Mainzer RHEINPFALZ-Büro. Mit ihrer vierköpfigen Familie lebt sie in der Landeshauptstadt. In „Mein Mainz“ notiert sie Begegnungen und Erlebnisse aus ihrer Wahlheimatstadt.