Rheinland-Pfalz
Tote Tiere, verschreckte Herden: Widerstand gegen Wolf im Westerwald wächst
„Den Wolf habe ich noch nicht gesehen“, sagt Thomas Wilsberg: „Aber ich weiß, dass er da ist.“ Der Bio-Landwirt aus Asbach (Kreis Neuwied) erkennt morgens beim ersten Blick, wenn der Wolf nachts um die Rinderherden gestrichen ist. „Die Tiere sind dann so was von verrückt.“ Wilsberg hält 160 Mutterkühe samt Nachwuchs. Ab und an kommt es vor, dass ihm ein Kalb gerissen wird. Dass der Wolf der Übeltäter war, „konnten wir noch nie nachweisen“. Es heiße dann, wildernde Hunde seien verantwortlich. „Aber die hatten wir hier noch nie“, sagt der 45-Jährige. Und seit zwei Jahren sollten auf einmal Hunde streunen in einer Gegend, wo jeder jeden kennt?
„Das ist Quatsch“, meint Wilsberg. Er argwöhnt, dass aus Artenschutzgründen nicht sein könne, was nicht sein dürfe: Dass die Wolfspopulation im Landesnorden drauf und dran sei, außer Kontrolle zu geraten. Genau wie die Rinder. Hier und da ein Kalb tue weh, sei aber verschmerzbar. Doch eine stets unruhige, aufgeschreckte Herde, „was soll ich damit anfangen?“, fragt der Züchter. Rinder passten ihr Verhalten der Anwesenheit des Räubers an, würden aggressiv, gefährlich, kaum zu handhaben.
Kühe außer Kontrolle
„Ich habe einen ganzen Jahrgang verloren“, klagt Hans-Peter Hallerbach, Bio-Landwirt und Mutterkuhhalter im nahen Niedermühlen. Die Jungrinder seien so unlenkbar geworden, dass er sie für die Zucht nicht mehr habe verwenden können: „Wenn das öfter passiert, kann ich aufhören.“ Die Wölfe bereiten dem 59-Jährigen schlaflose Nächte. Wegen des wirtschaftlichen Schadens. Und wegen der Alarme. Schleicht sich der Wolf an eine Herde heran, geht diese mitunter durch. Sie trampelt alles nieder, Zäune und sogar Artgenossen. „Mutterkühe überrennen aus Panik die eigenen Kälber“, sagt Wilsberg. Die Folge: schwere Verletzungen, Fehlgeburten, tote Tiere.
Kopflos würden die Rinder auf die Landstraße rennen – eine Gefahr für den Verkehr. „Wer haftet, wenn eine Herde auf der Flucht vor dem Wolf durchgeht?“, fragt Rinderzüchter Hallerbach hilflos. Der stellvertretende Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Neuwied will das nicht mehr hinnehmen: „Ich weiß, dass wir mit dem Wolf leben müssen. Er wird nicht wieder verschwinden. Aber wenn wir zu viele Wölfe haben, muss man den Bestand regulieren.“ Besonders auffällige „Problemwölfe“ müssten entnommen werden, fordert Hallerbach.
Er meint damit vor allem den Rüden mit der Kennung GW1896m, der als Leitwolf des „Leuscheider Rudels“ angesehen wird, das an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen jagt. Seit Jahresbeginn war das Tier laut Koordinationszentrum Luchs und Wolf (Kluwo) in Trippstadt (Kreis Kaiserslautern) an den Rissen von 20 Schafen und Ziegen beteiligt. „Dieser Wolf hat sich auf Nutztiere eingestellt“, ist Hallerbach überzeugt.
Resolution für stärkere Regulierung
Beutezüge im Gebiet der Verbandsgemeinden Altenkirchen-Flammersfeld und Asbach brachten im Frühjahr das Fass zum Überlaufen. Anfang März verabschiedete die VG Asbach eine Resolution, die das Land aufforderte, „den problematischen Wolfsbestand gegebenenfalls durch eine gezielte Entnahme von Problemwölfen“ zu regeln. „Im Winter gab es sehr viele Beschwerden über die Wölfe“, berichtet Bürgermeister Michael Christ. Jäger und Bauern, Hobbyhalter, aber auch Reiter und besorgte Eltern seien darunter gewesen, so der CDU-Politiker: „Unter den Menschen macht sich ein mulmiges Gefühl breit.“ Man habe zehn Wildkameras angeschafft, um gefährdete Weiden wie die von Wilsberg zu überwachen. „Wir brauchen vor allem ein aktives Wolfsmanagement“, betont Christ: „Man muss über Bestandsgrenzen nachdenken.“
Das sei gar nicht nötig, sagt Gabriele Neumann, Großkarnivoren-Expertin der Naturschutz-Initiative im Westerwälder Quirnbach: „Die Anzahl der Wölfe richtet sich nach der Anzahl der Beutetiere.“ Sie regle sich von selbst, zumal jedes Revier nur eine gewisse Menge Wölfe aufnehmen könne. Überzählige wanderten ab. Die Tierwelt und auch die Rinderherden würden sich an die Anwesenheit der Großkarnivoren mit der Zeit gewöhnen, ist Neumann überzeugt. Der Wolf sei eine Bereicherung der Biodiversität, weil er zielsicher leichte Beute wie alte, kranke und schwache Tiere auswähle. Jedoch auch relativ leicht zu fangende wie Schafe, Ziegen oder Kälber.
Versessen auf Nutztiere?
„Das Leuscheider Rudel ist leider bereits auf Nutztiere konditioniert“, sagt Neumann. Dabei seien doch Herdenschutzhunde oder elektrische Zäune effektive Abwehrmethoden. Man habe nur nicht rechtzeitig diese Maßnahmen ergriffen. Während Landwirt Wilsberg nun rätselt, wie er 120 Hektar Grünland wolfssicher einhegen soll, ist Neumann guter Dinge, dass sich der Beutegreifer in den Pfälzerwald hinein ausbreiten wird. Dort gebe es das, was der Wolf üblicherweise fresse – reichlich Wild: „Der Tisch ist gedeckt.“
Dass es fast so weit sein könnte, zeigt ein vom Kluwo bestätigter Angriff eines Wolfes auf Ziegen und Schafe in der Nacht zum 16. Juli bei Fischbach (Kreis Südwestpfalz), wobei ein Tier aus der Herde getötet wurde. Zwei mussten später notgetötet werden. Ob diese Attacke bereits auf einen ortsfesten Wolf schließen lässt, ist noch unklar. Das Biosphärenreservat gibt sich gelassen. Der Wolf sei „Teil des natürlichen Artenspektrums“, sagt der stellvertretende Direktor Arno Weiß. Eine Rückkehr sei zu erwarten gewesen. Verluste unter Nutztieren ließen sich „durch entsprechende Präventionsmaßnahmen in Grenzen halten“.
Doch was würde ein Wolfsrudel für die Beweidungsprojekte bedeuten? Der Asbacher Rinderzüchter Wilsberg lässt schottische Hochland-Rinder in einem Naturschutzgebiet grasen. Für ihn ist klar: „Wird mir nur ein Kalb gerissen, höre ich sofort damit auf.“

