Kreis Kaiserslautern
Der Wolf kommt immer näher
Der Wolf gehört heute in Deutschland zu den streng geschützten Arten. Das war nicht immer so. Noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde er gnadenlos verfolgt. In der Fabel wird der Wolf „Isegrim“ genannt – eine Bezeichnung, die aus den mittelhochdeutschen Wörtern îsen (Eisen) und grînen (knurren) hergeleitet ist und insbesondere für Kraft, Gier, Rücksichtslosigkeit und Bösartigkeit steht. Der in Dansenberg wohnende Biologe und akademische Jagdwirt Thomas Weber, langjähriger Vorsitzender der Kreisgruppe Kaiserslautern und gegenwärtig stellvertretender Vorsitzender des Landesjagdverbandes von Rheinland-Pfalz, sieht die traditionell wolfsfeindliche Einstellung vor allem im Konflikt zwischen der einstmals kleinstrukturierten Landwirtschaft einschließlich extensiver Tierhaltung und zunehmender Landnahme mit den großen Raubtieren: „Der Schaden, den der Riss von Schafen und Ziegen für die kleinbäuerliche Familie bedeutete, (…) konnte existenziell sein. Menschen, die von einem tollwütigen Wolf gebissen wurden, begannen sich ,seltsam’ zu verhalten, wurden krank und starben eines grausamen Todes. Mit den damaligen Kenntnissen musste der Wolf ein Ungeheuer sein, das es mit allen Mitteln zu vernichten galt. Mit dem Einzug des Wolfes in die Welt der Märchen und Sagen als “Sinnbild des Bösen„ war es dann gänzlich um „Canis lupus“ geschehen“, so Weber.
Sie haben Oder und Neiße überwunden
In ihrem 2020 erschienen Buch „Kaiserslautern im Kranz seiner Wälder“ haben die ehemaligen Forstbeamten Klaus und Gerhard Albert auch ein Kapitel über die Ausrottung der Wölfe im Pfälzerwald geschrieben. Demnach wurden zwischen 1867 und 1873 im Bereich des Forstamtes Landstuhl noch fünf Wölfe erlegt. Der letzte Wolf der Pfalz fiel 1874 im Staatswalddistrikt Mohrsitters des Forstamtes Zweibrücken. Während die erfolgreichen Schützen die Wölfe in Gaststätten „tottranken“, wurden die erlegten Tiere im Hof an Stangen aufgehängt zur Schau gestellt. Noch in den 1880er Jahren seien in der Gegend gelegentlich auftauchende Wölfe ebenso heimlich wieder verschwunden, wie sie gekommen sind.
Im Gegensatz zu den Luchsen wurden die Wölfe 150 Jahre nach ihrer Ausrottung hier nicht wieder angesiedelt, sondern sind aus anderen Teilen Europas – insbesondere aus Polen, in Einzelfällen auch aus der Schweiz, Frankreich, Italien und Slowenien – zugewandert. Als Polen im Jahr 1998 Wölfe unter Naturschutz stellte, konnten diese sich in dem östlichen Nachbarland ungehindert vermehren. Auf der Suche nach neuen Lebensräumen überwanden sie die Grenzflüsse Neiße und Oder und tauchten im Jahr 2001 zunächst in der sächsischen Lausitz, danach auch in anderen Teilen Ost- und Norddeutschlands auf. Auch in Rheinland-Pfalz ist Isegrim inzwischen angekommen; insbesondere macht hier das „Leuscheider Rudel“ im Raum Altenkirchen regelmäßig durch gerissene Schafe und einzelne Damwildstücke auf sich aufmerksam. Laut Stiftung Natur und Umwelt lasse sich aber wegen der hohen Mortalitätsrate und Mobilität keine Aussage über die Anzahl der aktuell im Land lebenden Wölfe machen.
Durchziehende Einzeltiere in der Pfalz
In der Pfalz konnten Wölfe bislang an einem Rehriss bei Ludwigswinkel im August 2015 und anhand von Aufnahmen in Fotofallen bei Iggelbach im Dezember 2019 und bei Neustadt im März 2021 nachgewiesen werden. Vermutlich handelte es sich dabei jeweils um durchziehende Einzeltiere. Dennoch darf die Frage gestellt werden, wie lange es wohl noch dauert, bis ein Wolfspärchen den Pfälzerwald als Lebensraum für sich entdeckt und hier ein eigenes Rudel etabliert.
Nach Ansicht von Kreisjagdmeister Hubertus Gramowski könnten sich die großen Beutegreifer nicht nur im Pfälzerwald, sondern auch am Donnersberg und im Westpfälzer Bergland wohlfühlen: „Die Wölfe haben sich im Nordosten der Republik schon so stark vermehrt, dass sie zunehmend neue Räume besiedeln müssen. Er wird bald auch in unserer Region sesshaft werden.“ Für Rot-, Schwarz- und Rehwild hätte das eine starke Dezimierung zur Folge, für Mufflons sogar die Ausrottung. „Erfahrungsgemäß jagt der Wolf die Beute, die für ihn mit dem geringsten Aufwand zu fangen ist. Zuerst sind das Weidetiere oder Tiere in Gehegen, die er mühelos überwindet, wenn sie nicht mit speziellen, sehr aufwendigen und teuren Einzäunungen gesichert sind“, erläutert Gramowski.
Nicht nur Weidetiere in Gefahr
Für viele Weidetierhalter käme die Rückkehr des Wolfes einer Katastrophe gleich, befürchtet Petra Kunz aus Schindhard. Sie sorge sich um ihre 32 Anglo-Nubier-Ziegen, die im Dahner Felsenland zur Landschaftspflege eingesetzt sind. Kunz, Beisitzerin im Vorstand des rheinland-pfälzischen Landesverbandes der Schaf- und Ziegenhalter, bestätigt, dass mittlerweile nicht wenige ihrer Kollegen in anderen Regionen aufgegeben hätten. „Mit dem Luchs, der sich in der Regel mit einem Beutetier zufrieden gibt, haben wir uns arrangiert. Aber der Anblick von bis zu 20 toten oder schwerverletzten Schafen nach einer Wolfsattacke ist schockierend. Selbst wenn die materiellen Verluste ausgeglichen werden können, bleiben die psychischen Schäden“, bedauert Kunz.
Kreisjagdmeister Gramowski warnt aber noch vor einem weiteren Problem: „Da Wölfe nicht bejagt werden dürfen, verlieren sie zunehmend die Scheu vor dem Menschen und werden (wie Fuchs und Sau) immer häufiger (auch tagsüber) in menschlichen Ansiedlungen beobachtet. Wölfe haben auch bereits mehrere Hunde getötet und Jagdhunde während der Jagdausübung angegriffen.“