Heimunterricht RHEINPFALZ Plus Artikel Moodle macht Sachen: Fünf Erfahrungsberichte von zuhause

Schule zu hause kann fordernd sein. Und stressig. Und auf technische Probleme stoßen. Und manchmal sogar funktionieren: das Lern
Schule zu hause kann fordernd sein. Und stressig. Und auf technische Probleme stoßen. Und manchmal sogar funktionieren: das Lernen im Fernunterricht.

Improvisieren ist zurzeit alles – besonders für Familien mit schulpflichtigen Kindern. Manchmal funktioniert die elektronische Lernplattform für den Heimunterricht nicht – und manchmal sehnen sich die Kleinen einfach nach ihren Spielkameraden.

Lernplattform streikt – das kostet Nerven

Unsere Schulwoche hat leider nicht so begonnen, wie erhofft, sondern eher so, wie befürchtet: Nichts hat funktioniert. Schüler und Lehrer hatten den Unterricht über die Moodle-Plattform des Landes gut vorbereitet und waren gerüstet für den Fernunterricht. In der Theorie wenigstens. In der Praxis machte ihnen die Technik einen Strich durch die Rechnung. Frustriert hockte meine Tochter, Sechstklässlerin, stundenlang vor dem Computer und versuchte, eine Plattform zu erreichen, die eben nicht erreichbar war.

Der Rest der Woche war dann durchwachsen. Mal hat’s funktioniert – dann gab es tatsächlich Fernunterricht, und der war richtig gut. Doch leider hat es genauso häufig nicht funktioniert, entweder weil sich nur sehr wenige Kinder einwählen konnten oder der Lehrer selbst nicht in die Konferenz kam. Das alles kostet Nerven und Zeit. Und mir fehlt mittlerweile das Verständnis dafür, dass es immer noch keine stabilen technischen Strukturen gibt.

Was glücklicherweise nicht versagt hat, sind die Telefonketten innerhalb der Schüler- und Elternschaft. Da werden die Aufgaben verteilt und die offenen Fragen so gut es geht beantwortet. Auch die Lehrer halten Kontakt, schreiben E-Mails und helfen, wo es geht. Meine Tochter hofft sehr, dass sich das System nächste Woche stabilisiert. Denn einen großen Vorteil des Fernunterrichts hat sie für sich schon ausgemacht: Endlich kann sie ihren Lehrern mal in Ruhe zuhören, ohne dass irgendjemand reinquatscht. Damit die fragile Technik funktioniert, müssen nämlich alle ihr Mikrofon ausschalten… (jtt)

Normalität: die Maske

„Mama, wie fühlt es sich an, ohne Maske in die Schule zu gehen? So gern würd’ ich das wissen.“ Meine Tochter, sechs Jahre, Erstklässerin, kennt es nicht anders. Schon zu ihrer Einschulung im Sommer war der Mund-Nasen-Schutz ein Muss. Sowieso hat sie den Schulalltag völlig anders kennengelernt als ihr Bruder, der die dritte Klasse besucht.

Und jetzt noch Heimunterricht. Klar, ich bin absolut dafür. Aber ich sehe auch die Schattenseiten: Ohne Struktur und ohne einen tiefen Griff in die Motivationskiste funktioniert das Lernen zu Hause nicht. Mama ist eben nicht die Lehrerin. Zumindest glaube ich nicht, dass meine Kinder in ihrer Klasse so viel maulen, träumen und Durst haben wie am heimischen Küchentisch. Sie brauchen meine volle Aufmerksamkeit. Nebenher arbeiten ist nicht. Zum Glück kann ich ihnen meine Zeit schenken, aber ich frage mich: Was ist mit Kindern, deren Eltern das nicht können? Vor allem aber stelle ich immer wieder fest, wie sehr meine Kinder ihre Freunde vermissen. „Es ist halb zehn. Eigentlich wäre jetzt Hofpause. Ich würde so gern mal wieder mit den anderen Jungs Papierflieger starten lassen“, sagte neulich mein Sohn. Gefolgt von dem Satz: „Blödes Corona, vermiest einem echt den Spaß!“ (swo)

Abiturientin: Wolldecke und Adiletten

Was sie fürs Abi 2021 braucht, weiß meine Tochter schon seit Wochen, daran ändert der neuerliche Lockdown nichts: Wolldecke, Schal, warme Jogginghosen, Oberbekleidung im Zwiebellook und eine Thermoskanne mit Tee. Denn die fünf beziehungsweise vier Zeitstunden werden sie und die anderen Abiturientinnen der Leistungskurse mit Maske in einem Klassenraum sitzen, der vorschriftsmäßig alle 20 Minuten gelüftet wird. Für meine Tochter geht es nächste Woche mit Englisch los. Ach ja, dicke Kuschelsocken gehören ebenfalls zur Ausstattung und Adiletten, um aufs Klo zu gehen. Bis dahin ändert sich für sie nicht viel. Das gemeinsame Lernen mit anderen hat sie ebenso wie ihr Bruder (11. Klasse) schon vor Corona weitgehend auf Skype oder Discord verlagert. Der Unterricht fängt für die Abiturienten erst wieder nach den schriftlichen Prüfungen an. Darauf hofft sie sehr, denn in dieser Zeit soll an der Mädchenschule die „Mottowoche“ der Abiturientinnen stattfinden, das heißt, jeden Tag ein neues Thema und eine passende Verkleidung dazu.

Was sie fürs Abi 2021 nicht braucht, weiß meine Tochter spätestens seit dem Lockdown auch: ein Kleid für den Abiball. Den wird es nämlich nicht geben, ebenso wie den Abigag, bei dem Abiturienten seit Generationen fröhlich durch die Flure und die Klassen ziehen, um ihre neu gewonnene Freiheit gemeinsam zu feiern. Ausgefallen sind bereits die Kursfahrt nach London und der Besuch des Bundestages in Berlin. Und Reisepläne schmieden? Damit wartet sie lieber. Corona statt Aufbruch. (kad)

Das Überraschungs-Ei

In unserer Kita müssen wir nun jeden Morgen dem Blick „Müssen Sie das Kind wirklich bringen?“ standhalten. Ja, müssen wir. Wegen der Arbeit, die erledigt werden muss, selbst wenn mein Mann und ich das Privileg haben, weitgehend im Homeoffice zu arbeiten. Beim Abholen der Vierjährigen gibt’s schon seit Dezember regelmäßig Briefe mit fast täglich geänderten Betreuungszeiten. Mal öffnet die Kita morgens später, mal schließt sie am Nachmittag früher – entweder um 13 Uhr, 14.30 Uhr oder 16.15 Uhr statt regulär um 16.30 Uhr. Der Brief ist immer ein Überraschungs-Ei. Nur ohne Schokolade. Ich warte bloß darauf, dass auf einem Zettel die letzte Abholzeit mit 15.53 Uhr angegeben wird.

Sogleich rattert der Kopf: Kann ich sämtliche geplanten Termine und Telefonkonferenzen in den Vormittag legen? Kann mein Mann an diesem Tag kurzfristig um 13 Uhr Feierabend machen? Wir haben so unsere liebe Not – trotz Notbetreuung.

Man muss uns die Skepsis jedes Mal ansehen. Ungefragt erklären uns die Erzieher, dass zu wenig Personal da sei, sie dürften ja auch die Gruppen nicht wechseln. Zehn bis zwölf Betreuer sind jeden Tag da. Zwischen zehn und 20 Kinder kommen, wo sonst knapp 100 die Kita besuchen. Die Gruppen dürfen nicht gemischt werden, also sind manche Kinder ganz allein. Noch nicht einmal Geschwister dürfen miteinander frühstücken oder spielen. Und wenn dann eben um 16.15 Uhr das Stundensoll für den Tag erfüllt ist, kann kein Erzieher bis 16.30 Uhr bleiben. Sonst würde das Ausmaße annehmen, würden sich zu viele Überstunden ansammeln, die nie im Leben mehr abzubauen sind, heißt es.

Und umgekehrt? Ich frage mich zum Beispiel häufig: Wenn in einer Gruppe kein Kind mehr da ist oder nur noch eins, dann könnte es doch mit anderen im Garten spielen. Oder? Ein Teil der Erzieher, die sonst allein im Gruppenraum sitzen und Bastelmaterialien sortieren oder Kochrezepte raussuchen, könnte doch mit Minusstunden nach Hause geschickt werden, um die Öffnungszeiten an anderen Tagen oder im Frühjahr flexibler zu gestalten. Vielleicht ist meine Kritik etwas ungerecht, aber manchmal denke ich: Flexibilität wird in der Pandemie vor allem von Eltern erwartet. Und von ihren Arbeitgebern. (asch)

Digital mit Papier – Druck und Drucker

„Papa, der Drucker druckt nicht!“ Seufz. Wie oft habe ich den Satz in den vergangenen Tagen gehört? Von meiner Ältesten (8. Klasse), von der Mittleren (6. Klasse) und sogar vom Jüngsten (4. Klasse): „Papa, der Drucker druckt nicht!“ Vielleicht, weil der Tankwagen noch nicht die bestellten 3000 Liter Tinte in den Keller pumpte? Oder weil der Tieflader mit dem Papier Verspätung hat? Oder vielleicht liegt es auch daran, dass es nichts zu drucken gibt, weil wieder mal die Landes-Lernplattform „Moodle“ unerreichbar ist, sodass niemand an die dort eingestellten Arbeitsaufträge kommt, um sie herunterzuladen und – richtig – auszudrucken. Was soll daran eigentlich digitaler Unterricht sein: Arbeitsaufträge bereitstellen, die man dann ausdrucken muss? Und danach einscannen oder abfotografieren und hochladen? Oder mitbringen, wenn/falls die Schulen wieder öffnen?

Abgesehen davon, dass jeder Vorgang so lange dauert, dass es schneller wäre, einen Gerichtszeichner damit zu beauftragen, das abzupinseln, was auf dem Monitor zu sehen ist. Das ist eine Imitation von Schule 2.0, mehr nicht. Da könnte man das Zeug einfach per E-Mail schicken, aber das ist ja nicht mehr zeitgemäß, wenn man eine schicke Lernplattform hat.

Schade nur, dass sie dauernd platt ist, die Form, sodass Sense ist mit Lernen. Es sei denn, die Kids verzichten abends zwischen 21 und 22 Uhr auf die üblichen Ballerspiele, und versuchen, sich auf „Moodle“ einzuloggen, damit sie wissen, ob am nächsten Morgen gleich um 8 Uhr eine Videokonferenz in Mathe angesetzt ist. Wobei – ist nicht gesagt, dass die wirklich läuft. Und dann sitzt da ein eigentlich sehr motiviertes Kind neben seinem Bücherstapel (meine Mittlere) und vergießt bittere Tränen vor einem weißen Bildschirm, während meine Ältere versucht, sich übers Smartphone ins System zu hacken und der Jüngste unruhig auf dem Esszimmerstuhl herumrutscht, weil er fürchtet, dass doch noch Aufgaben eintrudeln.

Zumindest lassen sich erledigte Arbeitsaufträge nachts auf Moodle hochladen, da sind die Bildungsserver des Landes offenbar vom Betriebsausflug zurück. Verzeihen Sie meine Unterstellung, ich habe irgendwo gelesen, dass Humor helfen kann. Leider druckt er nicht, der Humor. Genauso wenig wie der Drucker. Aber so weit waren wir ja schon. (arts)

Interview: Mehr Angststörungen wegen geschlossener Schulen

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