Katholische Kirche
Mainzer Bischof geht auf Distanz zu Kardinal Lehmann
„Kardinal Lehmann hat mich zum Bischof geweiht. Das war für mich eine Auszeichnung und ein Ausdruck der Kontinuität zwischen ihm und mir. Ich habe Berichte in der Studie gelesen, die diesen Gedanken für mich jetzt schwierig machen“, sagte Kohlgraf am Mittwoch in Mainz.
Am vergangenen Freitag stellte eine Regensburger Kanzlei eine Studie zum Umgang mit Missbrauch und sexualisierter Gewalt im Bistum Mainz vor. Sie kam zu dem Ergebnis, dass für die Mainzer Bischöfe von 1945 bis 2017 durchweg der Schutz der Institution Kirche wichtiger gewesen sei als ein angemessener Umgang mit Betroffenen.
„Unglaubliche Härte und Abweisung“
Für Kohlgraf verkörpert Lehmann, der 2018 gestorben ist, eine Kirche, die sich ihrer Verantwortung nicht stellt: „Ich erschrecke, wenn ich davon lese, dass ein Bischof, der immer wieder ein menschenfreundliches Gesicht gezeigt hat, in der Begegnung mit Betroffenen sexualisierter Gewalt eine unglaubliche Härte und Abweisung zeigt.“ Verantwortung liege auch bei den Gemeinden, die Priester auf ein Podest gehoben hätten und Vorwürfe nicht wahrhaben wollten.
Was hat der Generalvikar gewusst?
Persönlich wurde auch Generalvikar Udo Bentz: Die Studie habe ihn aufgewühlt. Sein Bild von Lehmann sei zerbrochen. Vieles sei schwer erträglich, etwa „der Graben zwischen öffentlicher Rede und internem Handeln“. Bentz musste sich die Frage gefallen lassen, ob er wirklich nichts gewusst oder geahnt habe. Schließlich war der Priester vier Jahre persönlicher Sekretär von Lehmann, Regens (Leiter) des Mainzer Priesterseminars und ab 2015 Weihbischof.
Darauf zielte auch die Wortmeldung des Betroffenenvertreters in der unabhängigen Aufarbeitungskommission im Mainzer Bistum, Jürgen Herold, ab: Rückwirkend sollten diejenigen zur Verantwortung gezogen werden, die insbesondere unter Kardinal Lehmann beim Abwehren, Vertuschen und Täuschen geholfen hätten. Da habe es ein ganzes Netzwerk an Mitarbeitern gegeben, die teils heute in leitenden Positionen seien, so Herold. Kohlgraf versprach, dass „relevanten strafrechtlichen Versäumnissen“ nachgegangen werde.
Bentz und seine Bevollmächtigte Stephanie Rieth befanden bei der Pressekonferenz, die Verwaltung des Bistums sei auf gutem Weg, exklusive Entscheidungszirkel in der Bistumsleitung, die Vertuschung begünstigten, aufzubrechen.