Flutkatastrophe RHEINPFALZ Plus Artikel „Machen gleich Feierabend“: Einsatzkräfte fühlten sich von Behörden im Stich gelassen

Die Funkbude in der Technischen Einsatzleitung in Ahrweiler war in der Flutnacht die Kommunikationszentrale der Katastrophenschü
Die Funkbude in der Technischen Einsatzleitung in Ahrweiler war in der Flutnacht die Kommunikationszentrale der Katastrophenschützer.

Gestörte Kommunikation, schlechte Luft: Wie Mitglieder der Einsatzleitstelle im Keller der Kreisverwaltung Ahrweiler während der Flutkatastrophe versucht haben, Hilfe zu organisieren. Unterstützung des Landrats und der Landespolitik haben sie vermisst.

Als das Wasser ins Haus von Thomas Vollmer eingedrungen ist, waren dort sein Sohn und seine Eltern. Seine Ehefrau war bei der Freiwilligen Feuerwehr im Einsatz, und er selbst saß die ganze Nacht in der Technischen Einsatzleitstelle (TEL) in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Dort hat er die Evakuierung eines Krankenhauses und mehrerer Altenheime im Einsatztagebuch vermerkt, die Anforderung von Strömungsrettern und Helikoptern zur Menschenrettung oder auch die Einrichtung einer Leichensammelstelle. Auf die Frage, wann ihm bewusst gewesen sei, dass eine Flutwelle durch das Ahrtal gezogen ist, sagte Vollmer am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss „Flutkatastrophe“ des rheinland-pfälzischen Landtags: „Als ich um acht Uhr morgens die TEL verlassen habe und versucht habe, nach Hause zu kommen.“

Der 46-Jährige ist Elektroniker für Gebäude- und Energietechnik und im Ehrenamt bei der Freiwilligen Feuerwehr Bad Neuenahr-Ahrweiler engagiert. Er war einer von 15 Zeugen des U-Ausschusses am Freitag. Das Gremium versucht, die politischen Verantwortlichkeiten der Flutkatastrophe im Landesnorden in der Nacht zum 15. Juli 2021 mit 135 Toten zu klären.

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen TEL-Leiter

Der Leiter des TEL, der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur im Kreis Ahrweiler, hat von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz unter anderem wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassen, ebenso wie gegen den damaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU).

Die Frage, ob die Feuerwehren am unteren Lauf der Ahr über das Hochwasser und die Gefahrenlage im oberen Bereich informiert wurden, blieb letztlich offen. Zwar hieß es, darüber sei in der TEL gesprochen worden, aber ob und wenn ja, wer die Wehren alarmiert hat, blieb offen. Die Zeugen berichteten, dass Telefone, Funk und Mobilfunknetz gestört und teilweise ausgefallen waren.

„Da ging mein Blutdruck hoch“

Dass die Einsatzleitung angesichts der Lage dem Geschehen nicht gewachsen war, sagte der ehemalige Feuerwehrinspekteur des Kreises, Udo Schumacher. „Wir waren relativ schnell überfordert. Alles, was wir gelernt haben, konnten wir vergessen.“ Der Adrenalinspiegel sei „derart“ hoch gewesen, sagte Schumacher. Dabei seien auch vorgeschriebene Wege verlassen worden. Durch direkte Kontakte habe er beispielsweise aus dem rheinhessischen Sprendlingen Sandsäcke geordert. Telefonisch wollte er bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Hubschrauber mit Seilwinden anfordern. Dabei sei er aufgefordert worden, eine E-Mail zu schreiben. „Da ging mein Blutdruck hoch“, sagte Schumacher.

Was er vermisst habe, sei ein Verwaltungsstab, der die Technische Einsatzleitung hätte „puffern“, also unterstützen können. Doch genau einen solchen Stab hatte Pföhler nie eingerichtet in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Die Kräfte fühlten sich in der Leitstelle von mehreren Behörden alleingelassen. Als am Nachmittag des 14. Juli um 15.26 das Landesamt für Umwelt eine Pegelprognose von bis dahin nie erreichten 5,19 Meter für Altenahr veröffentlichte, habe Sascha Cremer, ein weiteres Mitglied der TEL, bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord dies in Koblenz verifizieren wollen. Es hieß, die Böden seien nass, und der Pegelstand könne erreicht werden, das seien aber errechnete Daten. Cremer habe dann nach einer Telefonnummer gefragt, weil er gerne für den weiteren Verlauf des Abends einen Fachberater an der Seite gehabt hätte. Er habe die Antwort erhalten: „Das ist so nicht mehr vorgesehen. Wir machen gleich Feierabend.“

Zeuge über Lewentz: Das Foto war das wichtigste

Der Besuch von Innenminister Roger Lewentz (SPD) gegen 19.30 Uhr in der Einsatzzentrale wurde unisono als „Fototermin“ bezeichnet. „Das Foto war das wichtigste, was der Lewentz wollte“, sagte Tagebuchführer Thomas Vollmer. Inwieweit der Minister ein Lagebild erhalten habe, sich über die Situation ausgetauscht hat, das haben die Zeugen nach eigenen Worten kaum mitgekriegt.

Welche Schäden an Thomas Vollmers Haus in der Flutnacht entstanden sind, wie es seinem Sohn und seinen Eltern ergangen ist, blieb am Freitag unklar. Der Versuch, Vollmer nach seiner Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuss danach zu fragen, scheiterte. „Ich mache keine Presseaussage“, sagte Vollmer, während er schnellen Schrittes die Treppen des Landtags nach unten ging. Diese Wortwahl hatte auch schon der zweite Zeuge Udo Schumacher gewählt.

Mitglieder des U-Ausschusses verärgert

Auch in einer anderen Frage erweckten die Zeugen den Eindruck, sich abgesprochen zu haben. So konnte niemand sagen, wer in der TEL für die sogenannte Position „S2“ zuständig war, die sich ein Gesamtbild der Lage verschaffen sollte. Die Ausschussmitglieder waren deshalb sehr verärgert und haben am Abend bei der Vernehmung des Zeugen Jürgen Schmitt die Sitzung für eine kurze Beratung unterbrochen. „Der Ausschuss ist einmütig zu dem Eindruck gekommen, dass es Absprachen gab, dass es wahrheitswidrige Angaben gab“, sagte der Vorsitzende Martin Haller nach der Sitzungsunterbrechung. Dies machten die Mitglieder fest an teils wortgleichen Einlassungen, insbesondere bei der Besetzung der Position S2. Schmitt blieb bei seiner Aussage: „Ich will keinen decken, ich wüsste nicht, wofür. Ich weiß nicht, wer die S2 besetzt hat“, sagte er. Es gebe auch die Möglichkeit, dass die Position gar nicht besetzt gewesen sei. Wenn ich einen Namen nenne, dann verhaften Sie die Person, diesen Kameraden.“ Schmitt wurde daraufhin vorläufig entlassen, das heißt, er kann später noch einmal zum gleichen Thema vorgeladen werden.

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