Rheinland-Pfalz
Mitglied der Leitstelle in der Flutnacht: „Wir hatten Krieg“
Die Funkbude ist ein kleiner, schlauchartiger, fensterloser Raum. Die Tische, Stahlschränke und Container sind zusammengewürfelt aus Büroausstattungen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Auf einer Schreibtischunterlage steht handschriftlich: „RET NUR DURCH LUFT MÖGLICH“. An der Wand zur Technischen Einsatzleitstelle, kurz TEL, ist neben dem Tisch mit dem Kombigerät zum Scannen, Drucken und Faxen eine Durchreiche mit einer geriffelten Fensterscheibe.
Vierfachvordruck für die Funksprüche
Dort haben die diensthabenden Funkerinnen und Funker in der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2022 für jeden Funkspruch einen ausgefüllten Vierfachvordruck abgelegt, der dann in der TEL bearbeitet wurde. Überflutete Campingplätze, eingestürzte Häuser, die vermisste Feuerwehrfrau. „Es waren manchmal zwei bis drei Funksprüche pro Minute“, sagt Sascha Cremer, der stellvertretende Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Landkreises Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er ist der einzige Zeuge des Untersuchungsausschusses „Flutkatastrophe“ des Landtags Rheinland-Pfalz am Freitag.
Schulen bleiben wegen Sturmwarnung geschlossen
Die elf Mitglieder sind zum zweiten Vor-Ort-Termin ins Ahrtal gefahren. Im Dezember ging es um das Ausmaß der Zerstörung, jetzt wollen sie den Ort sehen, von dem aus der Katastropheneinsatz in jener Nacht geleitet wurde. Es ist eine Fahrt mit mulmigem Gefühl. Schwere Gewitter und Sturmböen sind angekündigt, die Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand (parteilos), hat verfügt, dass alle Schulen in Trägerschaft des Kreises am Freitag geschlossen bleiben. Der Vorsitzende des U-Ausschusses, Martin Haller (SPD), hat sich am frühen Vormittag noch bei der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) nach dem Gefahrenpotenzial erkundigt, wie er sagt. Die Sitzung dauert nicht einmal eine Stunde, danach scheint noch die Sonne.
Tageslicht gibt es weder in der Technischen Einsatzleitung noch in der Funkbude, beide sind neben der Tiefgarage der Kreisverwaltung in Ahrweiler untergebracht. Rund 40 Sekunden dauert es, um vom Büro des engsten Mitarbeiters des damaligen Landrats Jürgen Pföhler (CDU) durch das hintere Treppenhaus und eine Stahltür in die TEL zu kommen.
Mit dem Handy in die Einsatzleitung
Auch das ist Teil der Beweisaufnahme. Denn immer, wenn Pföhler in der Flutnacht mit der Einsatzleitung Kontakt aufnehmen wollte, rief er bei seinem Büroleiter an, der mit dem Handy nach unten ging. „Öfter“ sei das vorgekommen, sagt Cremer. 17 Mal sollen der Landrat und sein Mitarbeiter an dem Abend miteinander telefoniert haben, schrieb der „Spiegel“ schon im Januar unter Berufung auf Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft. Nach deren Auffassung hätte Pföhler als politisch Verantwortlicher den Einsatz leiten müssen. Die Strafverfolger ermitteln gegen ihn und gegen den Einsatzleiter wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen. Es sei zu spät gewarnt und evakuiert worden. 134 Menschen sind im Ahrtal gestorben.
„Blindflug“, „Führungsversagen“ wurde dem Landkreis und seiner Einsatzleitung schon bald nach der Flutnacht vorgeworfen. Pföhler soll zweimal in der TEL gewesen sein. Cremer erinnert sich nicht daran, denn er war nur bis 17 Uhr am 14. Juli im Einsatz und dann wieder ab 1 Uhr in der Nacht. Dokumentiert mit einem Foto ist der gemeinsame Besuch Pföhlers mit Innenminister Roger Lewentz (SPD) gegen 19.30 Uhr.
Lewentz lobte das Team
„Sehr kompetent und konzentriert“ habe er die Arbeit der Leitstelle erlebt, sagte Lewentz im April vor dem U-Ausschuss. Wichtige Informationen seien per Beamer an die Wand geworfen worden. Dazu gehörten die Pegelprognosen des Landesamtes für Umwelt, weiß Zeuge Cremer noch ganz genau. Er habe nämlich dort angerufen und sich die fünf Meter bestätigen lassen, sagt er. Um 15.26 hatte der Hochwassermeldedienst eine Vorhersage von 5,19 Metern getroffen. Bei der sogenannten Jahrhundertflut 2016 hatte der Pegel Altenahr nur 3,71 Meter erreicht. Was in der TEL passierte, als die Prognose um 18.25 Uhr auf knapp über vier Meter abgesenkt wurde, war am Freitag kein Thema.
Die Beamer sind inzwischen abgebaut, die Laptops ebenso. Wegen der räumlichen Enge und wegen der emotionalen Belastung, wie Cremer sagt, dient der Raum inzwischen nicht mehr als TEL.
„Komplett abgeschnitten“
Doch das Grauen ist noch dokumentiert. An weißen Tafeln ist mit grünem und rotem Stift festgehalten, wie der Stand des Katastrophenschutzeinsatzes am 16. Juli war, bevor die Einsatzleitung auf das Land überging. „Tote: 54“ „Altenahr-Liers: komplett abgeschnitten“ „Brück: nicht mehr erreichbar“
Wie in diesem vielleicht 30 Quadratmeter großen Raum an dem Abend 17 Personen, darunter Verbindungsleute zur Polizei, der Bundeswehr und dem THW gearbeitet haben, ist schwer vorstellbar. Es ist eng, für Frischluft müssen Ventilatoren in der Wand eingeschaltet werden. Das Mobilfunknetz funktioniert eingeschränkt bis gar nicht.
Cremer wird auf die Corona-Sitzordnung angesprochen, deren Plan an der Wand hängt. „Das hätten wir in Friedenszeiten gerne gemacht. Aber wir hatten Krieg, deshalb war jeder Platz besetzt.“