Rheinland-Pfalz
Interview: Warum werden die Leistungen der Schüler immer schlechter?
Frau Schwartz, wie würde Ihre Wunschschule aussehen?
Eine Schule mit kleineren Klassen und mit Lehrern, die mehr Zeit haben für die Unterrichtsvorbereitung, mehr Zeit sich weiterzubilden, wie der eigene Unterricht besser werden kann. Und mehr Lehrern für Förderunterricht für schwächere Schüler.
Sie kennen die Vorurteile gegenüber Lehrern. Noch mehr Zeit?
Lehrersein ist bestimmt kein Job zum Ausruhen. Schwache Leistungsträger gibt es bei uns nicht mehr als in anderen Berufen auch. Leider schauen wir zu sehr auf die Negativbeispiele. Die allermeisten Lehrer sind engagiert. Weil das Image aber nicht besonders gut ist, ergreifen immer weniger junge Menschen den Beruf. Damit ist es schwerer, mehr Lehrer zu finden.
Der Philologenverband kümmert sich eigentlich um die Belange an Gymnasien und Integrierten Gesamtschulen (IGS). Wie so mischen Sie sich jetzt auch bei den Grundschulen ein?
Wir mischen uns ein, weil die Kinder ja zu uns an die weiterführenden Schulen kommen. Und wir sehen die frühen Defizite beim Lesen und Schreiben, in Mathematik. Ein Weiter so darf es nicht geben.
Die Klassen sind schon kleiner als vorgegeben. In rheinland-pfälzischen Grundschulen sitzen da im Schnitt 19 Schüler, fünf weniger als das Höchstmaß vorgibt. Ihre Forderung geht hier ins Leere?!
Wir brauchen ein gezieltes Nachsteuern an Grundschulen in sozialen Brennpunkten. Es gibt Grundschulen mit nur zwölf bis 15 Schülern, vor allem im dörflichen Bereich. In den Schulen in sozialen Brennpunkten der Städte, etwa in Ludwigshafen, sind die Grundschulklassen übervoll. Vor allem dort braucht es mehr Lehrer. Und dann brauchen wir deutlich kleinere Klassen an den weiterführenden Schulen.
Wie viele zusätzliche Lehrer bräuchte es denn in Rheinland-Pfalz?
Bezogen auf die über 200 Gymnasien und IGSen rund 800. Das wären vier Lehrkräfte mehr pro Schule. Für deutlich kleinere Lerngruppen reicht das allerdings nicht aus.
Der bundesweite IQB-Bildungstrend hat für Rheinland-Pfalz gezeigt, dass die Leistungen der Viertklässler in den vergangenen zehn Jahren immer schlechter wurden. Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) findet das nicht alarmierend. Sie dagegen schon?
Ja, und zwar sind die Viertklässler in allen Bereichen schlechter geworden. In Mathematik schaffen 18 Prozent nicht den Mindeststandard, ebenso wenig beim Zuhören. Bei der Rechtschreibung sogar fast 30 Prozent nicht! Wir können uns nicht leisten, so viele Schüler zu verlieren! Eine Tendenz hin zu teuren und exklusiven Privatschulen für die Bildungselite, wie es in Baden-Württemberg zu sehen ist, wollen wir auch nicht. Das ist keine Chancengleichheit.
Woher kommen die Defizite?
Dahinter stecken auch didaktische Fehler. Bei der Rechtschreibung etwa liegt es an der Methodik, dem Schreiben nach Gehör. Im Lehrplan steht, dass es ein ,lässlicher Fehler’ ist, wenn ich Fahrrad in der zweiten Klasse falsch schreibe. Oft wird daher nicht verbessert. Wie kann man aber richtig schreiben lernen, wenn Fehler nicht korrigiert werden? Oder schriftliche Division – die soll künftig wohl nicht mehr in der Grundschule gelehrt werden. Dabei gehört sie zum Grundrüstzeug. Der Fokus muss wieder mehr auf den Grundlagen liegen.
Müssen sich Lehrer nicht auch stärker einer Qualitätskontrolle unterziehen?
Vor allem sollten sie mehr Zeit haben, um sich von ihren Schülern Feedback einzuholen und gegebenenfalls ihren Unterricht zu optimieren. Beförderungen sind abhängig davon, wie stark Lehrer sich weiterbilden. Aber auch Hospitationen im Unterricht von Kollegen sollten möglich sein. Wir lügen uns jedoch etwas vor, wenn wir meinen, dass mehr Angestelltenverträge statt Beamtenverhältnissen etwas ändern würde.
Sie bemängeln auch die Höhe der Bildungsausgaben. Geld ist nicht alles. In Berlin etwa wurde 2020 mit 12.300 Euro pro Schüler das meiste Geld gesteckt. Das Bundesland schneidet aber durchweg schlecht bei Bildungsstudien ab. Das Geld kommt also nicht an ...
... Ja, in Rheinland-Pfalz aber sind es nur 7900 Euro. Damit stehen wir an viertunterster Stelle bundesweit. Wir brauchen mehr Geld für mehr Lehrer und zum Beispiel für die digitale Infrastruktur inklusive technischer Assistenz für deren Wartung.
Welche Schulnote würden Sie der Bildungspolitik in Mainz geben?
Ich vergebe keine Note. (Lacht) Aber ich wünsche mir mehr Mut, mehr Ressourcen für Bildung. Und keine Vogel-Strauß-Technik. Fehler muss man erkennen und korrigieren. Und es fehlt eine wissenschaftlich begleitete, erfolgsorientierte Bildungspolitik so wie in Hamburg. Auch die Lehrerausbildung muss länger werden, also die Referendariatszeit wieder angehoben werden auf zwei Jahre statt 1,5. Diese Kürzung war Teil des Kaputtsparens.
Zur Person
Cornelia Schwartz, 46, ist Lehrerin und Vorsitzende des Philologenverbands Rheinland-Pfalz. Sie unterrichtet Mathematik und Englisch am Werner-Heisenberg-Gymnasium in Bad Dürkheim.