Mainz
Infektionsschutz Marke Eigenbau: Aerosole einfangen statt lüften
Schulleiter Roland Wollowski könnte eigentlich nur noch telefonieren. Aber der Mathe- und Physiklehrer unterrichtet zu gern, als dass er nur am Telefon hängt. Der 55-Jährige ist immer noch erstaunt, was seine Schule zusammen mit Forschern „losgetreten“ hat. Seit sie ein simples Lüftungssystem, das Aerosole wirksam aus Räumen transportiert, an der Integrierten Gesamtschule Mainz-Bretzenheim eingebaut und die ersten Medien darüber berichtet haben, gab es über 3500 Anfragen aus dem In- und Ausland, sagt Wollowski. Von Schulen, Firmen und Journalisten. „Ein Reporter aus Spanien ging sogar extra fünf Tage in Quarantäne, nur um sich alles live bei uns anzuschauen.“
Do-it-yourself für 200 Euro
Die Abluftanlage basiert auf einem einfachen physikalischen Prinzip: Warme Luft steigt nach oben. Mitgenommen werden Aerosole, winzig kleine Wassertröpfchen, und damit auch Coronaviren. Folienumhüllte Trichter, dünne und dicke Rohre und am Ende ein Propeller nehmen die verbrauchte Luft auf, die dann über ein gekipptes Fenster draußen landet. Frische Luft strömt automatisch durch den Druckausgleich übers Fenster nach innen. Mit etwas Geschick und Material vom Baumarkt ist die Do-it-yourself-Anlage fertig. Pro Klassensaal für 200 Euro, sagen Forscher und Nutzer. „Ohne Löcher bohren in die Außenwand.“
„Wir wollten etwas reißen“
Frank Helleis, Physiker am Max-Planck-Institut, entwickelt sonst Geräte zur Messung von Luftverschmutzung – Ozon, Smog – sowie Messinstrumente für Flugzeuge und Schiffe. Auch mit Aerosolen beschäftigte er sich, erzählt er. Mit der Pandemie kam dann ein „Covid-19-Risk-Rechner“ dazu. Dass das Risiko sich anzustecken, mit der Anzahl der Leute in geschlossenen Räumen und der damit verbundenen Enge steigt, war schnell klar. Eine günstige, einfache Lösung sollte her. „Wir wollten etwas reißen“, sagt der 59-Jährige. Herausgekommen sei etwas „total Simples“, ähnlich einer Dunstabzugshaube. Und viel billiger als Lüftungsgeräte. Ein weiterer Vorteil: Nicht nur Aerosole werden entfernt, sondern auch Kohlendioxid. Die Anlage, einmal installiert, sei auch nach der Pandemie praktisch.
Bis Weihnachten in 90 Räumen
Schon im Sommer tüftelte Forscher Helleis an dem System. An der Schule seiner Frau stieß er auf Interesse. IGS-Schulleiter Wollowski: „Ich saß ihm mit leuchtenden Augen gegenüber. Endlich konnten wir selbst was tun.“ In vier Klassenräumen der IGS in Mainz ist die Abluftanlage schon installiert und getestet. Unter Anleitung des Wissenschaftlers sind Eltern, Lehrer und Schüler zu kleinen Experten geworden – sie schneiden zu, stecken und bauen auch an diesem Wochenende die Teile zu Anlagen zusammen. Bis Weihnachten sollen 90 Räume fertig sein, im Frühjahr dann alle Klassensäle.
Entwickler Helleis ist von der Wirksamkeit seiner Idee überzeugt: Über 90 Prozent der Aerosole könnten gemäß seinen Messungen mit der Anlage entfernt werden, sagt er. „Das Stoßlüften alle 20 Minuten braucht man nicht mehr.“ Fenster werden nur noch in den Pausen weit aufgerissen. „Aber auch das könnte eigentlich entfallen“, meint Helleis. Denn pro Stunde werde die Luft im Raum drei Mal ausgetauscht.
Amt sieht kritischen Punkt
Schulleiter und Wissenschaft wiederum überzeugten rasch den Schulträger, die Stadt Mainz. Eine Grundschule hat schon alle ihre elf Klassenzimmer ausgerüstet. Die anderen Grundschulen in der Landeshauptstadt sollen folgen – für 130.000 Euro an Materialkosten, damit vor allem für die Klassen eins bis vier der politisch gewollte Präsenzunterricht weitergehen könne. Auch das Umweltbundesamt (UBA) als zentrale Umweltbehörde findet die Erfindung der Mainzer gut. „Kosten: Bleiben im Rahmen!“ oder „Umsetzbarkeit: Simpel“, heißt es von dort. Ein Fragezeichen allerdings bleibt für das UBA: „Es fehlt bislang der Nachweis, dass die Absaugung mit nur einem Ventilator wirklich flächendeckend geschieht.“ Physiker Helleis wurmt das nur ein bisschen. Er experimentiert weiter und ist sicher, dass er die Effektivität seiner Erfindung für eine baldige Veröffentlichung nachweisen kann. Auch brandschutztechnisch sei alles in Ordnung.
Und das Land Rheinland-Pfalz? Man gibt sich zaghaft. An „fünf bis zehn Schulen könnten weitere Erkenntnisse über Praktikabilität und Nutzen der Anlagen“ innerhalb eines Pilotprojekts gewonnen werden. Die Schüler unter den Absaugtrichtern dagegen sind froh. Ihr Klassenraum ist jetzt dauerhaft wieder mehr als 20 Grad warm.