Nachruf auf Johannes Gerster „Frecher Hund“ und Brückenbauer
Ein „frecher Hund“ sei er im Bundestag gewesen. Das sagte der frühere CDU-Landesvorsitzende und langjährige Bundestagsabgeordnete Johannes Gerster selbst über sich. Unbequem, geradeheraus, gescheit, mit Ecken und Kanten – so erlebten die Mainzer den wortmächtigen Mann noch 2018 als 77-Jährigen. In der Debatte um einen Bibelturm für das Gutenbergmuseum wetterte er kräftig gegen das Projekt. Ein Bürgerentscheid kippte es schließlich. Gerster, ausgebildeter Jurist, zog mit 31 in den Bundestag und machte als Innenpolitiker in Bonn Karriere. Nachdem die rheinland-pfälzische CDU 1991 die Staatskanzlei an die SPD verloren hatte, ließ er sich in die Pflicht nehmen. Er wurde 1993 Landesvorsitzender und trat bei der Landtagswahl 1996 gegen Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) an. Nur 1,1 Prozentpunkte trennten das CDU-Ergebnis von den 39,8 Prozent der SPD. So nah ist den Sozialdemokraten im Land bis heute niemand mehr gekommen.
Nach dem Ausstieg aus der Politik ging Gerster nach Israel und leitete das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung. Seine Arbeit für die Aussöhnung mit Israel, für die Verständigung zwischen Juden und Arabern ist vielfach ausgezeichnet worden. Dass er über Parteigrenzen hinweg Brücken bauen konnte, bewies Gerster schon 1994. Er hat maßgeblich daran mitgewirkt, dass Christo 1994 den Reichstag in Berlin verhüllen konnte – gegen den Wunsch von Bundeskanzler Helmut Kohl. Am Samstag ist Johannes Gerster im Alter von 80 Jahren in Mainz gestorben.