Sicherheit
Feuer frei: Warum Polizisten auf Messer-Angreifer schießen
Treffer. Aber ich habe zu lang gezögert. Bevor sich meine Kugel in Markus Westenbergs Brust bohrt, rammt der 32-Jährige sein Messer in den Bauch meines Kollegen. Den hätte ich eigentlich schützen müssen, während er sich den Ausweis des mutmaßlichen Mehrfach-Diebs geben lässt. Für so eine Kontrolle muss ein Polizist auf zwei Armlängen an sein Gegenüber heran – verdammt nah, wenn plötzlich eine Messerklinge aufblitzt. Mein Schießtrainer Rainer Köllner wird sarkastisch: „Wenigstens haben Sie Ihren Kollegen gerächt.“
Zum Glück verbluten der Bösewicht und mein namenloser Kollege jetzt nur auf der Leinwand. Der Knall meiner Pistole kam aus dem Lautsprecher, ein Laserstrahl hat das Einschussloch meines Projektils markiert. Mehrere Millionen Euro hat das Land vor sechs Jahren in die Anlage auf dem Bereitschaftspolizeigelände in Enkenbach-Alsenborn (Kreis Kaiserslautern) investiert. Polizisten können hier verschiedenste Szenarien halbwegs realitätsnah durchleben, anstatt nur auf Scheiben mit den aufgemalten Umrissen eines Menschen zu feuern.
Dreimal pro Jahr Schießen üben
Aber auch der gute alte Pappkamerad lässt sich an die Leinwand werfen. Er steht für mich ganz am Anfang bereit, zum Eingewöhnen. Ich spule ab, was ich vor gut 15 Jahren bei der Bundeswehr gelernt habe. Visieren, einatmen, ein bisschen ausatmen, Atem anhalten, abdrücken. Überraschung: Treffer. Die Schüsse sitzen auch noch, als mich Trainer Köllner immer schneller feuern lässt. „Nicht schlecht für jemanden, der so lange nicht geschossen hat“, sagt er. Nur wird er mir später verraten, dass er anfangs aus pädagogischen Gründen ohnehin lieber lobt.
Wer als Polizist nur Innendienst schiebt, hat einmal jährlich auf der Schießbahn anzutreten. Beamte im Streifendienst üben dreimal pro Jahr, mindestens. Über ihre Computer können sie sich direkt anmelden, dabei auch spezielle Einheiten buchen: „Schießen unter ungünstigen Licht- und Sichtverhältnissen“ zum Beispiel. Das kann blendendes Gegenlicht sein. Oder Kunstnebel, der durch die Anlage wabert. Oder einfach Dunkelheit. Dann müssen die Beamten gleichzeitig mit Taschenlampe und Pistole hantieren.
Ich stelle mich noch einmal dem Leinwand-Straftäter Markus Westenberg. Diesmal zieht er eine Pistole. Und zielt nicht auf meinen Kollegen, sondern auf mich. Aber jetzt bin ich schneller. Treffer: Der Angreifer geht zu Boden, ehe er abdrücken konnte. In den vergangenen zehn Jahren haben rheinland-pfälzische Polizisten zehn Menschen mit Schüssen verletzt. Und vier getötet. Ende April ist ein fünfter Toter dazugekommen. Polizeikugeln streckten in Grünstadt einen 40-Jährigen nieder. Er soll nach einem Ehestreit mit einem Messer auf Beamte losgegangen sein.
Schießen, bis der Täter am Boden ist
Seither untersucht die Staatsanwaltschaft, ob der Schütze in Notwehr gefeuert hat. Dabei dürften die Polizisten an jenem Abend höchstens in einem Punkt vom dem abgewichen sein, was ihnen im Training beigebracht wird: Eine Beamtin griff zunächst zum Pfefferspray. Die Ausbilder in Enkenbach-Alsenborn hingegen lehren: Eine Messerattacke aus nächster Nähe lässt sich nur mit Schüssen in den Rumpf stoppen. Und: Geschossen wird, bis der Täter am Boden liegt. Denn: Selbst tödlich getroffene Menschen können noch sekunden- oder gar minutelang weiterwüten, ehe sie zusammenbrechen.
Als blindwütiger Angreifer steht in Enkenbach nicht nur der Leinwand-Kriminelle Markus Westenberg bereit. Jenseits der Schießbahn übernehmen Trainer diese Aufgabe. Weil mir so eine Einheit jetzt auch bevorsteht, bekomme ich Schutzweste, Handschuhe, Gürtel mit Holster und Pistole. Und einen Partner aus Fleisch und Blut: Stefan Heinz, Polizeioberkommissar, für mich ab sofort Stefan. Uns wird erklärt, worauf wir uns einstellen müssen: Nachbarn haben aus einer Wohnung Schreie gehört. Und dann war es still. „Mach, was du für richtig hältst“, sagt Stefan mir noch.
Das Zittern nach dem Schuss
Dann klopft er, ruft „Polizei“, stößt die angelehnte Tür auf, marschiert vornweg in die heruntergekommene Bude. Auf dem Boden: ein Schlachterbeil, eine Blutlache und ein lebloser Mann. Zu dem beugt er sich hinunter, will Erste Hilfe leisten. Vom Rest werden mir hinterher nur Erinnerungsfetzen bleiben, obwohl ich ahnen konnte, was kommt. Bewegung irgendwo hinten im Halbdunkel. Hochgereckter Arm. Langes Messer. Geschrei. Verzerrtes Gesicht. Die Frau stürzt auf mich zu.
Ich reiße die Pistole aus dem Holster, brülle, gehe ein paar Schritte zurück, stecke fest zwischen Tür und Garderobe, drücke ab. Zweimal. Dann geht die Angreiferin zu Boden. Treffer? Vielleicht. Die Übungspistole könnte auch Farbprojektile verschießen, aber für den Journalisten gab’s nur Platzpatronen. Die messerschwingende Irre im Drogenwahn hat sich jetzt wieder in eine freundliche Polizistin verwandelt. Sarah Layes erklärt mir, dass sie gerade eher langsam auf mich losgegangen ist.
Stefan und die anderen Polizisten grinsen, lassen mich die Handschuhe ausziehen und die Finger spreizen. Sie wollen einfach mal sehen, wie sehr ich jetzt zittere.