Rheinland-Pfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Feuchtes Klopapier: Die Killerklumpen im Kanal

Scheitert an den Vliesstoffen: Die Messerscheibe „Rotacut“ soll eigentlich Feststoffe zerkleinern.
Scheitert an den Vliesstoffen: Die Messerscheibe »Rotacut« soll eigentlich Feststoffe zerkleinern. Foto: EWL/Frei

Essensreste, Plastikmüll, Hygieneartikel – noch immer entsorgen auch viele Pfälzer Abfälle im WC. Die größten Probleme verursachen feuchte Toilettentücher aus Vliesstoff, die im Wasser feste Zöpfe bilden und so Pumpen in den Abwasserkanälen verstopfen.

„Eigentlich funktionieren diese Aggregate sehr gut“, sagt Markus Schäfer, „aber hier sind sie dann auch überfordert.“ Der Leiter der Abwasserbeseitigung beim Entsorgungs- und Wirtschaftsbetrieb Landau zeigt ein Bild von einem völlig verstopften Mazerator. Die Messerscheibe soll eigentlich Feststoffe im Abwasser kleinhäckseln, damit die dahinter liegenden Pumpen nicht beschädigt werden. Bei Einmaltücher aus Vliesstoff musste dieses Gerät jedoch kapitulieren, denn Vlies besteht per Definition zu einem Teil aus Textilfasern, die sich im Wasser nicht auflösen. Schäfer berichtet, Verstopfungen durch Feuchttücher seien in Landau eine lange Zeit der Hauptgrund für Bereitschaftseinsätze in der Nacht und am Wochenende gewesen. Erst die Anschaffung von neuen Mazeratoren im Wert von rund 20.000 Euro habe die Bereitschaftszeiten wieder normalisiert. Die Hauptkosten entstünden jedoch nicht durch die Anschaffung, sondern durch die Wartungs-, Verschleiß- und Stromkosten der Aggregate. Daher habe man sich für den Kauf eines neuen Rechens für die Kläranlage entschieden. Voraussichtliche Investition: 420.000 Euro. Die Kosten dafür trägt letztendlich der Verbraucher – durch höhere Abwassergebühren. Und: Auf dem Weg zur Kläranlage passiert das Abwasser im Kanalnetz von Städten meist ein bis zwei Pumpstationen – und dort gibt es keinen schützenden Rechen.

Volkswirtschaftlicher Schaden nicht bezifferbar

Seit eine schwäbische Firma 1977 das feuchte Toilettenpapier erfand, haben die Einmaltücher einen weltweiten Siegeszug angetreten. Heute sind sie in vielen Haushalten ein fester Bestandteil der täglichen Hygiene – mit teuren Folgen. Laufen etwa in Speyer nach einer längeren Trockenperiode die Pumpwerke bei Regen wieder an, werden sie häufig durch eine große Menge an Feststoffen verstopft. „Früher war das mal ein Putzlappen oder eine alte Unterhose, die aus Versehen ins Klo geraten sind, jetzt ist es eine Flut von vliesartigen Einmaltüchern“, sagt Angelika Sachweh von den Stadtwerken Speyer. Auch in Kaiserslautern machen sich die Vliestücher durch gesteigerte Störanfälligkeit und Betriebskosten bemerkbar. Laut Jörg Zimmermann, Vorstand der Stadtentwässerung, kommt es durch die Tücher auch zunehmend zu Rückstauproblemen in den privaten Anschlusskanälen. Auch werde bei Starkregen verdünntes Abwasser in die Gewässer eingetragen. Während sich normales Toilettenpapier hier gut von selbst auflöst, gelangen durch die Feuchttücher auch Kunststoffgemische in die Umwelt. Der so entstehende volkswirtschaftliche Schaden sei nicht bezifferbar, teilte die Bundesregierung 2016 auf Anfrage der Fraktion der Linken mit. Unterm Strich sei dies jedoch eine Sache der kommunalen Entsorger, man rate zu Aufklärungskampagnen. „Wir haben den Eindruck, dass die Problematik trotz aller Aufklärungskampagnen und der Präsenz in den Medien stagniert“, sagt der kommunale Entsorger Zimmermann. In Dresden sieht man dagegen Erfolge: „Kein Müll ins Klo“ heißt dort seit 2017 eine Kampagne, die wachrüttelt, indem sie Vergleiche zieht: Niemand würde ja auch seine Mülltonne oder den Papierkorb als Toilette benutzen, ist die Botschaft der Motive. Ziel sei, den weiteren Anstieg des Mülls im Dresdner Abwasser aufzuhalten, sagt die Sprecherin der Stadtentwässerung Dresden Jana Wenke: „Dies ist der Kampagne 2018 auch gelungen.“

Hersteller und Händler raten zur Entsorgung in der Toilette

Die Industrie tut derweil wenig, um daran etwas zu ändern. Das Geschäft läuft gut, 2015 wurden bundesweit 87 Millionen Packungen feuchtes Toilettenpapier verkauft. „Wegspülbar und schnell wasserlöslich“ steht beispielsweise auf der Packung von Hakle-Feucht, ein Piktogramm verbildlicht die Entsorgung in der Toilette. Lediglich der Zusatz, der Kunde möge maximal ein bis drei Tücher gleichzeitig wegspülen, lässt auf ein Bewusstsein für der Problematik schließen. Auf Anfrage teilt das Unternehmen mit, das Vlies ihres Produktes sei aus einem Zellulose-Gewebe ohne Textilfaseranteil, dieses sei wasserlöslich und biologisch abbaubar. Auch das schwedische Unternehmen Essity (Tempo, Zewa, Tena) gibt an, sein feuchtes Toilettenpapier bestehe „nahezu“ vollständig aus Zellulose- oder Zellstofffasern, durch die schnelle Zersetzung sei eine Verstopfung der Abwasserkanäle durch seine Produkte ausgeschlossen. Bei der Drogeriemarktkette DM und dem Discounter Aldi Süd ist man sich ebenfalls keiner Schuld bewusst, seit man um 2016 auf den Vliesstoff „WetLace“ umgestiegen ist, der ohne Textil- oder Kunststoffanteile auskomme und damit unbedenklich sei. Als Beweis für diese Unbedenklichkeit verweisen die angefragten Händler und Hersteller auf den „Guideline 4 Flushability-Test“, der die Spülbarkeit ihrer Produkte nachgewiesen habe. Dieser Test wurde vom Europäischen Verband der Vliesindustrie EDANA entworfen und durchgeführt, die Industrie attestiert sich die Unbedenklichkeit ihrer Produkte also selbst.

Keine realistischen Bedingungen beim Testverfahren

Tatsächlich ist das Testverfahren nicht unumstritten: So wird im von der EDANA entwickelten „Slosh-Box-Test“ feuchtes Toilettenpapier in eine Wanne gelegt und in flachem Wasser geschwenkt. Verliert es innerhalb von drei Stunden ein Viertel seiner Masse, kann es nach Ansicht der Industrie in der Toilette herunter gespült werden. Mit den Bedingungen in einem Abwasserrohr habe das jedoch wenig zu tun, sagt Holger Schüttrumpf vom Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Technischen Hochschule Aachen. Realistischere Tests hätten gezeigt, dass die Reibung in der Kanalisation nicht ausreiche, damit sich die Tücher zersetzen, und sie deshalb stattdessen wie ein großer Teppich im Klärwerk ankämen. Das deckt sich mit den Beobachtungen der Klärwerke, etwa in Speyer.

Nach sechs Wochen noch nicht aufgelöst

„Es gibt weder politischen Druck noch eine Diskussion über das Thema“, sagt der Ökonom Siegfried Gendries, der den Blog „Lebensraum Wasser“ betreibt. Regelmäßig werde er von der Industrie auf neue und angeblich unbedenkliche Vliesstoffe hingewiesen. „Solange diese Tests nicht von einer unabhängigen Institution durchgeführt werden, schenke ich diesen Aussagen keinen Glauben“, sagt er. Es gebe eine Diskrepanz zwischen den sich angeblich immer besser zersetzenden Tüchern und der gleichbleibenden Problematik bei den Entsorgern: „Wir müssen uns als Verbraucher davon verabschieden, die Toilette als Abfallort zu gebrauchen.“ Helfen könnte dabei seiner Ansicht nach ein einheitliches Logo auf Produkten, die unbedenklich in der Toilette entsorgt werden können. Die RHEINPFALZ hat zum Thema selbst einen kleinen Test gemacht: Fünf „schnell wasserlösliche“ Tücher wurden in Wasser eingelegt und täglich mehrfach mit einem Löffel gequirlt. Auch nach sechs Wochen hatten sie sich weder aufgelöst noch ihre Reißfestigkeit verloren.

Motiv aus der Kampagne „Kein Müll ins Klo“ der Stadtentwässerung Dresden.
Motiv aus der Kampagne »Kein Müll ins Klo« der Stadtentwässerung Dresden. Foto: Stadtentwässerung Dresden
Ein weiteres Motiv aus dieser provokativen Kampagne.
Ein weiteres Motiv aus dieser provokativen Kampagne.
Verstopftes Pumpwerk in Speyer.
Verstopftes Pumpwerk in Speyer. Foto: Stadtwerke/frei
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