Rheinland-PFalz RHEINPFALZ Plus Artikel AfD: Plagiatsjäger zweifelt Bollingers Doktortitel an

Beim Absingen der Nationalhymne im Landtag: Jan Bollinger (links) neben dem damaligen Partei- und Fraktionschef Uwe Junge.
Beim Absingen der Nationalhymne im Landtag: Jan Bollinger (links) neben dem damaligen Partei- und Fraktionschef Uwe Junge.

Die Nummer Zwei in der rheinland-pfälzischen AfD, Jan Bollinger, tritt am Samstag auf dem Landesparteitag in Pirmasens an, um als Landeschef gewählt zu werden. Doch der Politiker aus Neuwied könnte ein Problem bekommen.

Er ist ehrgeizig, hat sechs Jahre Erfahrung im Landtag und ist der einzige Kandidat für den AfD-Landesvorsitz, dessen Neuwahl am Samstag auf dem ordentlichen Parteitag in Pirmasens ansteht: Jan Bollinger (45), bisher stellvertretender Parteichef und Vize-Fraktionsvorsitzender. Mit dem amtierenden Landesvorsitzenden hat er eine Übereinkunft: Michael Frisch unterstützt ihn bei der Wahl zum Landeschef, dafür hilft Bollinger Frisch bei der im nächsten Jahr anstehenden Wiederwahl zum Fraktionsvorsitzenden für den Rest der Legislaturperiode. So erläutern es beide auf Anfrage. Dennoch könnte Bollinger ein Problem kriegen. Denn ihm sitzt ein Plagiatsjäger im Nacken.

Unklar, ob zahlender Auftraggeber

Martin Heidingsfelder, Gründer der Plattform Vroniplag, deren Geschäftsmodell es ist, Plagiate vornehmlich in Doktorarbeiten zu finden, hat sich mit der Arbeit von Bollinger beschäftigt. Ob es in diesem Fall einen zahlenden Auftraggeber gab, lässt Heidingsfelder auf Anfrage offen. In der Doktorarbeit mit dem Titel „Transformationale Führung als Erfolgsfaktor des Interim Management – Wie Führungskräfte ihre Mitarbeiter motivieren und entwickeln, Unternehmenskrisen bewältigen und organisationale Veränderungen umsetzen können“ hat er nach eigener Darstellung nicht gekennzeichnete Textstellen aus einem Werk des Wirtschaftswissenschaftlers Stefan Ludwig Dörr gefunden.

Uni klärt noch

Heidingsfelder hat Ende Januar eine verdächtige Stelle an die Universität Kassel gemeldet, an der Bollinger im Jahr 2011 promoviert wurde. Nach Auskunft der Pressestelle der Uni Kassel klärt der Promotionsausschuss des Fachbereichs, ob ein Anfangsverdacht besteht und ob ein formelles Prüfverfahren eröffnet wird.

Bollinger sagt zu dem Vorwurf, er schließe aus, dass er absichtlich abgeschrieben habe. Da er eine empirische Arbeit vorgelegt habe, ergebe das ohnehin keinen Sinn. Den Autor Dörr habe er in seiner Arbeit häufig zitiert, er habe auch in direktem Kontakt zu ihm gestanden. Ob eine „kleine Anzahl von Zitaten indirekt statt direkt“ wiedergegeben worden sei, könne er nicht ausschließen. Er habe sich ebenfalls mit der Uni Kassel in Verbindung gesetzt und warte nun deren Entscheidung ab.

Positive Rückmeldungen aus der Partei

Bollinger war vor seinem Einzug in den Landtag Verwaltungsleiter in einem Unternehmen der Jugendhilfe. Der AfD ist er 2013 beigetreten, unter dem damaligen Landeschef Uwe Junge war er Pressesprecher der Partei. Im Landtag wurde er zunächst Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Fraktion, nach der Landtagswahl 2021 wurde er stellvertretender Fraktionschef. Er habe sehr positive Rückmeldungen aus der Partei für seine Kandidatur, sagte Bollinger.

Frisch selbst sagte, er trete wegen der Doppelbelastung in Fraktion und Partei nicht mehr an. Allerdings war er bereits im Februar parteiintern unter Druck geraten. Er hatte die Präsentation von Max Otte als Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl als Intrige gegen den damaligen Parteichef Jörg Meuthen bezeichnet. Frisch hätte kaum eine Chance auf eine Wiederwahl gehabt. Uwe Junge, der der Partei den Rücken gekehrt hat, schrieb auf Facebook, die Vorbereitungen, Frisch aus der Partei „auszuschwitzen“ liefen bereits. Daran sei auch Bollinger beteiligt. Vom „Ausschwitzen“ seiner Gegner hatte der Thüringer Landeschef Björn Höcke 2020 gesprochen, damit rückt Junge Bollinger in dessen Nähe.

Der Politiker aus Neuwied sieht sich jedoch auf der anderen Seite. Er habe damals wie Junge, Frisch und andere den „Appell der 100“ unterzeichnet, sagte Bollinger. 2019 war damit eine Kampfansage an Höcke verbunden. Der Rechtsaußen und frühere Chef des Flügels, Höcke, hat vor wenigen Tagen angekündigt, beim Bundesparteitag im Juni für den Vorstand kandidieren zu wollen. Parteisprecher Tino Chrupalla brachte daraufhin eine mögliche Kampfkandidatur ins Gespräch. Das begrüße er, sagte Bollinger.

Rückzug eines Ex-Funktionärs

Ein früheres Mitglied des erweiterten Landesvorstands und des Vorstands der Nachwuchsorganisation Junge Alternative wird sich am Samstag übrigens nicht mehr zur Wahl stellen: Justin Salka aus dem Westerwald. Am Dienstagabend sagte er auf RHEINPFALZ-Anfrage, er habe sich aus der Politik zurückgezogen. Salka hatte im vergangenen Jahr Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil die Staatsschutzsstelle der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz gegen ihn ermittelte. Ihm wurde vorgeworfen, Hitler-Bilder verbreitet zu haben. Nach Angaben von Generalstaatsanwalt Jürgen Brauer ist das Verfahren mit einem Strafbefehl des Amtsgerichts Westerburg bereits im November 2021 abgeschlossen worden. Wegen der Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen in zwei Fällen wurde Salka demnach zu einer Gesamtgeldstrafe von 4500 Euro verurteilt. Ob er noch AfD-Mitglied ist, ließ Salka auf Anfrage offen.

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