Ausflug
„Vun allem ebbes“: Stadtführung abseits ausgetretener Pfade in Edenkoben
„Uffbasse!“ Wer mit Peter Mohr durch Edenkoben marschiert, bekommt gratis einen kleinen Pfälzisch-Kurs mit auf den Weg, und das Pfälzer Motto hat bei der buchstäblich einmaligen „Pädelführung“ gleich doppelte Bedeutung. Es empfiehlt sich, bei Mohrs Ausführungen ebenso aufzupassen wie beim Untergrund. Los geht es auf Kopfsteinpflaster und dann auf teils holprigen Pfaden hinter die Kulissen der Stadt. Der zertifizierte Gästeführer leitet regelmäßig historische Stadtführungen, und er ist für seine Schmunzel- und Mundartführungen bekannt und beliebt. Humorvoll und in Reimform heißt „de Mohre Peter“, wie er sich vorstellt, die Gruppe willkommen, die sich an dem bewölkten Sommersamstag zur Sonderführung eingefunden hat. Obwohl der Schwerpunkt auf weniger ausgetretenen Pfaden der Stadt liegt, gibt es doch „vun allem ebbes“, wie er verspricht – und auf dem Ludwigsplatz vor der Statue König Ludwigs von Bayern gleich die erste Geschichtsstunde.
Auf den Spuren des Förderers
Die lebensgroße Kalksandsteinskulptur aus den Händen des Frankenthaler Künstlers Philipp Perron wurde 1890 nach Ludwigs Tod errichtet, um dessen Verdienste um die Weinstadt zu würdigen. Ludwig förderte den Bau des Krankenhauses Ludwigsstift, der Edenkobener Ludwigsbahnhof geht auf ihn zurück und auch die St. Ludwigskirche förderte er finanziell.
Ein Gläschen Secco zur Begrüßung lockert die Stimmung, und noch spielt das Wetter mit. Die Sonne spitzelt durch den wolkenverhangenen Himmel der Hoheit ins Gesicht, über die der Edenkoben-Experte einiges zu berichten weiß. Zum Beispiel, dass der Monarch – 1786 in Straßburg geboren und 1868 in Nizza verstorben – acht Mal für jeweils zwei Monate von München aus mit seinem eigenen Bett in die Pfalz reiste, um sich in seiner Sommerresidenz Schloss Villa Ludwigshöhe zu erholen. „Der König wollte immer in seinem eigenen Bett schlafen“, erklärt Mohr – und bettet seine Ausführungen in den zeitlichen Kontext ein: Ludwig I. aus dem Hause Wittelsbach war von 1825 bis 1848 König von Bayern, in einer Zeit also, in der die Pfalz zu Bayern gehörte. Dass die Statue Ludwig in ziviler Kleidung zeige, sei eine Besonderheit, betont Mohr, und der Tatsache geschuldet, dass Ludwig im Jahr 1848 abgedankt habe. Die Villa Ludwigshöhe, die von 1846 bis 1852 erbaut wurde, besuchte er nur noch als Privatier und nicht mehr als amtierender König. Im Laufe der Führung wird noch zu erfahren sein, warum Ludwig I. zurücktrat, doch dazu später mehr.
Das Thema des Tages
Zunächst bringt Mohr die Gruppe langsam, aber sicher dem eigentlichen Thema des Tages näher: Über den nach König Ludwig benannten Marktplatz geht es in Richtung Rentamt-Pädel, vorbei an der protestantischen Kirche, einem der bedeutendsten Barockbauten der Vorderpfalz und Wahrzeichen der Stadt, und vorbei am Marktbrunnen, der laut Mohr „das Wasser in die Stadt brachte“, aber auch schon zum Weinprobierstand umfunktioniert wurde. Mohr lässt in diesem Zusammenhang die Weinfest-Tradition der Stadt Revue passieren und erinnert an Prominente wie „Tatort“-Kommissar Andreas Hoppe und die „Walz vun de Palz“ Hans-Peter Briegel, die in Edenkoben in Wein aufgewogen wurden.
Und schon sind wir im Rentamt-Pädel, benannt nach der einst hier beheimateten Steuerbehörde. Noch heute ist Edenkoben Sitz der Hochschule für Finanzen und Landesfinanzschule Rheinland-Pfalz. Das enge Rentamt-Pädel beginnt wie das Gottesacker-Pädel auf einem beschaulichen Plätzchen und führt – geradewegs ins Grüne: Mitten in der Stadt erstreckt sich ein verborgener Wingert. Romantisch umrankt von Hecken und Laubwerk eröffnet er den Blick über die Dächer unterhalb.
„Säuferglocke“ und „Samtroter“
Mohr erzählt von gottesfürchtigen Pfarrern und schlagfertigen Winzern, vom „Samtroten“ und von der „Säuferglocke“. Er liest passend zu den Schauplätzen launige Gedichte vor und hat die Lacher stets auf seiner Seite. Selbst dröge Geschichte wird bei ihm zum kurzweiligen Vergnügen, weil er sich nicht lange mit Jahreszahlen aufhält, dafür aber Überraschendes aufdeckt. In der Ludwigskirche etwa verweist er darauf, dass die Orgel an den Altarraum grenzt, um in der „Königskirche“ hinten eine Königsloge vorhalten zu können.
Zurück im Stadtzentrum, am sogenannten Goldenen Eck, begegnen wir wiederum dem Edenkobener Auswanderer Johann Adam Hartmann (1743-1836), dessen Geschichte John F. Cooper zu seinem Erfolgswerk „Lederstrumpf“ inspiriert haben soll. Der Pfälzer Maler Max Slevogt illustrierte die erste Ausgabe. Sie alle hat Gernot Rumpf als Bronzeskulpturen am Brunnen verewigt, zusammen mit Bibern, dem Indianer Chingachgook und der Maus, Rumpfs Markenzeichen.
Die Länge der Weinstraße
Der Name Goldenes Eck gehe auf die Zeit der Weltwirtschaftskrise zurück, informiert Mohr: „Die Häuser sollen wegen der galoppierenden Inflation gegen Gold verkauft worden sein.“ Jetzt macht Petrus Ernst: Das Wasser fließt nicht nur im Brunnen, es tropft auch vom Himmel. Ein warmer Sommerregen, der trotzdem zu einer Planänderung führt: Die Frage, wie lange die Weinstraße ist, wird in einer regengeschützten Passage am Stadtberg erörtert. Ganz ernst gemeint war diese von Peter Mohr freilich nicht. Er zieht einen Klappmeter aus der Tasche, auf dem alle Orte entlang der Weinstraße verzeichnet sind, und gibt sich schmunzelnd selbst die erwartete Antwort: „Genau zwei Meter lang“. Ganz weit hergeholt ist auch dieses Zwischenspiel nicht: Die Erfinder des Klappmeters, die Brüder Ullrich, stammen aus dem Nachbarort Maikammer, und Edenkoben markiert nahezu die Mitte der Weinstraße und des Metermaßes.
Hommage an die Waschfrauen
Wegen Nieselregens wird auch die Begehung des Mühlberg-Pädels abgekürzt. Der an beiden Seiten von einer Mauer begrenzte Fußweg ist 450 Meter lang. Die Gruppe läuft gut 100 Meter zu einem „Hinterliegerhaus“, das nur durch dieses Pädel erschlossen ist. Da heißt es: Einkäufe schleppen
... Für eine neue Pädel-Erfahrung wechseln wir dann auf die andere Seite der Weinstraße: Hier haben Anwohner dem Wäschbach-Pädel ein Denkmal gesetzt. Vom ursprünglichen „Wäschbach“, wo einst Frauen die Wäsche wuschen, ist heute nichts mehr zu sehen. Er ist versiegelt. Das liebevoll angelegte Beet mit der Figur der Waschfrau erinnert aber als hübsches Fotomotiv noch an diese Zeit. Wenige Meter dahinter zweigt noch das Beamten-Pädel ab. In den Blick fällt hier allerdings nur ein netter Hofladen. Und nach gut zwei Stunden sind wir zurück am Ausgangspunkt, wo Mohr die Gäste mit einem kleinen Gedicht aus eigener Feder verabschiedet.
Die Erörterung zum Ende von Ludwigs Regentschaft ist Mohr aber natürlich nicht schuldig geblieben. Sie erfolgte mitten im Herzen der Stadt, wo der Annweilerer Künstler Karl-Heinz Zwick im Jahr 2011 der Geschichte des Bayernkönigs auf seine Art ein Denkmal setzte. Er schuf drei Skulpturen: „Die Tänzerin“, die vor der Sparkasse beheimatet ist, und die des Königspaares Therese und Ludwig am Schafplatz. „Die Tänzerin“ soll Ludwigs Geliebte Lola Montez verkörpern.
Elizabeth Rosanna Gilbert, so ihr bürgerlicher Name, soll bei Ludwig mit ihren körperlichen Reizen eine Auftrittserlaubnis erwirkt haben. Trotz einer kinderreichen und über weite Strecken glücklichen Ehe erlag er der Schönen, und die Affäre kostete ihn sein Amt. Auch in Edenkoben ist beiden kein Happy End beschieden: Die Montez steht vor der Sparkasse im Abseits, während Therese und Ludwig sich nah beieinander im ehemaligen Schafgarten finden. Nicht einmal eine Blickachse verbindet Lola mit Ludwig, wie Mohr zu berichten weiß: „Die Figuren sind so aufgestellt, dass sie einander nicht anschauen können“. Auch wenn’s, zugegeben, ein Anachronismus ist: „Uffbasse“ – die Warnung hätte wohl auch für den König gelten können ...
Info
Historische Stadtführungen »Vun allem ebbes« starten bis Ende Oktober immer samstags um 10.30 Uhr am i-Punkt, Weinstraße 86, in Edenkoben; auf Anfrage und bei ausreichender Teilnehmerzahl leitet Peter Mohr auch die „Pädelführung“. Kontakt: 06323 9897858, i-punkt@edenkoben.de; Infos: www.edenkoben.de/ipunkt/, www.gaestefuehrer-edenkoben.de
Weitere originelle Stadtführungen
in und außerhalb der Pfalz
Germersheim:
Führungen kompakt – Während eines kurzen Rundweges um Fronte Lamotte und Weißenburger Tor wird ein Großteil der wichtigsten Festungsbauwerke mit Kasematten und Minengängen besichtigt; an jedem vierten Sonntag im Monat, nächster Termin: So 25.8.,Treffpunkt: 14 Uhr am Weißenburger Tor (Brücke), Infos/Anmeldung: 07274 960-301, -302 und -303, E-Mail: tourist-info@germersheim.eu, Internet: www.germersheim-erleben.eu
Heidelberg:
Nachtwächterführung „Werwölfe, Wiedergänger und Vampyre“ – Eine nächtliche Exkursion zu den Schauplätzen von grausigen Erscheinungen, Mythen und Legenden in der Altstadt. Der Nachtwächter der Heidelberger Stadtwache führt zu Orten, wo schändliche Mörder, liederliche Studenten und fürchterliche Scheusale einst ihr Unwesen trieben: Fr 30.8., 20 Uhr, Treffpunkt: Marienstatue auf dem Kornmarkt, Buchungen: www.heidelberg-stadtfuehrungen.de, 06221 616341
Sagenspaziergang – Beginnend an der Kaiserpfalz führt die Tour durch Lauterns frühere Oberstadt. Protagonistin ist eine hochmittelalterliche „Frouwe“ von der nahegelegenen Burg Sterrenberg, deren sagenumwobene Geschichte zu einem Ausflug in die Vergangenheit einlädt – Spannung inbegriffen: So 15.9., 14 Uhr, Treffpunkt Tourist-Info
Kulinarisch unterwegs in Kaiserslautern – Die Vielfalt der Pfälzer Küche ist insbesondere in der Westpfalz auch von Franzosen, Amerikanern und Bayern geprägt. Während eines kulinarischen Rundgangs eröffnet sich die Möglichkeit, Lautrer Geschichte zu schmecken, gespickt mit Details über die Essgewohnheiten vom Mittelalter bis heute. Unterwegs gibt es kleine Häppchen: Fr 20.9., 16.30 Uhr, Treffpunkt Tourist-Info
„Kaiserslautern uff Pälzisch“ – De Kaiserbrunne, e Sticksche Stadt unn Lautrer Originale – die Tour führt „uff Pälzisch“ vom Kaiserbrunnen durch die Steinstraße bis hin zum Brezel Adam: Di 24.9., 17 Uhr, Treffpunkt am Kaiserbrunnen.
Anmeldung für alle Kaiserslauterer Führungen/Infos: 0631 365-4019
Trier:
„Wundertaten. Hexenzauber. Aberglaube. Magisches Trier“ – Gästebegleiter Stephan Krämer erzählt an den passenden Orten der Innenstadt Geschichten von antiker Magie, Fluchtafeln und magischen Zaubernägeln, von den Schicksalen Trierer Bürgerinnen und Bürger während der Hexenverfolgung, aber auch von christlichen Wundern, Legenden und Reliquien. An der Porta Nigra wird mit Sekt angestoßen, im Domfreihof gibt es zum Abschluss ein geselliges Glas Wein: Sa 31.8., 14.30 Uhr, Treffpunkt: Tourist-Info an der Porta Nigra, Tickets
„Bettelmönch und Panschskandal: die Mittelalter-Weintour“ – War das Mittelalter finster? In Trier doch nicht! Selbst innerhalb der Stadtmauern gab es Weinberge, und in den Tavernen floss der Wein in Strömen. Doch was haben die Menschen damals eigentlich gegessen und getrunken, wer trank Wein und wie stark war er? Die Gruppe taucht ein in eine fremde Welt, in der es noch Berufe wie Ungeldeinzieher oder Weinschreier gab, Gastwirte Wein mit Bleiacetat versetzten und Winzer Rebschädlinge mit Gebeten bekämpften: Sa 14.9., 15 Uhr, Treffpunkt Tourist-Info an der Porta Nigra, Tickets, 0651 9790777
Zweibrücken:
Geführter Spaziergang „Die Kirschen von Tschifflick“ – Die herzogliche Kammerzofe führt durch das einzigartige barocke Gartendenkmal im Naherholungsgebiet Fasanerie und erzählt von Freud und Leid des Lebemanns Leszczynski und der schicksalhaften Geschichte seiner Familie: Lebenslust, Intrigen, Sehnsucht und Hoffnung: So 25.8., ab 14.30 Uhr, Treffpunkt an der Freitreppe des Romantik-Hotels „Landschloss Fasanerie“, neben dem Parkplatz, Info/Buchungen: 06332 871471, tourist@zweibruecken.de
