Waldwissen
Am Wegesrand: Von intelligenten Schleimpilzen und anderen gruseligen Entdeckungen
Wenn man erst mal anfängt, darauf zu achten, wimmelt es von Anzeichen. Der ganze Wald voller Hexerei. Und ein bisschen Feenstaub. Als erstes macht uns Volker Westermann auf den Hexenbesen aufmerksam. Der Bildungsförster vom Forstamt Pfälzer Rheinauen zeigt mit dem Finger auf die Krone einer Kiefer. Tatsächlich, da oben hängt etwas. Und ja, mit etwas Fantasie kann man einen Besen ausmachen. „Die vermeintlichen Fluggeräte sieht man immer wieder in Kiefern, aber auch in den Kronen von Birken und anderen Baumarten – fast so, als ob sie dort von den Hexen vergessen wurden“, sagt der Förster ernst. Im winternebeligen Wald ist ein Kichern zu hören. Oder war das Einbildung?
Früher, als sich Menschen manche Phänomene im Wald noch nicht wissenschaftlich erklären konnten, wurden gerne Hexen und Zauberer bemüht. Heute weiß man, dass Hexenbesen, oder auch Donnerbüsche genannt, kugelige und buschige Verwachsungen in Bäumen sind, die entweder durch einen Pilz verursacht werden, oder auf eine Genmutationen schließen lassen. „Auf jeden Fall sind Hexenbesen echte Hingucker“, sagt der Förster. „Und sie machen den Wald noch ein bisschen märchenhafter.“
Nicht weit von der Kiefer entfernt, in der ein Hexenbesen hängt, steht ein Pfaffenhütchen. Der Name des Strauchs kommt nicht von ungefähr. Er hat ihn quasi aus formalistischen Gründen bekommen. Don Camillo lässt grüßen. Die hübschen, rosaroten Früchte sehen nämlich wie ein Birett aus, eine Kopfbedeckung katholischer Geistlicher. Die Samen in der hutförmigen Frucht sind giftig. Schrecklich giftig. Das Pfaffenhütchen riecht gar nach Mord, behaupteten jedenfalls die alten Griechen.
Das Gift wirkt oft erst Stunden später
Das Pfaffenhütchen ist einer der häufigsten heimischen Sträucher. Vermutlich, weil es mit so vielen unterschiedlichen Bodenbedingungen zurechtkommt. Das Pfaffenhütchen wächst in lichten Laubwäldern, im feuchten Auwald, aber auch an Waldrändern oder Burgmauern. „Also eigentlich überall in der Pfalz“, sagt der Förster. Auf kalkhaltigem und eher trockenem Untergrund blüht es reich. Viele Blüten, viele Früchte, viele Samen. Große Gefahr.
Die Samen des Pfaffenhütchens sind nicht nur supergiftig, sondern auch ein bisschen heimtückisch. Man stirbt nicht sofort. Die Giftstoffe wirken erst nach etwa acht bis zwölf Stunden. Doch dann ist es zu spät für Erste Hilfe. Das perfekte Mordinstrument also, wenn man so manchem Krimiplot glauben möchte. „Oder eine Zutat in der Küche böser Hexen“, sagt Westermann. Ein Tautropfen rollt vom Birett. Im winternebeligen Wald ist ein Kichern zu hören.
Der Förster führt uns tiefer in den Wald. In Richtung Knusperhäuschen? Westermann lacht. „Ich fürchte, Hänsel und Gretel müssen sich heute selbst retten. Ich suche nach Hexenbutter.“ Nanu? Die sollte man doch im Hexenhäuschen, in der Hexenküche, vermuten. „Nee, sie läuft gerne mal weg.“ Der Förster wird uns unheimlich. Er läuft weiter. Dann zeigt er auf etwas sehr Gelbes und sehr Schleimiges. Hexenbutter.
Schleimpilze sind bizarre Organismen. Sie sind weder Tier noch Pflanze noch Pilz, obwohl ihr Name das vermuten lässt. Die Lebewesen bilden ein eigenes Reich, das seit Millionen Jahren existiert – und den Wald liebt: Schleimpilze brauchen Totholz und ein feuchtes Milieu, um sich in Einzeller zu verwandeln, die auf Wanderschaft gehen. „Ja, Schleimpilze bewegen sich fort, das ist kein Witz“, sagt Westermann. „Aber sehr langsam.“ Den Menschen früherer Zeiten war das buttergelbe, schleimige Wesen, das seine Wuchsrichtung, aber auch sein Aussehen ändern konnte, unheimlich, zumal es im Wald wuchs. Dem Ort der Hexen und Zauberer.
Gelber Schleim kriecht über den Waldboden
Das gelbe Irgendwas nannten die Leute Hexenbutter. Offiziell lautet der Name des Schleimpilzes Gelbe Lohblüte. In England ist man pragmatischer und nennt das Gebilde Scrambled eggs slime, übersetzt: schleimiges Rührei. In Mexiko isst man das Ding tatsächlich. Dort heißt es Caca de Luna. Die Mexikaner grillen Mondkacke. Andere Länder, andere Namen, andere Geschmäcker. In der Wissenschaft wird der Schleimpilz nicht gegrillt. Er wird gut beobachtet. Denn er hat Wissenschaftler öfters überrascht.
„Der Schleimpilz erkennt den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten, wie frühere Experimente gezeigt haben. Er findet sogar den besten Weg aus Labyrinthen“, berichtet der Förster von einem Experiment von Forschern. Zunächst habe der Schleimpilz alle Gänge überwuchert. Legten Forscher jedoch Haferflocken an Ausgang und Eingang des Irrgartens, geschah Spektakuläres: Der Schleimpilz wich aus sämtlichen Winkeln, um sich bald auf einem einzigen Weg zu sammeln – der direkten Verbindung zwischen Ausgang und Eingang. An der Hokkaido Universität in Japan will man noch Erstaunlicheres entdeckt haben: Im Experiment wurde die Lage japanischer Ortschaften im Großraum Tokio mit Haferflocken nachgebildet. „Auf die steht der Schleimpilz halt“, sagt Westermann und grinst. Auf der Flocke, die für Tokio stand, positionierten sie den gelben Schleimpilz. Der Glibber wucherte in alle Richtungen. Schließlich bildete sich ein Geflecht zwischen den Haferflocken, das dem Bahnnetz des Großraums Tokio entsprach. „Das ist doch unheimlich und stellt die Frage nach der Intelligenz des Schleimpilzes.“
Intelligenz: Die Wissenschaft benutzt den Begriff bislang nur bei komplexen Lebewesen mit Nervensystem und Gehirn. Beides hat der Schleimpilz aber nicht – und dennoch kann er kommunizieren, erinnert sich und trifft Entscheidungen. Pure Hexerei? Wir starren auf den gelben Klecks am Waldboden. Im winternebeligen Wald ist ein Kichern zu hören.
Jetzt bloß nicht da hineintreten
Wir stolpern weiter. Mitten ins Unglück. Also fast. Kurz vor den Nebelkappen bremst der Förster ab. Wir stehen vor einem Hexenring.
Hexenring. Das klingt nach Hexentanz auf Hexenbesen. Nach Teufelszeug und beschworenen Dämonen. Das klingt nach Unheil. „Wer in den Ring tritt, wird vom Unglück verfolgt“, sagt Westermann dann auch. „Das ist alter Aberglaube, und trotzdem laufen viele Menschen heute noch um den Ring herum.“
Den Ring bilden Pilze. In unserem Fall die Nebelkappe, auch Nebelgrauer Trichterling genannt. Ein typischer Spätherbstpilz, der sich dem Förster zufolge kreisförmig ausbreitet. Das heißt, im Laufe der Jahre zieht er immer größere Kreise. „Der eigentliche Pilz wächst ja unterirdisch, der Fruchtkörper ploppt über der Erde auf, wie hier die Nebelkappen.“ Dieser Ring ist schon sehr groß. Platz genug für gleich einen ganzen Haufen von Hexen. Im winternebeligen Wald ist ein Kichern zu hören.
Oh Mann, das ist heute ein richtig gruseliger Spaziergang, da muss man schon sehr aufpassen, dass einem der Aberglaube nicht im Wintermantel stecken bleibt. Der Förster grinst. „Dann lasst uns enthexen“, sagt er und führt uns um den Hexenring herum (vorsichtshalber!) zu einem kleinen moosbedeckten Plätzchen, auf dem etwas Sternförmiges hockt. „Das ist ein Halskrausen-Erdstern, und er ist voller Feenstaub.“ Westermann tippt den Pilz an, und der pustet ein kleines Wölkchen winziger Pünktchen aus. Feenstaub als Gegenzauber. Kein Kichern mehr im winternebeligen Wald. Dafür ein leises Lachen. Ein leichter Luftschlag. Feenflügel.
Die Serie
Es gibt Phänomene im Wald, die sind uns bestimmt schon aufgefallen, aber groß Gedanken gemacht haben wir uns darüber nicht. Damit der nächste Ausflug in den Schifferstadter oder Mutterstadter Forst, der nächste Spaziergang in den Wäldern der Verbandsgemeinde Rheinauen oder die nächste Wanderung im Pfälzerwald spannender wird, erklärt uns Förster Volker Westermann vom Forstamt Pfälzer Rheinauen, was es mit den Erscheinungen „Am Wegesrand“ auf sich hat.
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