ab 20. Dezember RHEINPFALZ Plus Artikel Techno aus Neustadt: Interview mit DJ Hardy Heller über 30 Jahre „Ohral“

Legen oft gemeinsam auf: Hardy Heller (rechts) und Alex Connors.
Legen oft gemeinsam auf: Hardy Heller (rechts) und Alex Connors.

DJ Hardy Heller hat mit seinem Label „Ohral“ und seinen Veranstaltungen die elektronische Tanzmusik und Clubkultur in der Region nachhaltig geprägt.

30 Jahre „Ohral“ – Jüngst wurde das Musiklabel von dem weltweit größten Download-Portal Beatport sogar zum „Label des Monats“ gekürt. Eine tolle Nachricht zum Geburtstag! Im Gespräch erzählt der Neustadter Musikproduzent, Labelinhaber und DJ Hardy Heller, wie diese musikalische Reise begonnen hat und worum es ihm dabei geht.

Dein Label „Ohral“ wird 30 Jahre alt. Wie hat die Reise eigentlich begonnen?


Meine Leidenschaft für Musik begann sehr früh. Ich habe eine klassische musikalische Erziehung genossen, immer schon viel Musik gehört und auch selbst gemacht. Schon in den Achtzigern prägten mich elektronische Einflüsse wie Depeche Mode, EBM oder Kraftwerk. Ich wurde Sammler, tauchte immer tiefer in die Szene ein und besuchte die ersten elektronischen Partys, die sich stark von allem zuvor unterschieden. Durch meine Arbeit als Manager bei Zyx Music kam ich mit vielen Künstlern in Kontakt – meine Aufgabe war es, Talente aus dem Untergrund zu entdecken und zu etablieren.

Läuft das heute immer noch über Kontakte oder hat sich die Szene verändert?

Massiv. CD- und Vinylverkäufe spielen heute noch kaum eine Rolle. MP3 für die DJs schon, für den Konsumenten weniger, da ist Streaming angesagt. Die Leute kaufen Musik nicht mehr, sie hören Tracks dort und bauen sich ihre Playlists. Spotify etwa generiert automatisch Vorschläge für neue Musik – du bist als Hörer selbst gar nicht mehr so aktiv auf der Suche, vieles ist vorgefiltert.

Wie waren deine Anfänge als Veranstalter von Partys?

Ich war Anfang der 90er oft in Berlin und habe dort Paul van Dyk kennengelernt. Er war noch super jung, aber schon als talentierter DJ und Produzent bekannt – allerdings noch nicht komplett durch die Decke gegangen. Wir waren gut befreundet, und so kam es, dass er auf meiner ersten Party in Neustadt aufgelegt hat. Wir haben hier schon Pionierarbeit geleistet. Damals war alles noch sehr ursprünglich: Wir haben mit Freunden einen Gewölbekeller entrümpelt. Ich bin dafür ständig zwischen meinem Job in Limburg an der Lahn und meinem Zuhause gependelt.

Wie kam es schließlich zu dem Labelnamen „Ohral“?

Damals wie heute werden gerne Namen verwendet, die eine Bedeutung haben – man nimmt Begriffe oder Trademarks aus ganz anderen Bereichen und verfremdet sie ein wenig, um etwas Neues zu schaffen. So entstand „Ohral“, was einfach gut gepasst hat – auch mit dem Bezug zum Ohr.

Du wirbst zu eurem Jubiläum auf Social Media mit „30 Jahre und immer noch frisch“. Hält dich dein Job und die Musik jung?

Definitiv.

Was hat sich in den vergangenen 30 Jahren am stärksten verändert?

Vieles, etwa die Werbung. Früher war das Mund-zu-Mund-Propaganda und viel Laufarbeit: durch Mannheim, Ludwigshafen oder Landau in die Geschäfte gehen, Flyer und Poster verteilen. Das macht heute niemand mehr. Heute bin ich auf vielen Kanälen aktiv – gleichzeitig werde ich auch permanent befeuert mit Anfragen und Fragen. Das ist ein großer organisatorischer Aufwand rund um das Label und die Veranstaltungen. Heute findet vieles in unserer Stammlocation Soku statt, mit mehreren Floors und einem Außengelände mit Garten.

Bist du noch aufgeregt vor Veranstaltungen?

Eine gewisse Anspannung ist immer da. Man wird oft vor Aufgaben gestellt, für die man sofort eine Lösung finden muss. Eventmanagement hat viel mit Problemlösungen zu tun – Dinge, die der Gast gar nicht mitbekommen soll. Er soll Spaß haben und mit dem Gefühl nach Hause gehen: Das war wieder richtig klasse. Ich bin meist den ganzen Abend unterwegs, laufe herum und versuche den „Vibe“ zu erfühlen. Herumsitzen oder stehen ist da nicht. Man ist Ansprechpartner für Gäste, für das Team, für DJs. Nebenbei lege ich ja selbst auch noch auf. Dann in den Flow zu kommen, ist nicht immer einfach.

Wenn du selbst auflegst, hast du ein festes Set?

Im Prinzip ja, aber oft lasse ich es einfach passieren. Meist lege ich mit Alex Connors auf, mit dem ich auch produziere. Er bringt seine Tracks mit, ich meine. Es kommt also vor, dass Alex unbekannte Tracks spielt. Dann gilt es zu fühlen, zu schauen, was die Tanzfläche sagt und zu überlegen, was gut dazu passt vor dem Hintergrund, wo die musikalische Reise hingehen soll. In die Musik eintauchen, die Stimmung auf der Tanzfläche erkennen, diese aufbauen und entwickeln.

Gibt es eine Party, ein Festival oder einen Moment, der dich nachhaltig beeindruckt hat?

Da gibt es viele. Schon damals die erste Auflage in besagtem Partykeller, aber auch jüngst etwa die Osterparty mit Anna Reusch – das war einfach fantastisch.

Lieber Club oder Open Air?

Wir waren hier mit die Ersten, die Open-Air-Partys gemacht haben. Heute ist das weit verbreitet. Ich mag Open Air tatsächlich lieber. Wir haben ja auch einen Club mit einem schönen Außenbereich – da kann man beides verbinden: mittags draußen, abends drinnen. Das ist schon etwas Besonderes.

Was ist der Kern der Szene – früher wie heute, drinnen wie draußen?

Die starke soziale Komponente. Das fand ich schon immer spannend. Früher war sie vielleicht noch intensiver, weil der Kreis kleiner und geschlossener war. Aber auch heute geht es darum, dass Menschen zusammenkommen. Bei unseren Events reisen Leute aus Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe, Stuttgart, Mainz oder Frankfurt an und sagen: „Bei euch ist das schon etwas Besonderes.“ Menschen tauschen sich aus, haben gemeinsam Spaß und eine gute Zeit. Gerade heute können wir das alle gut gebrauchen. Es geht um Haltung, Respekt und eine positive Energie. Deshalb hat mich die Corona-Zeit so geärgert, als wir als nicht systemrelevant eingestuft wurden. Wenn man von Systemrelevanz spricht, welches System ist gemeint? Kulturelle Orte der Begegnung sind eine Basis gelebter Demokratie.

War die Entscheidung, diesen Weg zu gehen, rückblickend richtig?

Schon. Ich habe lange in der Musikindustrie gearbeitet, bevor ich mich in den 2000ern selbstständig gemacht habe – bei Zyx Music, der Undercover Music Group, dazu Freelancer-Jobs etwa für Alex Azary, Pascal Feos, für ihre Space Night Compilation. Es war nicht immer einfach, aber es ist auch toll, wenn Leidenschaft zum Beruf wird. Die Auszeichnung von Beatport als „Label des Monats“ hat uns riesig geehrt und wird mit unseren Wegbegleitern auch gefeiert. Diese Auszeichnung ist für uns toll – als Anerkennung, aber auch für das Marketing.

Wie sehen deine Arbeitstage aus? Wie viel ist Musik, wie viel Verwaltung?

Ich bin stark in den Club, das Label und die Veranstaltungsplanung, aber auch familiär eingebunden. Der Tag kann eigentlich nie lang genug sein. Ich stehe früh auf – wenn kein Veranstaltungswochenende war, bin ich gegen 5.30 Uhr am Start. Diese Zeit genieße ich am meisten. In den vergangenen Jahren hat sich mein Fokus sehr stark Richtung Club verschoben. Wir planen heute Events viele Monate im Voraus – aktuell reicht unser Kalender bis August oder September nächsten Jahres. Früher haben wir noch gesagt: „In zwei, drei Wochen machen wir mal wieder eine Party.“ Das ist heute unmöglich.

Welche Musik hörst du selbst, wenn es nicht elektronisch ist?

Ich bin musikalisch sehr offen. Die Achtziger mit Synth-Pop und New Wave waren unglaublich vielfältig. Ich höre gerne Klassik, war früher oft mit meinen Eltern in Konzerten. Mehr Konzerte besuchen haben wir uns gerade erst wieder fest vorgenommen.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde: Welche DJs würdest du gerne buchen?

Diese riesigen, maximal kommerziellen Nummern sind eigentlich nicht so mein Ding. Weniger Show, mehr Inhalt, Herzblut. Entsprechend hat sich auch alles so entwickelt, wie es ist. Es gibt natürlich großartige Künstler: Sasha ist einer meiner All-Time-Helden aus England, weltweit füllt er Hallen und Stadien, in Deutschland ist er kaum bekannt. Oder Carl Cox, das ist auch so ein Kracher und nebenbei ein cooler Typ. Es gäbe noch viele andere, aber grundsätzlich bin ich kein Träumer, mache das, was ich tue, mit großer Leidenschaft, also nicht zwingend aus Gründen der Gewinnmaximierung, so dass das nächste Mega-Festival eher nicht von mir veranstaltet wird ... Für mich geht es am Ende vielmehr darum diesen ganz besonderen Moment zu kreieren. Schade ist: am nächsten Morgen ist dieser schon wieder Geschichte. Dann geht es darum den nächsten vorzubereiten. Entsprechend freuen wir uns auf unsere Geburtstagsparty ...

Save the Dates

Sa 20.12.: 30 Jahre Ohral u.a. mit Extrawelt Live, Nakadia und Ohral Residents

Sa 31.1.: Soku Presents

Under Construction u.a. mit DJ Dag

Sa 7.3.: Soku presents

Under Construction u.a. mit Klanglos

So 5.4.: Soku presents

Under Construction u.a. mit Anna Reusch

Do 14.5.: Open Air zum Vatertag

Sa 6.6.: Rumble in the Jungle

u.a. LTJ Bukem

Alle Termine, Infos, Tickets: www.soku-nw.de

Tanz im Garten: Soku-Open-Air.
Tanz im Garten: Soku-Open-Air.
Kein Titel (3000 x 2000 px)

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