Buchtipp
Roman: „Zukunftsmusik“ von Katerina Poladjan
Die Zukunftsmusik beginnt mit einem Trauermarsch. Aus einem Radio in einer nicht näher definierten russischen Stadt „Tausende Werst oder Meilen oder Kilometer östlich von Moskau“ dudelt der langsame Satz aus Chopins zweiter Klaviersonate, der in der Sowjetunion immer dann gespielt wurde, wenn ein Generalsekretär der KPdSU gerade das Zeitliche gesegnet hatte. Dass es in diesem Fall Konstantin Ustinowitsch Tschernenko war, wird man im Laufe von Katerina Poladjans jüngstem Roman erfahren. Der Name seines Nachfolgers – Gorbatschow – fällt indes nicht. Wohl aber ein Datum: Es ist der 11. März des Jahres 1985.
Janka und ihre Familie in einer Kommunalka
Staatstrauergrundiert also beginnt dieser Tag in einer jener Kommunalkas, in der auf Geheiß der Behörden mehrere Parteien in jeweils einem Zimmer hausen und sich Klo und Küche teilen. Die junge Janka kehrt von der Nachtschicht in der Glühbirnenfabrik zurück, um sogleich mit skandalöser Ausdauer das Bad zu blockieren. Maria, ihre 45-jährige Mutter, bricht zu ihrem Job im Museum auf, wo der verrückte Direktor erotische Zeichnungen verstreut; vorher gibt sie noch schnell Kroschka, Jankas uneheliches Töchterchen, im Kindergarten ab. Marias Mutter Warwara, die mit einem verheirateten Nachbarn, dem schönen Schlafwagenschaffner Ippolit, ein heimliches Techtelmechtel hat, ist zwar bereits pensioniert, geht aber trotzdem noch ins Krankenhaus, um weiter Kinder auf die Welt zu holen. Und auch Matwej Alexandrowitsch, der sein Leben, Fühlen und Denken in Kästchen sortiert und sich in ungeschickter Leidenschaft nach Maria verzehrt, begibt sich zur Arbeit in einem Versuchslabor, wo ihm freilich ein fataler Unfall passiert ...
Prosa von kristalliner Klarheit
Es ist ein einziger Tag, in dem Katerina Poladjan das Leben einer Handvoll Menschen kondensieren lässt. Das erinnert an James Joyce’ „Ulysses“, wobei Poladjans Prosa gar nicht verkünstelt, sondern von kristalliner Klarheit, ihr Roman mit knapp 200 Seiten von frappierender Kürze ist. Auf die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms greift, wie Joyce, aber auch Poladjan zurück. Ihr „Stream of consciousness“ ist multiperspektivisch, er verteilt sich mit jedem Kapitel neu auf eine der drei Frauen respektive auf Matwej.
Privatkonzert in der Gemeinschaftsküche
Mosaikartig, aus wechselnder Sicht, setzt sich die Erzählung dieses Tages zusammen, der auf ein „Kwartirnik“ zusteuert, ein Privatkonzert, das Janka, die ein Faible für David Bowie und Punk hat und sich selbst zur Musikerin berufen fühlt, in der Gemeinschaftsküche der Kommunalka geben will. Doch auf dem Weg zu diesem Ereignis bekommt die Welt, die Poladjan anfangs so realistisch schildert, immer mehr Risse. Immer stärker tendiert der real existierende sozialistische Alltag ins Surreale: Der alte Professor von nebenan scheint sich durch die Decke katapultiert zu haben. Pawel, Jankas schwuler oder bisexueller Freund, der ihr für das abendliche Konzert eine neue Gitarre organisieren wollte, bleibt auf ominöse Weise verschwunden. Und das „Kwartirnik“ mutiert zu einer grotesken, albtraumhaften Party. Am Ende steht eine Szene wie aus einem Gemälde von René Magritte.
Allegorie auf einen historischen Wendepunkt
Poladjan, die 1971 in Moskau geboren wurde, seit den späten 70er-Jahren in Berlin lebt und auf Deutsch schreibt, legt mit „Zukunftsmusik“ ein faszinierendes kleines Werk vor. Man kann es lesen als Allegorie auf einen historischen Wendepunkt in der Geschichte der Sowjetunion. Vor allem aber ist ihr Roman ein Psychogramm, das nicht nur von der existenziellen Verunsicherung der Figuren kündet, sondern auch dem Leser Gewissheiten vorenthält.
Katerina Poladjan: „Zukunftsmusik“, S. Fischer Verlag, 2022, geb., 185 Seiten, 22 Euro
