Saarbrücken / Heidelberg / Wiesbaden Las-Vegas-Glamour aus Chemnitz: Blond kommen in die Region
Wäre die Bundesrepublik ein Körper, würde man Chemnitz möglicherweise als Problemzone beschreiben. Seit Jahren haftet der sächsischen Großstadt das Image einer rechtsextremen Hochburg an, Rassismus ist dort ein nicht wegzudiskutierendes Problem. Bei der jüngsten Bundestagswahl machten in der Kulturhauptstadt Europas 2025 (!) rund ein Drittel aller Wähler ihr Kreuz bei der AfD.
Chemnitz hat aber auch eine andere Seite. Eine lebhafte Kulturszene, die sich dem schlechten Image der Stadt entgegenstellt; eine Szene, die die Probleme in der Stadt thematisiert und sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden künstlerischen Mitteln bekämpft. Die Jungs von Kraftklub gehören dazu, die Indie-Pop-Kapelle Power Plush auch, die Indie-Künstlerin Gwen Dolyn sowieso. „Warme Schimmer in kaltem Grau“, wie es der Mitteldeutsche Rundfunk (in Bezug auf Power Plush) mal treffend beschrieb.
Musikalischer Widerstand
Auch die Indie-Pop-Kapelle Blond gehört in diese Riege. 2011 fanden Nina und Lotta Kummer (ja, genau, die beiden sind die Schwestern der Kummer-Brüder von Kraftklub – und die Töchter von Beate Dübe und DDR-Avantgarde-Musiker Jan Kummer) und der blinde Johann Bonitz (daher die Sonnenbrille), die sich schon seit Kindheitstagen kennen, als Band zusammen. Ihren ersten Auftritt vor Publikum hatte die Kapelle bei Bonitz’ Jugendweihe.
Früher, das erzählten sie dem Magazin „Fluter“, haben die Bandmitglieder es nicht an die große Glocke gehängt, aus Sachsen zu kommen. Sie hätten es vermieden, im Dialekt zu sprechen. Dem Sächsischen haftete aus ihrer Sicht immer etwas Peinliches an, etwas, über das sich ein Stefan Raab im Fernsehen lustig machte. Mittlerweile haben sie ein anderes Verhältnis dazu, und ja, zur eigenen ostdeutschen Identität. In dem Podcast, den Nina und Lotta zwischenzeitlich betrieben, wurde ungezwungen gesächselt.
Zur neuen Selbstsicherheit im Umgang mit der eigenen Identität gehört auch, den Rechten in der eigenen Stadt nicht kampflos das Feld zu überlassen. Die linke, kreative Blase von Chemnitz ist klein, aber existent. Nina Kummer im „Tagesspiegel“: „Wir lieben die Leute, die dort in der Subkultur kreativ tätig sind. Da gibt es viele Leute, die Bock haben, Sachen zu machen. Dadurch, dass es nicht so überladen ist, unterstützen sich alle gegenseitig. Das ist schon fast ein bisschen dorfmäßig. Deshalb wollen wir auch nicht weggehen, denn um die Band herum war von Anfang an ein riesiger Freundeskreis. Die Musikvideos sind zum Beispiel von Kumpels aus Chemnitz.“ Chemnitz kann mehr. Chemnitz ist mehr.
Das inhaltliche Spektrum von Blond ist breit. Auch der Mann und seine sexistischen Irrungen und Wirrungen werden bei Blond zum Song-Sujet gemacht. 2020 griff die Band im Song „Thorsten“ beispielsweise das Thema „Mansplaining“ auf. Und in „Bare Minimum“, aus dem jüngsten Album, setzt sich Johann selbstironisch als Feminismus-Ikone in Szene: „Ich setze mich hin beim Pissen ...
Tosender Applaus ... Bring mein Kind zur Kita ... Und die Leute rasten aus ... Ich stell mein Geschirr ...
Schon mal in die Spüle rein ... Wie kann man nur so ein ... Feminist Icon sein.“
Das Interesse am Thema kommt nicht von ungefähr, in der Musikbranche sind vor allem Künstlerinnen immer wieder mit „sexistischer Kackscheiße“ konfrontiert. „Wir waren mal bei einem Festival, wo der Moderator nach unserem Auftritt sagte: ,Das waren Blond. Musik geil, Frauen auch geil, so muss das doch sein’“, erinnert sich Nina Kummer im „Tagesspiegel“.
Auf Liedern wie „Girl Boss“ bringt die Band aber auch den Ausverkauf feministischer Werte zur Sprache, der sich in Sinnlos-Produkten wie „Boss-Bitch-Klopapier“ oder „Viva la Vulva“-Wein zeige. Nina Kummer dazu im „Musikexpress“: „Manchmal denkt man: ,Wir sind schon sehr weit. Die Werbung ist divers und auf alle Körpertypen ausgelegt.’ Aber eigentlich sind das nur Marketing-Instrumente, die im Kapitalismus gut funktionieren. Zwar können die ihre Skincare-Produkte jetzt auch an Männer verkaufen. Das hat aber nichts mit einem wirklichen Kampf gegen Ungleichheit, Diskriminierung und Sexismus zu tun. Die Chefetagen haben kein wirkliches Interesse daran, alles fairer zu gestalten.“
Mit neuer Platte on tour
Es gibt also noch viel zu tun. Aber auch Konzerte zu spielen. Mit ihrem neuen Album „Ich träum doch nur von Liebe“, im Mai 2025 auf den Markt gekommen, sind Blond gerade auf Tournee. Oder besser gesagt: immer noch. Denn bei den 2026er Konzerten handelt es sich ob der hohen Ticketnachfrage um Zusatzshows.
Bei dieser Bonus-Tour also machen sie am Samstag, 2. Mai, in der Garage in Saarbrücken Station. Einen Tag später, am 3. Mai, sind sie dann in der Halle 02 in Heidelberg zu erleben. Kurz darauf kommen sie nach Wiesbaden.
Termine
Blond: »Ich träum doch nur von Liebe«-Tournee – Sa 2.5., 19.30 Uhr, Saarbrücken, Garage; So 3.5., 19 Uhr, Heidelberg, Halle 02; Sa 9.5., 20 Uhr, Wiesbaden, Schlachthof; Tickets gibt es unter anderem über www.eventim.de.
